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Ost und West · 1907-01-01 · Heft 1 (Januar 1907) · p. Seite 27 - 28

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Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 1 (Januar 1907)
Article
Die russischen Juden in Königsberg i. Pr.
Date
1907-01-01
Page
Seite 27 - 28 (sequence 1)
Language
German
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27 28 DIE RUSSISCHEN JUDEN Von Rosal Im letzten Jahrgang von „Ost und West"*) erschien ein Artikel: „Die russischen Juden in Deutschland" von Fabius Schach. Der Verfasser, der die soziale, kulturelle und moralische Lage der russischen Juden in Deutschland zu skizzieren suchte, führte für seine Zwecke die deutschen Städte auf, in denen sich eine grössere Anzahl russischer Juden authält. Dabei ist aber gerade die Stadt übergangen, die schon ihrer geographischen Lage wegen vor allen anderen hätte genannt werden müssen. Der Artikel, der sonst eingehend die einschlägigen Verhältnisse darlegt, liefert von neuem den Beweis, dass es ausserhalb Königsbergs völlig unbekannt ist, welch grosse und schwierige Aufgabe gerade dieser Stadt durch die fort und fort einströmenden jüdisch-russischen Nachbarn zufällt, und in wie mustergültiger Art sie dieser Aufgabe gerecht wird. In einem im März 1904 hier in Königsberg gehaltenen Vortrag, der unter dem Titel „Zwischen Ost und West" auch im Druck erschienen ist, wurde von mir der Versuch gemacht, eine Schilderung dieser Verhältnisse zu geben. Das alles hier noch einmal zu wiederholen, wäre also überflüssig. Da aber dort grösstenteils nur von den russischen Krankenzügen berichtet wird, die unablässig in Königsberg ein- und ausgehen, so soll heute nur näher ausgeführt werden, was ausserdem die Stadt und die jüdische Gemeinde Königsberg für die russischen Juden bedeutet, und umgekehrt. Wenn man mit ansieht, wie unablässig hier für die unglücklichen Glaubensbrüder geschafft, gespendet, gearbeitet wird, welche ungeheure Anforderungen diese an die Geduld und den Opfersinn der Einzelnen wie der Gesamtheit stellen, da hier dem ersten Anprall des aus Russland herüberkommenden Elends begegnet werden muss, so kann man sich ungefähr eine Vorstellung davon machen, wie verblüffend damals jener ominöse Perlmann unterzeichnete Brief, der die ganze deutsche und russische Presse "durchlief, auf die betreffenden hiesigen Kreise gewirkt hat. Haben doch alle über den Brief laut gewordenen Aeusserungen bewiesen, dass er als Ausdruck der hier allgemein herrschenden Gesinnung angesehen wurde. Das also soll das einzige sein, was ausserhalb Königsbergs von hier verlautet! Darauf soll sich das Urteil gründen, das über die Behandlung der Unglücklichsten unter den Unglücklichen von seiten unserer Gemeinde in der Welt gefällt wird! Dazu opfert man Geld und Gut, Kraft und Zeit, dazu arbeitet man Tag und Nacht, um als grausam und unmenschlich dazustehen und geschmäht und verspottet zu werden! Dieses famose Aktenstück verdiente nicht einmal erwähnt zu werden, wenn es nicht so weite Kreise *) Seite 719-780. IN KOENIGSBERG I. PR. ie Perl es. Nachdruck verboten. gezogen hätte, dass es sogar im preussischen Landtag besprochen wurde und im russischen Regierungsanzeiger in Uebersetzung abgedruckt war. Natürlich — das gab ja Wasser auf die Mühle aller Judenfeinde. Lassen wir den Brief ruhen und wenden wrir uns den wirklichen Tatsachen zu. In Königsberg gibt es eine grosse russische Kolonie, von der genau das Gegenteil dessen zu sagen ist, was Fabius Schach von den im Ausland lebenden russischen Juden sagt. Die hier lebenden Russen sind nicht entwurzelt, sondern haben hier auf deutschem Boden feste Wurzel gefasst; sie tragen keine innere Tragik mit sich herum, sondern schätzen sich glücklich — jetzt mehr als je zuvor — allen Schrecken ihres früheren Wohnsitzes entronnen zu sein und den Segen eines rahigen, gesicherten Daseins zu geniessen. Die Eltern sonnen sich förmlich in der ungestörten, stetigen Ausbildung ihrer Kinder, die in den Schulen sehr oft den deutschen Mitschülern den Rang ablaufen. Die Kinder, sobald sie Urteil und Denkkraft gewonnen haben, danken es ihren Eltern, dass diese rechtzeitig vorgesorgt und den Kindern alles Unglück, alles Ungemach ihrer russischen Heimat erspart haben. Die hier angesiedelte russische Kolonie bildet für die Stadt und damit auch für den Staat ein wichtiges Element. In kommerzieller Beziehung haben die hiesigen Russen eine grosse Bedeutung erlangt, da russische Kommissionäre den Handel nach und von Russland vermitteln und für den Austausch der Erzeugnisse der beiden hier aneinander grenzenden Länder als ganz unentbehrlich sich erwiesen haben. Daher entstand in den Jahren 1887 und 88, als politische Weisheit die Massenausweisungen verfügte, eine sehr fühlbare Verminderung des allgemeinen Wohlstandes in Stadt und Gemeinde. Jn manchen Stadtteilen, wo die Russen zumeist gewohnt hatten, konnte man nach den Ausweisungen sogar ein Fallen der Mietspreise konstatieren, und die Nachwirkungen sind bis auf den heutigen Tag noch nicht ganz überwunden. Als mehrere Jahre später noch einmal eine ähnliche Massregel drohte, wandte sich die Vertretung der Kaufmannschaft mit einer Eingabe an die Regierung, in der dargelegt wurde, welche Schädigung dem Handel mit der Ausweisung dieser Kommissionäre zugefügt würde, und die Ausweisung unterblieb. Am meisten aber bedeutet die russische Kolonie für die hiesige jüdische Gemeinde. Es ist wohl nicht zuviel gesagt, wenn man die Mitglieder dieser Kolonie als die Hauptträger wirklich jüdischen Lebens und jüdischen Wissens bezeichnet. Sie haben ihre eigene Synagoge, die frühere Gemeindesynagoge, die ihnen mietweise von der Gemeinde überlassen ist. In dieser Synagoge ist alles ganz nach altem Ritus eingerichtet, und die Kosten des Gottesdienstes werden von den opfer-

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