Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1907)
- Article
- Berthold Auerbach
- Date
- 1907-02-01
- Page
- Seite 77 - 78 (sequence 3)
- Language
- German
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77 B. Saphra: Berthold Auerbach. 7S Die Gemeindegewaltigen von Hamburg bewiesen damals ebensoviel Geschmack und Verständnis, wie jene, die seinerzeit Zunz und Graetz nicht als Prediger akzeptieren wollten. Und ebenso wie jene vollbrachten sie unbewusst ein gutes Werk. Auerbach widmete sich fortab gänzlich der Literatur. 184.3 erschienen seine ersten 12 „Dorfgeschichten", die seinen Dichterruhm begründeten und in die weitesten Kreise der Gebildeten trugen. Es war ein gänzlich neuer Ton, den er in die Literatur hineinbrachte. Man kann sagen, dass Auerbach den Landmann für die deutsche Literatur entdeckte. Es ist erstaunlich, wie dieser Talmudjünger, der Sohn eines jüdischen Chasan und Enkel eines Rabbiners, tief in die Seele des schwarzwälder Bauern einzudringen vermochte, wie wunderbar er seine Leiden und Freuden, sein Sehnen und Hoffen, seinen Glauben und sein Zweifeln begriff, wie trefflich er es verstand, das rein Menschliche in ihm herauszufühlen und künstlerisch zu gestalten. Hierin war nicht allein der künstlerische Instinkt, sondern auch die grosse und echte Menschenliebe, von der Auerbach beseelt war, seine Führerin, die ihm das Innere dieser Kleinen und Geringen im Volke erschloss. Anatole Leroy-Beaulieu, unter den Franzosen einer der besten Kenner der deutschen Literatur, ruft in seinem Buche „Israel chez les nations" neidvoll aus: „Üass unsere Bauern in Frankreich nicht ihren Auerbach gehabt haben! Ich glaube nicht, dass Deutschland viele deutschere und gesündere Schriftsteller besitzt". Der Dorfgeschichte blieb Auerbach zeitlebens treu. Ihr erfrischender Erdgeruch durchduftet auch seine grossen Eomane aus der „höheren" Gesellschaft, wie „Auf der Höhe", „Das Landhaus am Rhein" u, a., die zu den meistgelesenen belletristischen Schriften in Deutschland gehörten. Er wandte sich aber auch unmittelbar an das Volk in zahlreichen meisterhaft geschriebenen Volkserzählungen, Kalendern, Abhandlungen, während er selber auf den Höhen des philosophischen Gedankens wandelte und eine Uebersetzung sämtlicher Werke Spinozas (1846) lieferte. In demselben Jahr war es ihm gegönnt, ein geliebtes Mädchen heimzuführen. Im November dieses Jahres schrieb er aus Breslau an Jakob Auerbach: „Ich liebe und werde geliebt. Ich war am vergangenen Abend spät hier angekommen, mein erster Ausgang Samstags morgens war in den Tempel, wo ich kurz vor der Predigt ankam. Ich las mit einem fremden Manne gemeinsam den Gesang vor der Predigt, und das war die erste Annäherung zu dem Mann, der mir ein neues Leben wahrte, meine Auguste ist seine Tochter. Nach beendigtem Gottesdienste ging ich weg, und auf der Strasse sah ich ein Mädchen, wir sahen uns zweimal unwillkürlich nach einander um. Das war meine Auguste, die ebenfalls aus dem Gottesdienste kam". Es war ihm nur kurzes Eheglück beschieden, denn seine geliebte Frau starb im April 1848 nach der Geburt eines Sohnes. „Mir ist die Welt zerfallen", schreibt er an den Freund, offenbar mit einer Reminiszenz an ein schönes talmudisches Wort. Einige Jahre darauf heiratete Auerbach Nina Landesmann, die Schwester des bekannten Hieronymus Lorm. Auerbach kehrte häufig in der Erinnerung zu seiner ersten Frau zurück, besuchte immer wieder ihr Grab und gab seinem nicht versiegenden Schmerz in den Briefen an den Freund erschütternden Ausdruck. In den nächsten Jahren finden wir ihn in Wien, dann in Dresden. Sein Ruhm stieg immer höher. Er verkehrte mit den erlesensten und bedeutendsten Menschen seiner Zeit. Lebhaft interessierte er sich für alle jüdischen Fragen, schloss sich den bedeutenden jüdischen Gelehrten an, und mit so manchem von ihnen verband ihn innige Freundschaft, so mit Jakob Bernays, Abraham Geiger, Steinthal, Moritz Lazarus. Beim König Max von Bayern stand er in hoher Gunst, die er dazu benutzte, um dem Dichter Otto Ludwig eine Pension zu verschaffen. Dabei gedenkt er in einem Briefe an seinen Freund des — übrigens nicht richtig zitierten — talmudischen Wortes: „Wer für seinen Nächsten betet, der wird für sich auch erhört", und fügt hinzu: „Mir fallen jetzt oft jüdische Sprüche ein, vielleicht hat es den psychologischen Grund, weil ich jetzt mehr als je in die Vergangenheit hinabsteige". Ueber eine Unterhaltung* mit dem freisinnigen Hofprediger Schwarz in Gotha schreibt er: „Ueber das Verharren im Judentum sprach er sich brav und ganz in unserem Sinne aus, dass es Aufgabe sei, das rein Menschliche als solches zu zeigen, das an keine Konfessionsform gebunden ist". Das Sukkothfest 1860 verlebte er in seinem Geburtsort Nordstetten. „Tch war sehr vergnügt hier", schreibt er, „und als ich in der Synagoge war und nach vielen Jahren zum ersten Mal wieder birchath geschem mit den Melodien meines seligen Vaters hörte, da konnte ich mich des Weiuens nicht enthalten". Bald darauf übersiedelte er nach Berlin. Sein Buhm verschaffte ihm dort Zutritt zu den höchsten Kreisen. Der damalige Ministerpräsident Fürst von Hohenzollern und der Hof erwiesen ihm viel Freundlichkeit. Königin Augusta ernannte ihn zu. ihrem Vorleser. Das erregte natürlich Adelfachen Neid, namentlich in Junkerkreisen. Die Kreuzzeitung nannte Auerbach einmal ,.den Hofjuden". Auerbach bekannte sich stets mit Nachdruck zum Judentum. Er nahm lebhaften Anteil am jüdischen öffentlichen Leben. Ueber das Pessachfest 1867 schreibt er: „Ich hatte Prof. Bernays versprochen, mit ihm den Seder zu halten. Wir gingen zu seiner Cousine Alles war nach strengem Ritus mit alten goldenen Bechern bereit, und Bernays, der nicht sinken konnte, freute sich meines Auerbachschen Familienerbes. Nun aber brachten mir die alten Worte und Melodien ein Stück Jugend zurück. Ich sprach das Mah nischtanah ... Bernays bemerkte, dass kein nachlebender und tätiger Volksstamm eine so weit hinausreichende geschichtliche Tatsache hat . . . Tief ergriff mich die Bemerkung, dass wir Juden schon einmal in Spanien