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Ost und West · 1907-02-01 · Heft 2 (Februar 1907) · p. Seite 103 - 104

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Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 2 (Februar 1907)
Article
Jettchen Gebert
Date
1907-02-01
Page
Seite 103 - 104 (sequence 1)
Language
German
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103 104 JETTCHEN GEBERT.*) Von Ben-Uri. Tagelang .schwebt einem ihr Bild vor, man geht umher und denkt an dies Menschenkind, das so schön ist wie ein Maientag, frisch und licht und hold versonnen. Man sieht die „samtig glänzenden" Augen, die verschwiegen umherirren im stummen Leid, den herrlichen Leib und die blanke Seele, über die sich das Frösteln legt, das starre Frösteln. Armes Jettchen. So sagt man vor sich hin, wenn man strassenwärts geht durch die vielköpfige Menge; so spricht man vor sich, wenn man im Kreise von Menschen sitzt, und dann sinnen die Frauen und sagen: das arme Jettchen! Voller Leibhaftigkeit sehen wir die Gestalt, wahr, greifbar und sinnfällig, unverrückbar in der Realität; und doch von Traum und Hauch umgeben, von SchLeiern umhüllt, wundersam und ganz Erstaunlichkeit, wie Menschenseelen, Menschenwesen sind. So sehen wir Jettchen und ihren Kreis in Georg Hermanns herrlichem Roman. So sehen wir sie, ausgestaltet in der Wirklichkeit, träum geboren im .Dichterland; sehen sie bangend und tief beglückt, staunenden Auges und zitternden Herzens. Und man wird ein besserer Mensch dabei. Ich war innerlich arm, sah oberflächlich ins Leben und ging an Menschen und Schicksalen gleichmütig vorbei. CONSTANT MAYER. DIE WAISE. Nachdruck verboten. Da las ich „Jettchen Gebert14, und ich fand meine Ehrfurcht wieder; und man kann nicht anders denn glauben, so müsse es allen gehen. Dies aber ist ein untrüglich Zeichen, dass man ein Kunstwerk erlebt hat. Es ist schwer, etwas darüber zu sagen, was man eine Kritik, ein fachmännisches Urteil nennen könnte. Man ist so voll Dankbarkeit, und wenn man dankbar ist, wird man leicht trivial, und das darf bei diesem Buch nicht geschehen; denn es ist Leben. Das blüht und träumt, wächst und spinnt und fängt Farben in der Sonne, wie das Leben selbst. Man sieht den Tag und die Dämmerung, in Raum und Saum regt sichs, Hintergründe steigen bildhaft herauf und weiten sich tief und fern; laut und leis rühren Menschen an einander, Menschenlose wandeln sich, Kobolde kichern, und Jettchens samtene Augen blicken in unsäglicher Trauer daraus. Alles ist Weben darin, lebendiges Keimen, Reifen und Welken; das Naturdasein gewinnt Sprache, wird des Sinnes voll und unserem Wesen verbrüdert, und bleibt doch wahrhafte Natur, wurzelhaft vegetativ. In jeder Zeile ist das starke Kunstgefühl zu spüren, das Hermanns Kunstkritiken so nachgestaltend lebensvoll machen, und zugleich der Naturatem, die eindringliche sachliche Sinnlichkeit, die aller Kunstanschauung letzter Quell ist. Innerlichkeit und Erdenfülle. Wir werden in die Natur hinausgeführt, ein Frühling und ein Sommer lacht und rauscht und bangt um uns her, wir sehen das Sprossen und Wachsen und den Wandel des Lichts, gehen verhaltenen Atems mit, gehen der Jahreswende zu in der Natur und Jettchens Dasein. Es Hesse sich ja die Anmerkung machen, die Versinnlichung der Vorstellungen sei zuweilen zu stark, die Materialisation der Dinge zu üppig, und die reine Stofflichkeit sei mitunter zu lose über die Erlebnisse gespannt. Aber dazu muss man sich kritisch gegenübergestellt haben, sonst wird man es nicht gewahr. Es ist ja Fülle der Sinnen weit und quellendes Leben, da gibt es eben Ranken und Reiser, die weit hinausspriessen und alle Ecken überfluten. Und das ist von soviel Humor und Helligkeit durchleuchtet, dass es uns wegsam genug ist: und zieht uns an und lockt uns weiter. Wir werden hineingezogen in Handlung und Zuständlichkeit, hangen und bangen darin, als forme und bilde das Buch uns selber und gebe uns Gepräge und letzte Bestimmung. Ein Lauschen ersteht in uns, und wir wähnen uns zu schauen, lauschend wir und offenbarend das Leben. Die bildnerische Kraft erstreckt *) Jettchen Gebert. Roman von Georg' Herrmann. Berlin, Egon Fleische! & Co. 190C>.

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