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Ost und West · 1907-01-01 · Heft 1 (Januar 1907) · p. Seite 45 - 46

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 1 (Januar 1907)
Article
Aus Benjamins Chederjahren
Date
1907-01-01
Page
Seite 45 - 46 (sequence 2)
Language
German
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45 S. Meiseis: Aus Benjamins Chederjahren. 46 der Jude Saul hat sich redlich gemüht, unermüdlich gearbeitet und sich ehrlich den Groschen erworben. Dabei gewann er sich durch wahren Edelmut und stets bereite Opferwilligkeit die Herzen aller. Die Bauern nannten ihn nicht anders als „unser Saul**; sie verziehen ihm sogar sein Judentum. Saul Glück war kein Dorfjude von gewöhnlichem Schlage; er repräsentierte vielmehr das, was man im Osten ein „Vaterskind" nennt. Er verfügte über eine sogenannte jüdisch-bürgerliche Gelehrsamkeit, die aus einiger Kenntnis der Bibel und des agadischen Teiles des Talmud besteht. Selbstverständlich wollte Saul seinen einzigen Sohn auf eine höhere Stufe der Gelehrsamkeit bringen. Benjamin sollte überhaupt kein Dorfjude bleiben. Er sollte nach der nahegelegenen Stadt, wo das Thoralernen noch fleissig getrieben wird, und wenn nicht Rabbiner so doch wenigstens ein thorakundiger Stadtjude werden. Um Benjamin für die Stadt mit genügenden Kenntnissen vorzubereiten, wurde auch frühzeitig gesorgt. Ein tüchtiger Lehrer wurde ins Haus genommen. Dieser unterwies Benjamin in der Bibel, mitunter auch im Talmud. Die ersten Studienjahre Benjamins brachten dem Vater eine arge Enttäuschung. Benjamins aufgeweckter Geist, der an allem, was im Dorfe vorging, reges Interesse nahm, zeigte für das Buchstabenstudium nicht die geringsten Anlagen. Sein Vergnügen war, draussen auf dem Felde zu weilen, den Bauern bei der Arbeit zuzusehen, selbst hinter dem Pfluge zu gehen, oder im Grase unter schattigen Bäumen zu liegen und — zu grübeln. Am meisten aber liebte er den Sonnenaufgang, „das Hervorkriechen der Sonne aus ihrem Futteralwie er selbst eine altjüdische Redensart nachzuplappern pflegte. Oft schlich er heimlich in frühester Morgenstunde aus dem Hause, legte einige Kilometer zu Fuss zurück, um einen nächst der Dorfschule befindlichen ziemlich steilen Hügel zu erklettern, von wo aus er den Aufgang des blutigroten Feuerballs besser betrachten konnte. Dabei kamen ihm die merkwürdigsten Gedanken. „Ja, die Sonne ist gut, zugleich auch schlecht. Sie trocknet die Wäsche und schwärzt das Gesicht. Wenn keine Sonne wäre, wir würden beim Feuer die Wäsche trocknen und durch Petroleumlampen die Finsternis erhellen . . . Aber der Sonnenaufgang ist schön . . . die Sonne macht den Tag — ich liebe sie." Benjamin liebte zu fragen, und hatte er keinen, mit dem er sich unterhalten konnte, so fragte er sich selbst. Fand er einmal im Gezweige der Bäume oder auf einem Stammstrunk ein Taubennest, so stand er stundenlang dabei und beobachtete das Treiben der kleinköpfigen Vögel. Wie sie glucksten und girrten und herumhüpften und mit den Köpfchen nickten! Der Lehrer hatte es ihm einmal erzählt, dass in den heiligen Büchern die Juden mit den Tauben verglichen werden. Ob sie wohl auch frommgläubig sind wie die Juden? Dass sie auch jedesmal auswandern I — Sind sie vielleicht auch im Golus? . . . Den Störchen war Benjamin ein geschworener Feind. Diese boshaften Störche! Sie töten ihre schwächlichen Jungen, weil sie nicht fliegen können ----- Sie glauben wohl an keinen Gott, denn wer an Gott glaubt, kann nicht boshaft sein. Auch der kleine Mieczyslaw, des Schlachzizen Söhnchen, glaubt an keinen Gott; er ist ja boshaft, schlägt ihn oft ohne Grund mit seiner kleinen Reitpeitsche und hetzt die Hunde wider ihn. So hatte unser kleiner Naturphilosoph im Freien vollauf Beschäftigung. Sein Studium ging daher wie ein schwerbelasteter Wagen. Der Vater war verdriesslich, die Mutter geärgert, der Lehrer unzufrieden, allein er war der „Einzige", man durfte mit ihm nicht strenge verfahren. — Es wird sich ändern, tröstete sich der Vater, 's wird sich ändern, sobald er nach der Stadt kommt. Dort, in der Talmudschule, mit so vielen Jüngern zusammen, wird erst in ihm der richtige Sinn fürs „Lernen" erwachen. — Und Saul wartete auf den glücklichen Augenblick, da er seinen Benjamin nach dem „Sitz der Thora" bringen werde .. . Wie vorauszusehen war, wurde Benjamin bald zu einem Onkel in die Stadt geschickt, damit er dort sich zu einem „Gelehrten in Israel" heranbilde. Der erste Eindruck, den die Stadt auf Benjamin machte, war mächtig. Wie berauscht taumelte er die Strassen entlang. Schon das Gehen auf dem glatten, steinernen Pflaster versetzte ihn in eine sonderbare Bangigkeit. Bald ging er auf den Fussspitzen, den Boden kaum berührend, bald scharrte er mit den Füssen, wie einer, der zum ersten Mal auf dem Glatteis geht. Es dünkte ihm, als ob er stolpern oder ausgleiten müsste. Das Klingeln der Fahrräder, das Rollen der Wagen verwirrte ihn förmlich. Die drei- bis vierstöckigen Häuser erschienen ihm wie Kolosse; die Turmuhr mindestens so hoch wie der Turm zu Babel, von dem er bereits wusste. Wenn er ganz oben stünde und die Hand ausstrecken dürfte, er würde ja sicherlich ein Loch in den Himmel bohren können! Die Macht des Neuen wirkte stark auf ihn. Er vergass den in der Nähe der Dorfschule befindlichen Hügel, auf dem er oft den Sonnenaufgang erwartete; er vergass Flur und Feld, ja, selbst die sittenreinen Täubchen, die stets mit den Köpfchen nickten, und die boshaften Störche, die an keinen Gott glaubten. Eine neue Welt erschloss sich ihm; ein neues wechselreiches Bild der Natur eröffnete sich seinen staunenden Blicken. Der hohe königliche Zamek, der Schlossberg mit seiner alten, verfallenen Ruine, die von entschwundener Pracht kündet, der gelblich-grüne San, der in einem graziösen Strombett sanft dahinfliesst, boten ihm ein Aequivalent für sein verlorenes Paradies. Auf den Höhen des Schlossberges, an den sogenannten Drei Kreuzen, fand er einen Punkt, von dem aus er das ganze weite herrliche Panorama des Stadt-Weichbildes überblicken konnte. Rasch war die schöne Zeit zu Ende, wo Benjamin die Stadt und ihr Getriebe, die Häuser und die Menschen, die Turmuhr und das Rathaus, den Fluss und die Berge, bewundern durfte. Schon am dritten Tage nach seiner Ankunft musste er in die vielgerühmte — Talmudschule.

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