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Ost und West · 1907-01-01 · Heft 1 (Januar 1907) · p. Seite 31 - 32

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Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 1 (Januar 1907)
Article
Die russischen Juden in Königsberg i. Pr.
Date
1907-01-01
Page
Seite 31 - 32 (sequence 3)
Language
German
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31 Rosalie Perles: Die russischen Juden in Königsberg. 32 Obere Klasse. Zeichnen nach der Natur, (Bezalel. Abbildung III.) Strom der Flüchtlinge und Auswanderer unter den Schrecken der damaligen Verfolgungen immer stärker anschwoll, fassten mehrere junge Leute vom Verein jüdischer Studenten den Entschluss, den Auswanderern bei der Durchfahrt durch Königsberg etwas Liebes zu erweisen und ihnen Erfrischungen zu reichen, zumal die Armen während der ganzen Reise nirgends den Waggon verlassen dürfen. Bald fand sich auch eine Anzahl Damen, die den Studenten bei der Bespeisung der Auswanderer, die manche Nacht nach Hunderten zählten, zur Seite standen. Der Auswandererzug, der jede Nacht zwischen 12 und 1 Uhr hier ankommt, hat 25 Minuten Aufenthalt. In dieser Zeit wurde den Insassen zu Türen und Fenstern der Waggons die Erfrischungen hineingereicht. Wie wolil tat den vor Kälte Erstarrten der hoisse Tee, wie froh waren sie, für die Kinder Milch in Flaschen für die Weiterreise zu erhalten; am meisten aber stärkte sie das Bewusstsein, dass es auch in der Fremde liebende Herzen gibt, die der Heimatlosen sich annehmen. Im Sommer wqirde einstweilen der Dienst eingestellt, um in der kalten Jahreszeit wieder aufgenommen zu werden. Fast gleichzeitig wurde ein zweites Hilfswerk in Angriff genommen. Das Schutzkomitee für Auswanderer14 hat hier seit längerer Zeit eine Herberge für die Auswanderer errichtet, die wegen Krankheit, meist Augenleiden, nicht befördert werden und hier in Königsberg ihre Heilung abwarten. Es stellte sich aber heraus, dass ohne eine regelmässige Bespeisung in der Herberge selbst die Insassen dem Hunger preisgegeben waren, und daher die Heilung dieser entkräfteten Menschen, besonders der Kinder, sich endlos hinzog. Angesichts dieser traurigen Zustände unterzog sich derselbe Kreis von Frauen und Mädchen, der bei dem Nachtdienst an der Bahn mit tätig war, auch der Mühe, in der Herberge die Bespeisung der Insassen in die Hand zu nehmen. Weit über 100 Männer, Frauen und Kinder erhalten seitdem ihre regelmässigen Mahlzeiten im Hause gegen geringen Entgelt. Ein grosser Teil dieser Leute hat wohl hier zum ersten Mai im Leben den Kindern ihre Milch regelmässig reichen und überhaupt eine Tischzeit pünktlich einhalten können. Wie oft wussten sie daheim am Abend noch nicht, woher sie am nächsten Tage die paar Pfennige bekommen würden, um das notwendigste zum Leben kaufen zu können. Jetzt wird ihnen dreimal am Tage der Tisch gedeckt. Wie einfach das Mahl auch sein mag, es ist doch gesunde und regelmässige Nahrung. Manche Tragödie spielt sich hier in der Herberge ab. Wenn nach langen, bangen Wochen und Monaten endlich der ersehnte Moment kommt, in dem der Arzt die erlösende Bescheinigung „zur Weiterreise geheilt entlassen" dem Patienten ausgehändigt, macht die Familie sich reisefertig, fährt bis nach Hamburg, Bremen oder einer anderen Hafenstadt, — um sofort die Reise wieder zurück zu machen, weil in der Kontrollstation der Arzt anderer Meinung war und die Heilung noch nicht für vollständig erklärt. Ja, von Amerika kommen nicht selten die Unglücklichen wieder zurück. Man liess sie nicht landen, weil ein Kind vielleicht noch Narben hat von einer ausgeheilten Granulöse. Was ist damit alles verloren! Geld und Gut, die ganze Habe, Mut und Hoffnung. Wo wird man nun die Mittel zum Leben, wo ein zweites Mal die grosse Summe hernehmen zur Heise, zur Heber fahrt! Der Familienvater hat ja in der neuen Welt so lange und so schwer gearbeitet und sich das Notwendigste versagt, um für die Familie die Schiffskarten zu erschwingen; die Freude auf das Wiedersehen hat ihm die Kraft dazu gegeben. Und nun? Ein junges Mädchen, das noch heute in der Herberge lebt, ging vor zwei Jahren mit Eltern und Geschwistern nach Amerika. Dort angekommen, wurde das jüngste Kind augenkrank befunden und nicht durchgelassen. Vater, Mutter und Geschwister wurden gelandet, das Kind aber musste zurück und die älteste Schwester musste es begleiten. Ein ganzes Jahr lebten die beiden Geschwister in der Herberge. Das Augenleiden des Kindes stellte sich aber schliesslich als

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