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Ost und West · 1907-01-01 · Heft 1 (Januar 1907) · p. Seite 5 - 6

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Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 1 (Januar 1907)
Article
Das Jahr 1906
Date
1907-01-01
Page
Seite 5 - 6 (sequence 3)
Language
German
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5 M. A. Klausner: Das Jahr 1906. 6 aller Wahrscheinlichkeit nach zu vier Fünfteln Juden sind, von dem Polizei- oder Militärgewaltigen die Juden zur Auslieferung der Revolutionäre, der Bombenwerfer bei Strafe des Pogroms aufgefordert werden. Natürlich kennen die Juden die Revolutionäre ihres Glaubens nicht, so wenig wie die Christen die Revolutionäre ihres Glaubens kennen. Doch die Christen werden mit der analogen unsinnigen Forderung nicht behelligt, die nur den Juden gegenüber vorkommt, und Vorwand und Ankündigung des Pogroms bildet, des staatsretterischen Terrorismus, der als nicht unwillkommene Nebenwirkung noch Beute bringt. In den letzten Monaten des vergangenen Jahres ist eine gewisse Ruhe eingetreten, hat man von Ausschreitungen in den schlimmsten Formen nicht gehört. Leider haben wir keinen Grund, das einem Erschrecken der russischen Gewalthaber vor ihrem eigenen Werk zuzuschreiben, dem erwachenden Gewissen oder der sich regenden Reue. — Eine Anleihe ist gewiss in Sicht, und zu den Vorbereitungen hierfür gehört wenigstens der Anschein der Ruhe, das Unterbleiben der gröblichsten Ausschreitungen. Dass die Verfolgungspause zu so gelegener Zeit eintritt, ist ein weiterer Beweis für den Zusammenhang zwischen Regierung und Pogromveranstaltung. Dass den Pogroms ein gewaltiger Auswanderungsdrang folgte, ist selbstverständlich. Die Bewegung der Aus Wanderungsziffer im vergangenen Jahr legt Zeugnis davon ab. Die wirtschaftlichen Verhältnisse hätten in Russland eine starke Auswanderung nicht bedingt. Sie war auch in den ersten Monaten des Jahres gering. Der Pogrom von Bialystok Hess sie plötzlich anschwellen. Dann trat Verebbung ein, bis die Reihe der neuen Pogroms, in Siedlic eingeleitet, neue Flut brachte. Dass die jüdischen Wohlfahrts-Organisationen, die Alliance Israelite Universelle mit den Schwester- Instituten voran, für die Notleidenden schnell mit reicher Hilfe sorgten, dass sie namentlich im Gefolge der Jewish Colonisation Association die Auswanderer-Unterstützung mit Mitteln versah, soll an dieser Stelle nicht näher dargelegt werden. Auch von dem Auswanderungs - Problem und seinen Einzelheiten kann hier nicht ausführlich die Rede sein. Nur von der Auswanderungsnot haben wir hier zu sprechen, insbesondere von dem Teil der Auswanderungsnot, die in den den Auswanderern bereiteten Schwierigkeiten besteht. Die Hauptzufluchtslande der russischen jüdischen Auswanderer sind England und namentlich Amerika. Es ist offenkundig dass die Lohnansprüche der russischen jüdischen Auswanderer, ebenso wie ihr ganzer Standard of life hinter den Lolinansprüchen und der Lebenshaltung der eingeborenen Arbeiter in den genannten Ländern zum Teil erheblich zurückstehen. Daraus ergibt sich, wenigstens für eine Uebergangszeit, ein Lohndruck, gegen den die Betroffenen begreiflicherweise sich zu wehren suchen. Auch die nicht unmittelbar Betroffenen haben ein unzweifelhaftes Recht, eine Herabsetzung der einmal gewonnenen Lebenshaltung der arbeitenden Bevölkerung des Landes oder eines Teiles dieser Bevölkerung als eine Schädigung anzusehen und demgemäss zu bekämpfen. Es ist daher erklärlich — wenngleich im Hinblick auf die Gesamtlage und auf die Ursachen der russischen Auswanderung nicht unbedingt zu billigen und in Bezug auf die Folgen jedenfalls zu beklagen — dass England wie Amerika begonnen haben, zur Verhütung der unwillkommenen Nebenwirkungen der plötzlich gesteigerten Einwanderung die Einwanderung selbst durch erschwerende Bedingungen aufzuhalten. Es wäre nicht richtig, hinter diesen Bestrebungen durchaus antisemitische Neigungen zu vermuten, und noch weniger klug, solche unrichtige Vermutung in der Form anklagender Behauptung zu lautem Ausdruck zu bringen. Nicht alles, was uns missbehagt und uns schadet, ist darum antisemitisch. Es ist am Ende verständlich, wenn man um das eigene Leiden in des Reiches Untergang weint, es kann aber nicht gebilligt werden, wenn man in allgemeiner Bedrängnis nur für das eigene Leiden Empfindung hegt und zeigt. Jüdisch ist das jedenfalls nicht Die Auswanderungsbeschränkungen in England und Amerika treffen unsere russischen Glaubensbrüder vielfach hart, ihre Tendenz aber richtet sich nicht ausschliesslich oder vorzugsweise gegen diese. Wir haben vielmehr dankbar und rühmend anzuerkennen, dass englische und amerikanische Grossherzigkeit sich unsern russischen Brüdern gegenüber im grossen und ganzen nicht verleugnet hat, dass politische und religiöse Verfolgung für unsere Brüder nach wie vor einen Freipass bildet in jenen gastlichen Landen. Das schliesst nicht aus, dass gewisse Strömungen vorhanden sind, die sich namentlich gegen die Zusammenballung jüdischer Einwanderer richten. Nur soll man nicht vergessen, dass wir selbst solche Zusammen-

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