Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1907)
- Article
- Berthold Auerbach
- Date
- 1907-02-01
- Page
- Seite 81 - 82 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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81 B. Saphra: Berthold Auerbach. 82 Im März 1881 wurde er ins ScMoss zur Kaiserin Augusta und deren Schwiegersohn, dem Grossherzog von Baden gebeten. Man sprach von dem blutigen Attentat auf den Kaiser Alexander von Russland. Auerbach bemerkte, die Art, wie die Judenhetze in Deutschland unablässig betrieben werde, sei auch ein Werfen von Dynamitliomben. Die Kaiserin und der Grossherzog sprachen ihm Trost zu und äusserten die Meinung, der Antisemitismus sei eine vorübergehende Erscheinung. Einige Monate darauf entrissen ihm die Greueltaten in Siidrussland folgenden Schmerzensruf: „Die Gemeinheit, die sich bei uns in Deutschland breit macht, zeigt sich in Russland gleich brutal als Raub und Mord. Und wenn ich daran denke, wieviel hundert Juden dort jetzt gemordet und geschlagen sind, so blutet mir das Herz, und es erscheint mir als eine Hartherzigkeit, dass wir da draussen uns vergnügen, Kunstgenüsse und alles haben, und dort ist Jammer und Wehgeschrei.....Wie ein grausames Rätsel stellt sich die Erneuerung der gräulichen Gemeinheit dar . . . Der Verstand steht einem still, aber das Herz will nicht still stehen.u Es war ein grosses, edles Herz, das zehn Monate darauf still stand für ewig, weit unten in Cannes, auf fremder Erde, 30 Tage bevor Auerbach seinen 70. Geburtstag begehen konnte, auf den er sich wie ein Kind gefreut haben mochte. Wie ein Kind, — deun er hatte bei aller tiefen Lebenserfahrung, bei aller grossen und umfassenden Weisheit und scharfen durchdringenden Menschenkenntnis sein ganzes Leben lang etwas Kindliches, naiv Herzliches und Schlichtes. Er beurteilte alle die zahlreichen Menschen, mit denen er zusammentraf, genau und treffend, kannte ihre Fehler und Schwächen, liebte sie aber, so wie sie waren, und empfand wie ein Kind das brennende Bedürfnis, von allen geliebt und bewundert zu werden. Daher seine Empfänglichkeit für Lob. Aber er war vollkommen frei von Hochmut, für den er „gar kein Talent hatte", und ebenso frei von Neid. Er war es, der Gottfried Keller nicht nur zum Schalfen anregte, sondern ihn auch auf den Schild hob und ihm den Weg zur Anerkennung bahnte und, als sein eigner Stern schon im Erblassen war, ihm noch einen ermunternden Gruss zurief All die Bitterkeit, die ihm in den letzten Lebensjahren beschieden war, galt nicht seiner Person, sondern dem Stamm, dem er entsprossen, zu dem er sich allezeit laut und freudig bekannte, * * # Ein Brief des Fürsten von Hohenzollern, Vaters des Königs Carol von Rumänien, an Berthold Auerbach, betreffend die Judenverfolgungen in Rumänien, 1868. „Verehrter Freund! Schon längst würde ich Ihre inhaltsschweren Briefe beantwortet haben, wenn ich nicht in der Zwischenzeit eingehende Recherchen gepflogen hätte, um über die sehr allarmierenden Gerüchte wegen Judenverfolgung in der Moldau usw. mir Gewissheit zu verschaffen. Diese Gewissheit liegt mir in vollem Masse jetzt vor. Mein Sohn ist tief verletzt über die Tatsache, dass ihm solche Willkür-Akte im entferntesten nur zugemutet werden könnten. Er und seine Regierung" leugnen auf das bestimmteste, dass irgendwo ein so schändlicher Missbrauch gegen die Juden vorgewaltet habe, und sie führen die Entstehung und Verbreitung solcher gehässiger, aller Zivilisation Hohn sprechender Ausstreuungen auf ausserhalb Rumäniens liegende, sehr feindselige, mit perfider Absichtlichkeit gepflegte Intrigen zurück. Da es nun aber doch in der Möglichkeit liegen könnte, dass terroristische Massregeln von untergeordneten Organen platzgegriffen haben, so hat sich mein Sohn entschlossen, eventuelle Vorkommnisse an Ort und Stelle persönlich zu untersuchen und die vielleicht irgend einem Partei-Interesse dienstbaren Schuldigen mit rücksichtsloser Strenge behandeln zu lassen. Durch diesen Akt identifiziert er sich mit Anschauungen der Humanität und zeigt öffentlich, dass er die Niedertracht, wo er sie auch finden möge, entschieden zu bekämpfen und auszurotten bestrebt ist. Seine Geistes- und Herzensbildung sowie sein ganzer Erziehungslauf sind mir Bürge dafür. An Rumänien darf überhaupt jetzt noch nicht der Mafsstab europäischer Kultur gelegt werden. Alle Bestandteile der dortigen Bevölkerung, inklusive Juden, befinden sich heute noch in einer Verfassung, die durch jene der Grenzländer natürlich bedingt ist. Es ist einerseits der dieses Land von etwas frischen siebenbürgischen Elementen scheidende Karpathenwall — andererseits ist es der unvermeidliche Kontakt mit tief gesunkenen russischen und türkischen Zuständen, was einer nach unseren Begriffen kräftig moralischen Anfraffung hindernd im Wege steht. Ein Menschenleben wird nicht ausreichen, die Besserung zu ermöglichen; aber es kann doch meinem Sohne beschieden bleiben, den Keimen einer hoffnungsvolleren Entvvickelung nicht fremd geblieben zu sein. . . . Es schneidet mir oft tief ins Herz hinein, wenn ich Beurteilungen, Ansichten und Aussprüche lese, die auf ganz falsche und gehässige Voraussetzungen sich gründen. Die unrichtigste aller Voraussetzungen gipfelt in der Annahme, dass meines Sohnes Regierungsergreifung in den Donaufürstentiimern im Zusammenhange mit der Waffnung Preussens gegen Oesterreich gestanden. Meines Sohnes Ankunft auf rumänischem Boden fand statt, nicht weil die Kriegseinleitungen gegen Oesterreich schon im vollen Zuge waren, sondern obgleich dieselben im Stadium des Beginnes sich befanden. Die so scharf und so oft hervorgehobene Inkognito-Reise durch Oesterreich lag in der Natur der Sache, und dass sie gelungen, beweist, dass sie mit Geschick vollführt worden. Die Veranlassung derselben war nicht in Oesterreich zu suchen, sondern in Rumänien, da es galt, ein fait accompli zu schaffen. Hierbei ist ein jeder sich selbst der Nächste. Meines Sohnes politisches Glaubensbekenntnis ist durchaus nicht gegen Oesterreich gerichtet, von welchem allein — niemals aber von Russland und der Türkei — zivilisatorische Einflüsse zu erwarten sind. Will ihm aber der Drang der österreichischen Rumänen nach einer nationalen Stammeseinigung vorgeworfen werden, so beweist dies nichts anderes als absichtliche Verkennung. Mein Sohn hat mit der inneren Ordnung und Kräftigung genug zu schaffen, — er wird sich gewiss leichtsinnigerweise keine auswärtige Komplikation auf den Hals laden. Dass die „Neue Freie Presse" überhaupt für das Bojarenturn plädieren kann, ist der auffallendste Widerspruch in ihrer politischen Haltung; dass sie aber an