Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1907)
- Article
- Das Jahr 1906
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 7 - 8 (sequence 4)
- Language
- German
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7 M. A. Klausner: Das Jahr 1906. 8 ballung nicht wünschen, dass wir lieber sehen würden, unsere russischen Glaubensgenossen Hessen sich nicht der Mehrzahl nach gerade in Newyork oder sonst im Osten nieder, wo ihrer bereits fast eine Million zusammen ist. Fast hat es den Anschein, als ob eben dieses Gedränge die Flüchtlinge aus dem russischen Ansiedelungsgebiet heimatlich anmutet So begreiflich das ist, so sprechen doch triftige Gründe dafür, dass man vorsichtig für eine bessere Verteilung sorgt, schon damit die Zuwandernden durch die Fülle nicht selbst einander Licht und Luft nehmen, damit sie schneller dem äusseren Landesbrauch in Sprache und Kleidung und in mancher guten Gewöhnung sich anpassen können. Einstweilen haben wir Ursache, mit Freude zu sehen, wie das russische Gefängnis sich allmählich entleert. Im vergangenen Jahr sind viele Zehntausende unserer Glaubensgenossen aus dem Lande der Knechtschaft in Lande der Freiheit übergesiedelt, sich selbst und ihren neuen Mitbürgern zum dauernden Segen. Das Aufnahmegebiet hat sich kürzlich wesentlich erweitert. Südamerika hungert förmlich nach Menschen und hat seine Pforten weit aufgetan. Die mit der Alliance Israelite Universelle durch Personalunion verbundene Jewisch Colonisation Association und verwandte Institutionen in England, Amerika und auf dem europäischen Kontinent haben in der Stille vorgearbeitet. Das Ergebnis wird erst in einer späteren Zeit zu Tage treten. Heute genüge, so viel zu sagen, dass seit den Zeiten der Völkerwanderung nicht solche Massen von Land zu Land sich gewälzt haben, wie jetzt über das Meer geführt werden. Der grösste Reichtum eines Landes besteht in seinen arbeitskräftigen und arbeitswilligen Bewohnern. Das weiss man in England wie in Amerika, und deswegen ist vorläufig nicht zu besorgen, dass jene Länder sich der Zuwanderung solcher Elemente verschliessen werden, besonders dann nicht, wenn die oben erwähnten Verteilungs- Massnahmen Erfolg haben. Erschwerungen freilich sind möglich und beinahe wahrscheinlich. Doch die Gründe dafür sind nicht in feindseliger Gesinnung zu suchen, sondern in Erwägungen wirtschaftspolitischer Art, denen eine subjektive Berechtigung innerhalb gewisser Grenzen nicht abzusprechen ist. Noch ist die Dillingham-Bill in den gesetzgebenden Körperschaften der Union nicht durchberaten. Aber auch der angenommene Dillingham-Antrag würde den Weg nach Amerika nicht versperren. Mit tiefem Bedauern müssen wir feststellen, dass Deutschland zu den Staaten gehört, die sich den russischen, namentlich jüdischen Flüchtlingen gegenüber am wenigsten freundlich zeigen. Wir haben es hier mit einer Erbschaft aus der Bismarck- Puttkamerschen Zeit zu tun. Im Jahre 1885 begann — unter dem Vorgeben notwendiger Abwehr der Repolonisierungsgefahr — die Aera der Massenausweisungen Fremdbürtiger, d. h. der russischbürtigen Personen. Viele tausende mussten damals das Vaterland ihrer Wahl verlassen, dessen Leiter gleichzeitig die Pforte der Naturalisierung durch Verwaltungsverfügung fast unpassierbar machten. Zehn Jahre später bot die Gewerbezählung den Vorwand zur Erneuerung der harten Massregel. Man hatte kein Auge dafür, dass die Verjagung des betriebsamen Fleisses unersetzlichen Schaden anrichtete, dass mit dem anspruchslosen Arbeiter die Industrie selbst auszuwandern anfing. Als man die Wirkung merkte, war es zu spät, namentlich weil man auch dann nur Ausnahmen zuzulassen sich entschliessen konnte. Immerhin hörte die Massenverjagung allmählich auf, zum Teil, weil nicht viel mehr übrig geblieben war, was verjagt werden konnte, zum Teil, weil man sich zur Milde bekehrt hatte — nicht aus Menschlichkeit, sondern aus berechtigtem Eigennutz. Im abgelaufenen Jahr verursachte die russische Pogrom-Politik die panikartige Flucht der russisch-jüdischen Bevölkerung, die sich naturgemäss zunächst nach Deutschland wandte. Und auf der Stelle setzte die Ausweisungs-Politik ein. Der Grundsatz wurde aufgestellt, dass die russischen Juden in Deutschland nicht zu dulden seien. Für die Pogrom-Flüchtlinge gab es in Deutschland kein Gastrecht. Gerade der Staat, der national unter allen der geschlossenste, einheitlichste ist, erklärte sich unfähig, fremde Elemente zu vertragen, nicht einmal solche, deren Anhänglichkeit an Deutschland sich durch das Festhalten an deutscher Sprache durch Jahrhunderte bewährt hatte. Zu Zehntausenden müssen alljährlich fremdbürtige Arbeiter zur billigen Arbeit in Deutschland geworben werden, grosse geschlossene polnische Kolonien sind dadurch in Deutschland entstanden und bis zum Westen vorgedrungen — aber der Jude aus dem Osten kann nicht geduldet werden! Die jüdische biblische Satzung — „dasselbe Gesetz und das nämliche Recht sollen gelten für dich und für den Fremden" — hat für unser Land heute noch immer keine Geltung. Alle Vorstellungen hiergegen sind vergeblich gewesen. Doch Billig-