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Ost und West · 1907-01-01 · Heft 1 (Januar 1907) · p. Seite 29 - 30

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Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 1 (Januar 1907)
Article
Die russischen Juden in Königsberg i. Pr.
Date
1907-01-01
Page
Seite 29 - 30 (sequence 2)
Language
German
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29 Rosalie Perles: Die russischen Juden in Königsberg. 30 Boris Schatz im Kreise seiner Schüler. (Bezalel. Abbildung II.) freudigen, zum Teil sehr frommen Mitgliedern allein getragen. Trotzdem fällt es ihnen nicht ein, sich von der Hauptgemeinde zu trennen, wie oft und wie dringend es ihnen auch von dem Häuflein Orthodoxer, das sich losgetrennt hat, nahegelegt werden mag. Sie sind eben im Schrifttum viel zu bewandert, um sich in diesem Punkte beeinflussen zu lassen und wider besseres Wissen zu handeln. Lieber tragen sie die doppelten Lasten. Uebrigens sind sie auch ihrer Bedeutung angemessen in der Verwaltung der Synagogen-Gemeinde vertreten. Wie aber diese zu ruhigem Wohlstand gelangten russischen Juden hier für ihre armen, unglücklichen Landsleute sorgen, das macht ihnen am meisten Ehre. Waren es bis vor wenigen Jahren grösstenteils nur Kranke, die von der nahen russischen Grenze hier einkehrten, um in den hiesigen Kliniken Heilung zu suchen, so sind jetzt ebenso Ariele Auswanderer, Fliichtlinge, Leute hinzugekommen, die eilends den heissen Boden der Heimat verlassen haben und zum Teil noch nicht wissen, wo ihr flüchtiger Fuss Euhe finden wird. Wenn es nach Fabius Schach Liebe ist, was diese Leute brauchen — hier finden sie Liebe, werktätige Liebe. Es verdient Bewunderung, bis zu welchem Grade die Aufopferung geht, mit der jedem von den Tausenden beigesprungen wird. Da gibt es manche hier schon eingebürgerte Herren, die überhaupt nicht zur Ruhe kommen, die trotz ihrer Wohlhabenheit nicht wissen, wie ein ruhiger, behaglicher Tag aussieht. Tag und Nacht, förmlich gehetzt, suchen sie die tausendförmigen Anliegen ihrer gequälten Landsleute zu befriedigen, jede Stunde stellt neue Ansprüche an ihre Zeit, ihre Kraft, ihre Kasse! Ist ein schwieriger Fall nach unendlicher Mühe erledigt, kommt schon ein neuer, noch schwierigerer. Wer vermag es zu schildern, das vielgestaltige Elend, das sich ergibt aus Krieg, Revolution, Flucht und Verfolgung. Auch im nahen Seebade Cranz, wohin die Familien zur Erholung gehen, wird keine Rast geschenkt. Der russischen Kolonne der Wohlhabenden folgen die Kolonnen der Elenden, di-r Sieehen, der armen Kranken. Neue Aibeir, neue Hilfsaktionen, neue Geldopfer. Man nimmt sich hier nicht nur dieser Armen an, sondern es ist ihnen auch ihr gewohntes religiöses Lehen, der Kultus, dessen sie bedürfen, dargeboten. Die Synagoge der russischen Gemeinde nimmt sie auf, andere kleine Betstuben, sogar ein Chassidim-Stübel können sie nach ihrer Wahl, ihrem Geschmack und ihrer Gewohnheit besuchen. Ausser dem Hilfsverein für kranke russische Israeliten, dessen grossartige Leistungen in dem oben genannten Vortrag „Zwischen Ost und West" eingehend geschildert sind, wurden in der letzten Zeit neue Organisationen notwendig, die hier noch kurz behandelt werden sollen. Im vorigen Winter, als der

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