Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1907)
- Article
- Aus Benjamins Chederjahren
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 51 - 52 (sequence 5)
- Language
- German
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51 S. Meiseis: Aus Benjamins Chederjahren. 52 — Na, Rothaariger, hat der Esel Bileams sein Maul geöffnet? versetzte Fei wisch trotzig. — Warte, der Esel Bileams drückt dich bald an die Wand, dass dir Hören und Sehen vergehen, schrie erbost der Rothaarige. — Auch mir ein Heidi lachte Feiwisch und rückte dem Rothaarigen immer näher. Vielleicht willst du dich mit mir schlagen, da zeig' ich dir bald, wer älter ist. — Nu, komm heran, wenn du Mut hast! forderte ihn der Rothaarige auf. Er reckte sich wie ein kleiner Athlet. Sein Gesicht nahm eine seinen Haaren ähnliche Farbe an. Auf seiner Stirn zeigte sich eine bläuliche Ader. Seine Fäuste ballten sich. Als jedoch Feiwisch merkte, dass es ernst zu werden begann, rückte er allmählich ab. — Mir passt es gar nicht, mich mit dir zu schlagen, sprach er mit schlecht verhehlter Furcht, und verkroch sich dabei in einen Winkel. — Wie es sich verkriecht, das Hasenfüsschen, triumphierte der Rothaarige. — Ruhig, Jungen! gab Jossei Schlite das Kommando. Macht keinen Lärm und hört auf zu zanken! Wenn der Rebbe erwacht, so kriegt ihr eine Tracht Prügel, dass euch diese Nacht ewig in Erinnerung bleibt. Die Schüler, die infolge des drohenden Zweikampfes zwischen dem Rothaarigen und Feiwisch Narr in eine animierte Stimmung geraten waren, zogen sich zurück und nahmen wieder ihre Plätze vor den aufgeschlagenen Folianten ein. Jossei Schites Verweis war von Erfolg, denn er erfreute sich — seiner „Gelehrsamkeit" wegen — einer tonangebenden Stellung unter seinen Genossen. — Erzähl doch mal, was du im Dorfe gesehen, wendete sich Jossei, nachdem die Ruhe wiederhergestellt war, an den ratlos stehenden Benjamin. — Den Sonnenaufgang, antwortete Benjamin mit vibrierender Stimme. Aus der Eoke des Zimmers hörte man ein leises Kichern. — Oj wei, grosse Sachen. Das kann man auch in der Stadt sehen. — Hast du's denn schon mal gesehen, Wölwel? fragte ein grüner Junge den Spottenden. — Hab ich's denn gesagt? Man kann ihn sehen, sagt' ich, wenn man morgens früh aufsteht. Ich steh morgens nicht früh auf. Wozu brauch ich's sehen? — Es ist doch so schön . . . erwiderte Benjamin. — So schön, wiederholte Wölwel, den Kopf hin und her wiegend. Habt ihr schon einmal gehört, dass die Sonne schön ist? — Ich hab' schon gehört, meinte der Rothaarige, dass der Mond schön ist. Mein Vater kommt manchmal nach der Neumondweihe nach Hause und erzählt voller Freude, dass der Mond schön war. Aber von einer schönen Sonne kann wirklich nur ein Dorf junge sprechen. — Auch ein Dienstmädchen, ergänzte Wölwel, unsere Magd singt immer ein Lied: Der Tag war hell, die Sonne schien schön, Da kam mein Geliebter zu mir zu gehn. — Kusch, du Hund! brauste plötzlich der Fetzenkopf auf. Das fehlte noch, solche Lieder in einem Schulhause singen. Und dann, wie kommst du dazu, solche Lieder zu hören? Darf man ne Frauenstimme hören? -— Man darf nicht, man darf nicht, bestätigte der Rundbäuchige. — Warte, das muss ich dem Rebben nachsagen, drohte der Fetzenkopf. —' Was soll ich tun? verteidigte sich Wölwel, sie singt so laut, soll ich mir die Ohren stopfen? Und Benjamin war es, als käme er von einer heissen Dusche unter eine kalte. Eine Art von Schamgefühl, von Reue regte sich in seinem Innern, Er kam sich so dumm vor, so sündhaft; sündhaft, weil er dumm war. Wie oft hatte ihn die Sonne schön gedäucht, wie oft hatte er ihren Feuerglanz bewundert, wie oft hatte er Bauernmädchen singen hören, dem Gesänge der Schnitterinnen gelauscht! — 'ne Frauenstimme hören, das sei doch nicht statthaft; der Fetzenkopf hat's gesagt, der Rundbäuchige bestätigt, wahrscheinlich steht's geschrieben, und was geschrieben steht — so sagte ja Reb Mendel — ist heilig ... Im Schulzimmer trat eine kurze Pause' ein. Jos sei Schlite war anscheinend neugierig, etwas mehr von den Sehenswürdigkeiten im Dorfe zu erfahren, denn er forderte den bleichen und zitternden Benjamin wiederholt auf, seine Berichterstattung fortzusetzen. — Ich könnte euch, begann Benjamin, viele hübsche Geschichten von den Störchen erzählen, wie sie ihr Nest auf dem grossen Wagenrad bauen, das auf dem Scheunendach liegt, wie sie Beute herbeischleppen und ihre Jungen füttern. Es sind recht niedliche Vögel, aber sie glauben an keinen Gott! — Hört mal, was der Dorfjunge zu sagen wagt, unterbrach ihn der Rothaarige. -— Heisst eine Frechheit, schrie Feiwisch Narr. — Eine Gottlosigkeit, meinte ein anderer. — Alles, was lebt, selbst das, was nicht lebt, glaubt an einen Gott, erklärte deT Rundbäuchige. — Du, Dorfjunge, weisst du, wie der Storch hebräisch heisst? sprach eine quietschende Stimme dazwischen. — Wissen wird er's, nach dem Schalet, raste der Rothaarige, wenn anders es ihm Michailow oder Pawel gesagt haben . . . — „Chassida" heisst er, dass heisst „derFromme", quietschte wieder die Stimme. Sie werden schon gewusst haben, warum sie ihn so nannten. * Selbst Jossei Schlite schien diesmal auf Seite der Opposition zu stehen. — Dieses Wort darr nicht ungestraft bleiben, hetzte der Rothaarige, 'rauf mit ihm! — — — — 'raui mit ihm! ertönte es gleichzeitig aus mehreren Kehlen. Sie machten sich an ihn heran, zerrten und schleppten ihn, spannten ihn auf den Tisch, zupften und kniffen ihn, schnellten ihm in die Nase und