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Ost und West · 1907-01-01 · Heft 1 (Januar 1907) · p. Seite 33 - 34

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Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 1 (Januar 1907)
Article
Die russischen Juden in Königsberg i. Pr.
Date
1907-01-01
Page
Seite 33 - 34 (sequence 4)
Language
German
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33 Rosalie Perles: Die russischen Juden in Königsberg. 34 unheilbar heraus, und der Schwester blieb nichts übrig, als allein nach Amerika zu reisen und das Kind nach Russland zu Verwandten zu geben. Bei der Ankunft in Amerika wurde die Tochter von den Eltern mit Freuden begrüsst. Doch als sie das Schiff verlassen will, konstatiert der untersuchende Arzt bei dem Mädchen Granulöse, und sie musste zum zweiten Male die Reise zurück machen — eine tragische Heldin. Was das Verhalten der deutschen Juden Königsbergs gegen ihre russischen Glaubensgenossen betrifft, so konnte wohl auch hier, vielleicht noch mehr als anderswo, behauptet werden, dass im allgemeinen die beiden Klassen wie Oel und Wasser sich von einander trennten. Jetzt aber beginnt das anders zu werden. Angesichts der furchtbaren Ereignisse, die sich in den russischen Juden gemeinden im letzten Jahre abgespielt haben, kann man ja gar nicht anders, als sich mit den Verfolgten, Gehetzten solidarisch erklären. Hat früher der deutsche Jude sich darauf beschränkt, wie Fabius Schach sagt, Geld herzugeben, jede persönliche Berührung aber möglichst zu vermeiden, so beginnt er etzt, auch seine Persönlichkeit, seine Zeit und Kraft in den Dienst seiner russischen Brüder zu stellen, um au dem Erlösungswerk mitzuarbeiten, oder doch wenigstens zur augenblicklichen Linderung ihrer namenlosen Leiden beizutragen. Gesellschaftlich tritt besonders die Jugend beider Klassen zusammen, zum Zweck'ä der Belehrung sowohl wie zu allerlei fröhlicher Geselligkeit. Sie erwärmen sich in gemeinsamer Begeisterung für ihr Judentum, Alle sind von dem Wunsch beseelt, ihr Judentum zu Ehren zu bringen, vor allem: es kennen zu lernen, die hebräische Sprache zu pflegen und die eignen Heiligtümer hoch zu halten. So erfüllen sich die Träger der Arbeiten der Schüler der oberen Klasse. (Bezalel. Abbildung IV.) Zukunft mit einem neuen, vorher nicht gekannten Geist, so entwickeln sie sich nicht mehr wie früher zu halben, in ihrem Innnern zerrissenen Namenjuden, sondern zu harmonischen, mit sich selbst einigen, stolzen Bekennern ihres Glaubens. Hier in Königsberg, wo in die jüdische Gemeinde eine so grosse Russengemeinde eingepflanzt ist, hier kann mans mit Händen greifen, aus welcher Quelle dem deutschen Judentum neue Lebenssäfte zuströmen, hier sieht man gleichsam die Adern, durch die ihm frisches Blut zugeführt wird. Verzweifeln wir also nicht an der Zukunft des Judentums, wenn auch alle Schrecken von aussen toben, und wenn auch von innen, wie hier in Königsberg, von manchem alt-adligen jüdischen Stammbaum die Zweige abfallen oder längst abgefallen sind. Ein neuer Frühling erzeugt neues, frisch pulsierendes Leben. An Stelle eines welken Baumes kommt ein ganzer Wald mit frischen Säften, für alles Abgestorbene eine lebendige Wiedergeburt, ein neues zukunftsreiches Leben.

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