Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1907-02-01 · Heft 2 (Februar 1907) · p. Seite 79 - 80

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 2 (Februar 1907)
Article
Berthold Auerbach
Date
1907-02-01
Page
Seite 79 - 80 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2583875-2583954-2583957-2588185--06826-2588270
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

79 B. Saphra Berthold Auerbach. 80 g-anz frei waren und wieder zurückgeworfen wurden. Könnte das noch einmal so sein in der Geschichte?" Aber nicht bloss an dem Schicksal der Juden seines Vaterlandes, sondern auch der in fremden Ländern nahm Auerbach regen Anteil. Er jubelte, als im ungarischen Reichstage 1867 das Gesetz über die bürgerliche Gleichstellung der Juden ohne Debatte einstimmig angenommen wurde. „Das ist doch etwas, was wir nicht zu erleben glaubten, dass unser heisses und schweres Drängen so zum Einmaleins der Humanität geworden; wer will da sagen, man dürfe am Sieg des reinen Gedankens zu irgend einer Zeit verzweifeln?" . . . Ein Jahrzehnt darauf sollte sich die bittere Enttäuschung bei ihm einstellen. Als im Jahre 1867 in Rumänien Judenverfolgungen veranstaltet wurden, hatte Auerbach die Absicht, zusammen mit Moses Monteflore nach Bukarest zu reisen. Der Plan kam jedoch nicht zur Ausführung. Als sich im Jahre 1868 die Gräuel erneuerten, verwendete sich Auerbach beim damaligen Fürsten, jetzigen König Karol von Rumänien, für die Bedrängten im Namen der Menschlichkeit und Gerechtigkeit. Der Vater des Fürsten, der ehemalige preussische Ministerpräsident, ein Freund und Verehrer Auerbachs, richtete darauf an diesen einen Brief, der nachher in der Neuen Freien Presse abgedruckt wurde und den wir weiter unten veröffentlichen. Interessant ist, dass der Vater des von den Rumänen zu ihrem Fürsten erkorenen Hohenzollern sich auf die kurz zuvor in Böhmen stattgefundenen Judenhetzen hinausredet und andeutet, dass, was für Oesterreich recht, für Rumänien billig sein kann. Schlägst du deinen Juden, so scli'age ich meinen Juden! Mittlerweile hatte der Antisemitismus inDeutschland sich zu regen begonnen. Auf leisen Sohlen trat er zuerst auf, in ästhetisch -philosophischen Gewändern, im Menuett-Schritt, mit wichtigen, würdevollen Gesten. Auerbach mit seinem feinen Empfinden witterte, dass etwas Unbekanntes, Drohendes herannahte, und bange Ahnungen klingen oft aus seinen Briefen an den Freund. Eine der frühesten Aeusserungen des neuerwachenden Judenhasses noch vor dem Kriege war die berüchtigte Broschüre Richard Wagners „Das Judentum in der Musik." Mit grosser Bitterkeit äusserte sich Auerbach darüber. Er empfand Aerger und zugleich eine Art von Schadenfreude, weil Felix Mendelssohn „als Inkarnation der Judenmusik" von Wagner hingestellt wurde, derselbe Mendelssohn, den Auerbach nicht leiden konnte, „weil er einmal bei ihm eine entschiedene Abwendung von allem, was die Juden betrifft, fand/' Aber das und Aehnliches waren nur sanfte Präludien zu dem grossen Hallali, das mitte der siebziger Jahre gegen die Juden erscholl. Auerbach war erstaunt und entsetzt zugleich. „Rätselhaft ist mir der neuerwachte furor teutonicus gegen die Juden. Ich möchte die Grundquelle finden. Besteht sie vielleicht iarin, dass das Selbstgefühl der Deutschen jetzt erwacht ist? Aber der Judenliass war ja auch schon in den Zeiten der Unterdrückung und besonders in der Reaktion von 1812—1830. Wo steckt es also?" An ihn persönlich, ebensowenig wie an andere geistig hochstehende Juden wagte sich der Hass noch nicht heran, aber er litt für andere. „Ich wollte heute arbeiten," schrieb er 1879, „da lese ich in der Zeitung, dass ein Prozess vor Gericht verhandelt wird gegen die Juden, die ein Christenmädchen getötet und ihm für Ostern das Blut abgezapft haben sollen. Das steht so da, und nun soll ich eine Dichtung zu Papier bringen, um ein ethisches Motiv zum A iistrag zu bringen. Ich "bin so ausser mir und weiss doch nicht, wo hinaus. Ich habe eine in allen Zeitungen zu veröffentlichende Erklärung abgefasst. Ja, da gehe ich in Zorn, Erbitterung und Wehmut mutlos umher und es steigert das Entsetzliche noch, dass ich voraussehe, wie Hunderte und Tausende die Zeitungsnotiz beiseite legen . . . Ich weiss, wie ich damals bei der Damaskusgeschichte wochenlang nicht schlafen konnte. Eine tiefe Lebens Verachtung, eine Verzweiflung an aller Geistesarbeit und Zorn über den Mangel an Solidarität lässt mich kaum die Feder führen . .. Was haben wir von Jugend an gelitten von den Kindern derer, die Hexen und Ketzer verbrannten. .Es klingt wie der Aufschrei eines tief verwundeten Herzens Von ähnlichen Jamraertönen ist es voll in seinen Briefen bis an sein Lebensende. Man kann sagen, dass der Antisemitismus Auerbachs letzte Jahre vergiftet und ihm schliesslich den Todesstoss versetzt hat. Wir spätgeborenen, die wir um so vieles abgehärteter sind als Auerbach und seine Generation, wir, deren Jugendträume nicht von den holden Schattenbildern einer seligen Völkerliebe umgaukelt waren, können die ganze Tiefe dieses Schmerzes nur nachempfinden. Er verfolgt mit überempfindlicher Reizbarkeit alle Aeusserungen gegen und für die Juden Er ist zu Tode betrübt über die „Petition an Bismark gegen die Juden" (1880) und jauchzt himmelhoch als „die besten Männer, an ihrer Spitze Forckenbeck- und Mommsen, die Infamie der Antisemiten brandmarken." Aber einige Tage darauf stöhnt er wieder: „Vergebens gelebt und gearbeitet! Das ist der zermalmende Eindruck der zweitägigen Judendebatte im Abgeordnetenhause. Erbitterung über die entsetzliche Tatsache, dass solche Eoheit, solche Verlogenheit und solcher Hass noch möglich sind." Und einige Monate darauf fühlte er sich wieder „wie neubelebt" infolge von Virchows und Richters Auftreten gegen die Judenhetze. Es liegt etwas unendlich Tragisches in dem Gedanken, dass dieser feinfühlige und leicht verletzbare Edelmensch im Grunde für die wirklichen oder vermeintlichen Sünden anderer leidet. Das war eben der Fluch des Antisemitismus, dass er die Edelsten und Vornehmsten in ihrer tiefsten Seele traf und verwundete, während er die, die ihn angefacht, völlig ungeschoren liess. „Was hörte man im Abgeordnetenhaus?" ruft Auerbach. ,.Die Börse und wieder die Börse. Sind denn wir anderen seit Moses Mendelssohn nicht auch da?" Und an den Schriftstellerkongress in Wien erwiderte er auf sein Begrüssungsschreiben, seit dem Ausbruch des Antisemitismus begreife er die Sage von dem Manne, der in einer Nacht alt wurde.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.