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Ost und West · 1907-02-01 · Heft 2 (Februar 1907) · p. Seite 107 - 108

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Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 2 (Februar 1907)
Article
Jettchen Gebert
Date
1907-02-01
Page
Seite 107 - 108 (sequence 3)
Language
German
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107 Ben Uri: Jettchen Gebert. 108 Helena Arsene Darrnesteter (Selbstportrait) allen, sie ähnelt noch am meisten dem alten Gebert, dem Hofjuwelier, der „stocksteif and stolz in sein Schlafzimmer ging und voran der Diener mit einem dicken Band des Athenäums in der einen und einem silbernen Leuchter mit einer hohen Kerze in der anderen Hand —Dem ist Jettchen am ähnlichsten, sie hat „dieselbe Sinnesfeinheit und dieselbe Lebensstärke." Und doch kommt das Unglück über Jettchen. Die Sippe ist stärker. Die Jacobys aus Bentschen haben sich in die Familie eingenistet und nasren still und schleichen und saugen nach Sippenart. Onkel Salomon, Jettchens Nährvater, hat die Sinnesfeinheit verloren, Onkel Jason hat keine Lebensstärke, und Onkel Eli, das prächtige, knurrige Männchen, ist uralt. Da Jettchen den Dr. Kössling liebt, den schüchternen, Linkischen, mittellosen Dichter, den blonden Christen und Träumer, da lassen die Frauen den Nefien Julius kommen und spinnen ihre Netze. Die Geberts werden überredet und umgarnt, werden willfährig oder machtlos, Jettchen wird durch mild und kosend knechtende Familienzärtlichkeit mürbe gemacht und kann nicht mehr nein sagen. So wird sie die Braut des kleinen, dickleibigen Julius Jacoby aus Bentschen, geht betäubt umher und schweigt. Wenn er sie mit seinen dicken kurzen Fingern berührt, durchzuckt es sie eisig, des Nachts kommen rote Spinnen und umfangen mit langen Fäden ihren Leib, Onkel Salomon sieht sie in stummer Reue fragend an, sie küsst ihren Liebsten vor deni Hochzeitstag in wildem Weh und schweigt und schweigt. Sie sagt sieh, man esse nirgends umsonst zwanzig Jahre fremdes Brot, nun müsse sie die Eechnung bezahlen, wie es in ihres Onkels Hause Sitte. Sie wird Julius Jacobys Weib; der küsst sie und sagt ihr, „dass er so glücklich wäre, und zum Geschäft hätte er auch Zutrauen"; dann sitzt sie im Brautschmuck als reiche Braut, hört lustige Reden sehwirren und fühlt Julius Jacobys kurzfingerige Hand. Da geht sie heimlich, des Geliebten Bild im Herzen, die Treppe hinab, in die kalte Finsternis hinaus..... Das ist Jettchen Geberts Geschichte, auf die nach einer Andeutung im Schlusswort die Geschichte von Jettchen Jacoby folgen soll. DER POGROM. Von Maria Konopnicka. — Aus dem Polnischen. Nachdruckverboten. Im Gässchen herrschte seit gestern eine gewisse Unruhe. Der alte Mendel wundert sich, stopft öfter als gewöhnlich sein kurzes Pfeifchen und guckt durchs Fenster. All diese Leute hatte er hier noch nicht gesehen. Wohin gehen sie? Wozu halten sie Arbeiter auf, die zu dem Bauplatz eilen, wo das Fundament unter das neue Haus gegraben wird? Woher kommen alle diese in Lumpen gekleideten Gassenjungen? Wozu spähen sie in den Torgängen herum? Woher haben sie das Geld, um zu Fünfen in die Schänke zu gehen? Der alte Mendel schüttelt das Haupt, indem er an dem stark gekrümmten Weichseltschibuk saugt. Er kennt es so gut, dieses stille Gässchen, seine Physiognomie, seine Stimmen, seine Pulsschläge. Und wie sollte Mendel Gdanski es nicht kennen, da er siebenundzwanzig Jahre in der nämlichen Stube, hinter dem nämlichen Fenster seine Buchbinderwerkstätte hat; über ein Vierteljahrhundert steht er in seiner Ledersohiirze da, jeden Tag, und während seine nervige, trockene, jetzt schon etwas zitternde Hand die Holzschraube der Presse lenkt, blicken seine Augen unter den grauen, überhängenden, dichten Brauen in diese Gasse, die in der grossen Stadt gleichsam eine besondere, in sich abgeschlossene Welt bildet. Mendel weiss alles, alles was man mit scharfem Auge rechts und links wahrnehmen, was das Ohr rechts und links erhorchen, was man in langen Stunden mit dem Verstand ausdenken kann, während das Hämmerchen sich auf dem Brett hören lässt, und die Papierbogen, sich in saubere Bände fügend, rascheln. Und ihn kennen alle hier. Ein Fremder lässt sich nur selten blicken; man ist hier untereinander wie Genossen desselben Hauses. Der alte kahlköpfige Uhrmacher von gegenüber ruft ihm jeden Morgen im Sommer einen Gruss zu und beginnt ein Gespräch über Bismarck; der schwindsüchtige Seildreher befestigt an seiner Tür-

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