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Ost und West · 1907-01-01 · Heft 1 (Januar 1907) · p. Seite 3 - 4

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Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 1 (Januar 1907)
Article
Das Jahr 1906
Date
1907-01-01
Page
Seite 3 - 4 (sequence 2)
Language
German
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3 M. A. Klausner: Das Jahr 1906. 4 bis auf diesen Tag erhalten hat. Diese Zuversicht ist die Grundlage unseres von den Propheten ererbten Optimismus. Dieser prophetische Optimismus soll uns niemals verlassen, auch in dem Augenblick nicht, da wir schmerzergriffen der Vorkommnisse gedenken, die den Legionen unserer Märtyrer neue Scharen zugeführt haben. Der Schauplatz der grausamen Verfolgungen unserer Glaubensgenossen ist der Teil Russlands, der nach seiner geographischen Lage zum europäischen Russland gerechnet wird, der aber von europäischer, von menschlicher Gesittung weltenfern ist. Nicht ein in Unwissenheit verkommener und durch seine ungezügelten Leidenschaften in Taten der Wut sich ergehender Pöbel hat in Siedlic und an anderen Orten zu Raub und Mord, zur Abschlachtung Unschuldiger sich vereinigt — viel Schlimmeres ist geschehen: die geordneten Träger der Staatsgewalt haben den Pöbel zu jenen Gewalttaten planvoll angestiftet! Die Beugung der Gerechtigkeit wurde zur Staatsmaxime gemacht, Taten der Unmenschlichkeit gaben sich für Staatsrettertum aus! Man muss weit, sehr weit zurückgehen, um in der Weltgeschichte Blätter zu finden, die von ähnlichem Gräuel berichten. Russland ist revolutioniert, das ganze Russland. Keine Bevölkerungsschicht, die nicht der Regierung gegenüber voller Abscheu und Verachtung wäre. Selbstverständlich teilt die jüdische Bevölkerung Russlands diese Stimmung der Umgebung. Es wäre wider die Natur, wenn es anders wäre. Niemand würde es glauben, wollte man sagen, dass der Bevölkerungsausschnitt im russischen Reich, der von der Regierung am meisten gelitten hat, jenen Abscheu und jene Verachtung nicht teilte. Und wäre das Unglaubliche, das Widernatürliche wahr, man würde dafür keine andere Erklärung haben, als dass die lange Unterdrückung die Gequälten moralisch und geistig bis zur Widerstands- und Willens- und Hoffnungslosigkeit erdrückt und zermorscht habe. Gewiss lag das in der Absicht der Gewalthaber, der Pobedonoszew und Genossen. Doch vor diesem äussersten Unglück unverdienter Schande sind unsere russischen Brüder bewahrt geblieben. Gut und Freiheit hat man ihnen genommen — der männliche Mut war in ihnen unvertilglich. Nicht gern und erst in äusserster Not haben sie zu den Waffen gegriffen, im Verein mit ihren andersgläubigen Landsgenossen. Sie sind ein leidgewohntes Geschlecht. Wenn sie gleichwohl sich empörten und Gewalt der Vergewaltigung entgegenstellten, so ist damit allein bewiesen, dass die Qual unerträglich geworden war, dass das Leben eingesetzt werden musste, damit das Leben gewonnen werde. Dass unsere internationalen nationalistischen Feinde unseren russischen Brüdern die Notwehr zum Verbrechen anrechneten, sie als berufsmässige Revolutionäre ausgaben, ist selbstverständlich. Dieselben Verketzerer der Juden hätten mit Hohn und Verachtung von eben diesen russischen Juden gesprochen, wenn die jüdischen russischen Männer teilnahmlose Zeugen der Revolution geblieben wären und untätig zugeschaut hätten, wie andere ihnen Befreiung zu bringen sich bemühten. Jene internationalen nationalistischen Feinde der Judenheit sind die Gesinnungsgenossen, die Helfer, die mitschuldigen Kronzeugen der Massenverbrechen, die unter Duldung der amtlichen russischen Regierung von der amtlichen russischen Nebenregierung im vorigen Jahr ebenso wie in dem voraufgegangenen verübt worden sind. Der Witz der russischen Pogrom - Politiker ist so dürftig, dass überall nach dem gleichen Schema verfahren wurde, das durchsichtig ist für jeden, der nicht freiwillig blind und darum unheilbar blind ist: An einem Ort ist ein Polizeivorsteher, der die Juden nicht unmenschlich behandelt und dafür von den jüdischen Einwohnern geliebt, verehrt, gepriesen, gesegnet wird. Der Polizeivorsteher fällt von Mörderhand. Der Mörder wird nicht entdeckt: Die kriminalistische Frage;;cui bono?" würde den Verdacht auf die Amtsgenossen des Ermordeten leiten, die an seiner Menschlichkeit den Juden gegenüber Anstoss genommen hatten, weil sie durch den gerechten Mann gehindert waren, nach ihrer Laune Erpressungen, Gewalttaten, Räubereien zu begehen. Diese Amtsgenosseti spielen sich als tiefergriffene Freunde, als die berufenen „Rächer" des Erschlagenen auf, und ihr beleidigtes Freundesgefühl wendet sich gegen die Juden, die ihren Helfer und Beschützer erschlagen haben sollen. ,;Gebt den Mörder heraus!" — diese Forderung ergeht an die Juden, die nicht antworten dürfen, wo sie den Mörder vermuten, auch nicht sagen dürfen, dass es Sache der Polizei sei, den Mörder zu finden. Die Forderung, die unerfüllbar ist, wird nicht erfüllt, und der Pogrom beginnt — Die einzige Variante, die man sich gestattet, besteht darin, dass in einer Stadt, die zu vier Fünfteln jüdische Einwohner hat, deren Revolutionäre also

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