Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1907)
- Article
- Aus Benjamins Chederjahren
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 47 - 48 (sequence 3)
- Language
- German
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47 S. Meiseis: Aus Benjamins Chederjahren. 48 In der Talmudschule sass Reb Mendel auf dem Katheder. Vor ihm ein aufgeschlagener Foliant. Reb Mendel war ein langer, hochstämmiger Mann mit einem länglichen Kopf, bleichen Wangen und kleinen matten, von vielem Nachtwachen geröteten Augen. Hinter dem sammetnen fettigen Käppchen, das mit dem Kopfe wie verwachsen war, lugten einige weisse Härchen hervor. An beiden Schläfen trug er herabhängende, gekräuselte HaarlÖckchen, die bei jeder Bewegung in fast gleichmässigem Tempo hin und her baumelten. Eine lange Habichtnase, ein spitzes weissgelbes Bärtchen, verliehen seinem Gesichte einen Zug von Urkomischem. Wirkte auch sein Aeusseres nicht besonders wohltuend, so verstand er es dafür, den Schülern durch seine eigenartige Lehrweise einen geradezu ästhetischen Genuss zu verschaffen. Er besass eine grosse Fertigkeit im Erklären, Erläutern, Plausibelmachen. Jede Hebung oder Senkung des Tonfalls, jedes Stampfen mit dem Fusse, jede Handbewegung trug zum näheren Verständnis des gelernten Gegenstandes bei. Es war kein trockenes Lernen; es lag vielmehr Sang und Klang, Feuer und Verve, ein Schwelgen und ein Hochgenuss darin. Jeden neuen Schüler empfing Reb Mendel mit folgender stereotypen Ansprache: „Weisst du, mein Kind, zu welchem Zwecke du zu mir gekommen bist? Nu, um Thora zu lernen. Das Thoralernen ist ein heiliges Studium, und jeder Jude ist verpflichtet, sich in die Lehre Tag und Nacht zu vertiefen. Das Thoralernen ist das Lebenselement der Juden, wie das Wasser den Fischen. Der listige Fuchs spricht zu den Fischen: Kommt ans Trockene, da ist Sonne, da ist Leben . . . Die Dummen gehorchen, verlassen ihr Lebenselement, kommen ans Trockene und — krepieren. Die Klugen bleiben im Wasser und leben und sind munter . . . Wisse mein Sohn, seit der Zerstörung des heiligen Tempels ist Gott nichts so lieb auf dieser Welt als die vier Ellen der Halacha." Eine Art Erleuchtung überkam Benjamin bei diesen Worten. Er verstand sie nicht ganz, aber dieses Geheimnisvolle verlieh ihnen den Stempel der Erhabenheit und der verschleierten Wahrheit. Bisher bat er instinktiv geglaubt, Leben heisst „Sehen"; nun wird es ihm in feierlicher Weise klargelegt, dass Leben „Lernen" heisse . . . Und dass Reb Mendel recht hatte, das bewies die stattliche Schülerzahl, die durch einen muntern Singsang und lebhaftes Gestikulieren ein lebendiges Lernen und lernendes Leben bekundete. Bisher hat er geglaubt, dass das Schönste, was Gott geschaffen, der Sonnenaufgang sei mit seinen purpurnen Streifen und rotschimmerndem Becken, die schattigen Bäume und die plätschernden Quellen, — und nun wird ihm erzählt, Gott sei nichts wertvoller als die vier Ellen der Halacha. Was die vier Ellen der Halacha sind, das wusste er zwar nicht, aber eben weil er es nicht wusste, glaubte er daran . . . Allein Mendel liess ihm nicht viel Zeit zum Nachdenken. Benjamin wurde schleunigst den anderen Schülern eingereiht. Im Trällern des Lernens wurde fortgefahren. Sie begannen eben einen neuen Traktat, der von gefundenen und geliehenen Sachen handelt. Mendel explizierte: „Wenn zwei — sagen wir Rüben und Simon — ein Kleid, das sie gefunden haben, halten; Rüben sagt: ich hab's gefunden, und Simon sagt: ich hab's gefunden; Rüben sagt: es gehört mir, und Simon sagt: es gehört mir — so muss jeder einzelne von ihnen schwören, dass er zumindest auf die Hälfte dieses Kleides Anspruch erheben kann, und sie — teilen ..." Dieser eine Rechtsfall wurde mit den hierzu nötigen Kommentaren einigemal erläutert und wiederholt. Nicht nach festgesetzten trocknen Paragraphen, zu deren Verständnis wenig Beweglichkeit des Geistes erforderlich ist, wurde dieses an sich seltene jus occupandi behandelt. Weniger das Gesetz als der Geist des Gesetzes bildete den Gegenstand der Untersuchung. Die kleinen Rechtsgelehrten leierten und sangen diese Rechtsvorschriften in einer recht seltsamen Weise. Es lag Poesie in dieser gesungenen Jurisprudenz. Benjamin befand sich wie *im Traume. Wohl hatte er noch im Dorfe bei seinem Lehrer etwas von diesem Studium zu hören bekommen, aber dieses Leiern und Singen waren ihm so eigenartig fremd, dabei so aufheiternd lustig, dass er an die singenden Engel denken musste, von denen einmal Dimitri, der klügste der Bauern im Dorfe, erzählte. Dem Dimitri war nämlich seine kleine Marischa gestorben. Er kam auf das Feld, wo seine älteren Kinder arbeiteten, und sagte: „Marischa ist gestorben. Aber betrübt euch nicht. Sie hat's gut. Sie war jung. Ihre Seele war rein, rein wie das Wasser und durchsichtig wie das Glas. Eine solche Seele kommt gerad' in den Himmel und wird zu einem singenden Engel und leuchtet wie ein Stern. Viele Sterne, die wir des Nachts sehen, sind solche Kinderseelen. Wir sehen ihren Glanz, aber wir hören nicht ihren Gesang." An diese Engel dachte Benjamin. — Wie gross erschienen ihm die Kollegen; wie winzig kam er selbst sich vor . . . Ein Gefühl des Neides regte sich in ihm ... Je lauter die Töne der Lernenden an sein Ohr schlugen, je mehr ihr Lerneifer sich steigerte, desto mächtiger wurde in ihm das Verlangen, ihnen zu gleichen. Fast unbewusst stimmte er mit ein in ihren Akkord; er „lernte". In der Schule Mendels war es seither Brauch, dass die Schüler jeden Donnerstag Abend zum Repetieren, dem sogenannten „Cbasern", zusammenkamen und die ganze Nacht beim Wiederholen des die Woche hindurch gelernten Abschnittes zubrachten. Dieses Nachtstudium war nicht obligatorisch; die Fleissigen kamen, die minder Fleissigen zogen es vor, in den Armen des Schlafes auszuruhen, und mit der Entscheidung der schwierigen Rechtsfrage, ob der gefundene Mantel dem Rüben oder dem Simon zuzusprechen sei, bis Freitag zu warten. Mendel selbst dozierte nicht an diesen Abenden. Er schnarchte in dem anstossenden dunklen Alkoven, um, wie er selbst sagte, durch seine Abwesenheit die Kinder zum selbständigen Denken anzuleiten.