Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1907)
- Article
- Aus Benjamins Chederjahren
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 49 - 50 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2583875-2583954-2583956-2588087--06787-2588153- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
49 S. Meiseis: Aus Benjamins Chederjahren. 50 In dem Schulzimmer wurde nicht nur fleissig gelernt, sondern auch, namentlich in der Abwesenheit des Rebbe, manch Schabernack gespielt und manche Allotria getrieben, Da wurde ein Junge von seinen Kollegen auf den Tisch gespannt und tüchtig durchgeprügelt, weil er angeblich etwas vor dem Lehrer geschwatzt haben sollte. Schlief einer ein, so befestigten sie den Zipfel seines Kaftans an den Stuhl, und als er erwachte, und sich recken und strecken wollte, fiel er mit grossem Gepolter zu Boden. Da gab es ein helles Gelächter. Einem andern stopften sie die Nase voll mit Schnupftabak, dass er kräftig niesste und mit Todesschrecken aufsprang. Einer krähte wie ein Hahn, ein zweiter pfiff wie ein Vogel, ein dritter erzählte gar drollige und zugleich schauerliche Geschichten. Wieder ein anderer setzte die Mütze des Lehrers auf, steckte eine lange Pfeife in den Mund, verzog das Gesicht und suchte Sprache und Minen Reb Mendels nachzuahmen. An diesen Abenden nannten sie sich auch nicht bei ihren üblichen Rufnamen; jeder besass einen Spitznamen, der ein besonderes Merkmal an seiner Person herausstrich. So hiess der eine der „Rothaarige", der andere der „Rundbäuchige", der dritte der „Fetzenkopf" und ähnliche Kosenamen. Auch Benjamin wurde ein nom de guerre beigelegt: der „Dorfjunge". Der „Dorfjunge" — das sollte mancherlei bedeuten. Zunächst seine Minderwertigkeit den städtischen Jungen gegenüber. Der Dortjunge durfte sich nicht viel herausnehmen; musste schweigen, wenn die andern sprachen, und spielte im allgemeinen unter den Schülern eine untergeordnete Rolle. Seinen Fragen, mochten sie noch so vernünftig sein, wurde mit einer gewissen Geringschätzung begegnet. In seinen Antworten glaubte man immer etwas Lächerliches, Dummes, zu finden. Allein Benjamin begriff die Bedeutung dieses Spitznamens nicht; er liess ihn daher kalt. An dem ersten Donnerstag Abend, an dem Benjamin sich an dem Wiederholungsunterricht beteiligte, trug der „Rundbäuchige", sonst Jossei Schlite genannt, die erste Mischna aus dem Traktate „die mittlere Pforte" vor: „Wenn zwei — sagen wir Rüben und Simon — ein Kleid, das sie gefunden haben, halten; Rüben sagt: ich hab's gefunden, und Simon sagt: ich hab's gefunden; Rüben sagt: es gehört mir, und Simon sagt: es gehört mir — so muss jeder von ihnen schwören, dass er zumindest auf die Hälfte dieses Kleides Anspruch erheben kann, und sie — teilen." — Das versteh ich nicht, versuchte Benjamin nach längerem Zaudern seinen Kollegen zu interpellieren. Wenn zwei einen Mantel finden, soll ihn der bekommen, der ärmer ist. Wenn ich im Dorfe mit Stasch, Dimitri seinem Sohne, einen Mantef gefunden hätte, ich würde mir gesagt haben, mein Vater ist reich, er kann mir einen machen lassen, und Dimitri ist arm, und behält Stasch den gefundenen nicht, so kriegt er auch keinen. — Was? Was sagt der Dorfjunge? höhnte der Rothaarige und machte hinter Benjamins Rücken eine lange Nase. — Was ein Dortjunge überhaupt fragen kann? kicherte der Fetzenkopf. — Du Fetzenkopf, schnauzte ihn der Rothaarige an und versetzte ihm dabei mit seinem Ellbogen einen wuchtigen Rippenstoss, du solltest überhaupt nicht mitreden. Was verstehst du davon? Du hast ja Fetzen im Kopfe. Alle Kinder lachten. — Aber er hat doch recht, meinte einer, der mit Fetzenkopf auf gutem Fusse stand. Kommt so einer aus dem Dorfe her, bringt er gleich seinen Bauernschädel mit . . . — Und das Beispiel, das er anführt! sprach ein anderer. Was hat Dimitri mit dem Talmud zu schaffen? ... Allein der Rundbäuchige bewahrte in solchen Momenten die Ruhe und den Ernst eines Vortragenden. — Ja, Benjamin, sagte er gelassen, du hast recht. Was würdest du aber tun, wenn sie beide reich sind? — — Dann brauchen sie ihn beide nicht, antwortete Benjamin, ohne viel zu überlegen. Dann sollen sie den Mantel einem Armen schenken. — Verschenken, das ist gut, lachten einige. — Ja, wenn sie aber beide arm sind, was dann? sprach wieder der Rundbäuchige und setzte sich in Positur. — Ja, was dann? was dann? hüpften einige mutwillige Bengel. Benjamin war im ersten Augenblick wie geschlagen. Beschämt liess er seinen Kopf hangen, um den herausfordernden verächtlichen Blicken seiner Mitschüler nicht zu begegnen. Jedoch wie ein Kämpfender, der sich nicht so leicht besiegt geben will, wagte er sich mit einer Gegenfrage hervor: Nu, was haben sie denn davon, wenn sie den Mantel zerschneiden? — — Zerschneiden 1 sprang der Rothaarige triumphierend auf. Was sagt' ich, der Dort junge versteht nichts, was er lernt. Zerschneiden? was für Unsinn. Sie verkaufen ihn und teilen mit dem Gelde. Benjamin war besiegt. Endgültig. Alle Kinder lachten so geringschätzend, so verächtlich. Eine mühsam unterdrückte Träne glänzte in Benjamins Auge. Er bedauerte, in die Arena getreten zu sein, die Disputation heraufbeschworen zu haben. Waren ihm doch seine Kollegen an talmudischen Kenntnissen weit überlegen 1 Nun galt es durch ein rasches Hinüberlenken auf ein anderes Thema der Sache eine andere Wendung zu geben. — Ich schäme mich garnicht, dass ich es nicht wusste, sagte Benjamin mit einer zaghaft zitternden Stimme. Woher sollte ich auch? Im Dorfe gibt's so vieles zu sehen, dass einem die Lust zum Lernen vergeht . . . — Im Dorfe gibt's vieles zu sehen? lachte Feiwisch Narr laut auf. Das ist nicht schlecht. Kartoffel graben kann man im Dorfe, aber zu sehen gibt's gar nichts. — Da hast du, schrie der Rothaarige, der hat auch schon das Wort. Feiwisch Narr, du selbst solltest lieber Kartoffel graben, als hier sitzen.