Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1907)
- Article
- Das Jahr 1906
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 9 - 10 (sequence 5)
- Language
- German
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9 M. A. Klausner: Das Jahr 1906. 10 keit verlangt die Anerkennung, dass die harte Anschauung eine milde und menschliche Praxis gefunden hat. Der Sieg der Gerechtigkeit für uns Juden ist fern, aber nicht unerreichbar. Frankreich beweist es. Dort hat die Gerechtigkeit durch Sühne früherer Schuld schönen Triumph gefeiert. Der Hauptmann Dreyfus, den Fälschung und Meineid zum Verräter an seinem Vaterlande stempeln wollten, ist vollständig rehabilitiert und als Major wieder in die Reihen des Heeres eingestellt worden. Man hat gesagt, dass täglich und allerorten Justizirrtümer vorkämen, und dass es ärgerlich auffallen müsse, wenn die ganze Judenheit sich erregte, weil das nicht seltene Unglück einmal einen Juden getroffen. Wer das sagt, verkennt die Wahrheit gröblich. Gewiss sind Justizirrtümer häufig. Aber in dem Fall Dreyfus hat kein Justizirrtum vorgelegen, sondern ein vorbedachter, planvoll ersonnener Justizmord, doppelt verrucht, weil er von der Gerechtigkeit das Gewand entlehnt hatte. Und nicht dem um Ehre und Freiheit Betrogenen allein galt der Anschlag, sondern der Gefangene auf der Teufelsinsel sollte ein Brandmal und Schandmal sein für die ganze Glaubensgemeinschaft, der er angehörte. Darum erhob sich für ihn die Gerechtigkeit selbst, die der meineidgeborene Richterspruch hatte erwürgen wollen; darum erhob sich für ihn die Gemeinschaft, als deren Spezirnen der Gemarterte auf der Teufelsinsel litt und wundervoll ausharrte. Die Gerechtigkeit hat gesiegt. Picquart, der nahe daran war, Dreyfus' Schicksal teilen zu müssen, ist Kriegsminister geworden, weil er Zeuge und Bekenner und Verteidiger der Schuldlosigkeit gegen Meineid und Fälschung gewesen, und Emile Zolas sterblichen Resten haben sich die Tore des Pantheon aufgetan. Nicht dem Schriftsteller, nein, dem Verteidiger der Gerechtigkeit ist diese Ehre zuteil geworden, die das französische Volk ehrt. »Die Wahrheit ist unterwegs", hatte er verkündet — er hat nicht mehr erlebt, sie am Ziel zu sehen. Wir aber haben sie in diesem Falle am Ziel gesehen. Warum sollten wir verzagen, dass auch das Reich der Gerechtigkeit kommt? Die Propheten haben es geschaut, und wir hoffen ihm entgegen. ZABLUDOWSKI. Von Th. Z. Nachdruck verboten. Es ist sicher falsch, weil eine blinde Einseitigkeit die Fülle der Komponenten sich nicht zur "Wahrnehmung zu bringen vermag, — es ist sicher falsch, dass der Mensch nur ein Produkt seiner Zeit sei. Die Zeit schafft nicht den Menschen; sie findet nur ihren Widerschein im Menschen. Wie etwa die Landschaft Stimmung und Charakter wandelt im wechselnden Lichte der Sonne. Im ewigen Schatten des dichten, von breitem Kronengeäst überdachten Urwaldes weiten sich nur Abstufungen des Dunkels. Auf blumiger Wiese aber schreitet die Seele der Stunden* So gibt es Menschen, in deren offener, nicht verschatteter Art sich die Zeit spiegelt. Zabludowski war solch ein Mensch. Folgen wir den gewundenen Wegen seiner Entwicklung bis zur Höhe empor, so sinken die Schranken des Individuellen. Wir schreiten nur den Pfad entlang, den die Geschichte unseres Volkes sich durch die letzten fünfzig Jahre geschlagen. Zabludowski wurde in Bialystok geboren. In der Enge, in der Qual und in dem Frieden des Ghettos wuchs seine Jugend empor, von dem guten Geiste unserer Ahnen, unserer Lehrer genährt. Aber seine Sehnsucht strebte aus dem niedrigen Holzbau des Betk-Harnidrascli hinaus, so sehr er es auch sein ganzes Lebenlang als seine stille Heimat liebte. Nach schweren Kämpfen fand er den Weg in das Gymnasium und in die kaiserlich russische Militärakademie zu Petersburg. Er wurde in den Sanitätsdienst der russischen Armee gestellt und rückte im Krieg gegen die Türkei 1877—1878 zum Regimentsarzt des Donschen Kosakenregiments No. 30 auf, wo bei der Belagerung yon Plewna, dem Übergang über den Balkan und später im Lazarett zu Adrianopel seine medizinischen Kenntnisse und seine Menschenliebe den Leidenden Segen brachten. Damals lernte ihn Ernst v. Bergmann kennen xsnd verehren. Die Freundschaft knüpfte ein Band um diese beiden Männer, das nur der Tod lösen konnte. Als Bergmann von Dorpat nach Berlin berufen wurde zum Leiter der chirurgischen Universitätsklinik zu Berlin, suchte er Zabludowski an sich zu fesseln. Zabludowski hatte, von der russischen Regierung zur weiteren Ausbildung ins Ausland, nach Wien, London, Paris und Amsterdam geschickt, die Massage kennen gelernt, — ein von der medizinischen Wissenschaft durch viele Jahrhunderte vernachlässigtes Gebiet, auf dem sich Kurpfuscher und klobige Heilgehilfen tummeln. Ein gründlich