Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1907)
- Article
- Jettchen Gebert
- Date
- 1907-02-01
- Page
- Seite 105 - 106 (sequence 2)
- Language
- German
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105 Ben-Uri: Jettchen Gebert. 106 CONSTANT MAYER. FEDERZEICHNUNG. Froh im Sinn. sich auf uns mit; wir werden bildsam und fühlen, wie ein formendes Werden durch unsere Seele zieht. Ein Menschenkind geht an uns vorüber, schön erwachsen in gleichmässigem Lichte des Tages, voll frischer Keife und geborgener, ruhiger Tiefe. Das ist rjettchen. Und andere sind da um sie, ganz menschlich wie wir selbst. Die leben und sinnen, lieben sie und verwunden ihre Seele, schmücken sie mit Kostbarkeiten und werden ihr Schicksal. Dass sie Juden sind, gibt nur dem Relief eigenartige Profilierung und Beleuchtung; in mäliger Transparenz schimmert es durch und zeigt das Menschliche von eigentümlichem Ornament umgeben, schnörkelhaft zuweilen, aber immer überzeugend und regsamen Lebens voll. Man könnte bedauern, dass des Dichters Yerhältnis zu seinem jüdischen Milieu nicht inniger, persönlicher ist, dass es mehr ein ästhetisches als ein herzliches ist. Man könnte wünschen, dass die künstlerische Wahrheit weniger die persönlichen G emütswallungen ausgeschieden hätte, dass aus der objektiven Lebensfülle mehr persönliches Liebesbekenntnis herauszufühlen wäre. Damit aber hätte die Dichtung mehr unmittelbare Innigkeit des Tones wohl, aber sie wäre nicht so schön und reif als Kunstwerk. Dass der Dichter die Behandlung religiös-geistiger Dinge vermeidet, scheint seinen Grund in der Unkenntnis dieser Seite des Judentums zu haben, was man auch daraus schliessen kann, dass er einen Ausspruch Moses in völlig verunstalteter Form dem Hohenpriester Aron in den Mund legt. Durch die Abwesenheit einer Tendenz sowohl wie gedanklicher Kleinmalerei bekommt aber die Schilderung etwas Aufrechtes, Sieghaftes, Vollgültiges. Die Juden sind da Menschen, sie gebärden sieh nicht scheu und vergrämt, nicht seltsam und fremdartig, sondern gradeaus und unbeirrt menschlich. Sie reden nicht viel von ihrem Judentum und üben nicht viel davon, aber es ist ihnen ein Erbe, das sie makellos erhalten wollen, und Onkel Jason, der geistreiche Skeptiker, äussert zu seinem christlichen Freunde, Jettchens Liebsten: „Unsere Familie hat den Stolz, dass wir eben als Juden hier angesehen und geachtet sind. Wenn mein Vater sich und uns hätte taufen lassen wollen, wie ihm öfter als einmal nahegelegt worden ist, wir hiessen vielleicht heute von Gehert und wären Offiziere und Räte "bei der Regierung. Und dass wir das nicht getan haben und nicht zu Kreuze gekrochen sind und in keiner Weise unsere Gesinnung verkauft haben — nicht so und nicht so — das ist unser Stolz." Das ist gewiss kein besonderes Verdienst, es ist nicht anders denkbar für den, der Charakter hat. Aber die Geberts haben diesen Charakter; sonst sind sie freidenkerisch, aufrecht, selbstbewusst und haben die säuberliche Behaglichkeit des vormärzlichen Bürgertums und eine selbstfreudige Noblesse. Die hat Jettchen vor CONSTANT MAYER. PARIS. Die Näherin.