Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1903)
- Article
- Aus dem Geleise
- Date
- 1903-12-01
- Page
- Seite 857 - 858 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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857 Bruno Lessing (New York): Aus dem Geleise. 858 einer lustig spielenden Musik-Kapelle, und daneben einen Mann mit Casey's Gesichtszügen, der ihm Geld gab. „Ich dachte, es wäre ein Traum gewesen,'* murmelte er leise. Dann wandte er sich an den Fremden: „Wer sind Sie?" „Ich?" meinte der Gefragte höchst erstaunt. „Na, Casey, T. Casey von Casey's Cafe. Sie sagten mir, dass ich, sobald ich das Geld brauchte, kom —" „Still!" unterbrach ihn Rosenstein, „sprechen Sie nicht mehr davon!" Er öffnete den Geldschrank, gab dem Manne das Geld, winkte dann, nachdem Mr, Casey fort war, den Buchhalter bei Seite und Äusserte ihm in's Ohr: „Es freut mich nur, dass ich den Geldschrank gestern nicht aufgeschlossen habe." „Versucht haben Sie's ja," erwiderte der junge Mann. „Wissen Sie nicht, wie Sie erklärten, die Nummern wollten nicht stehen bleiben, und mir auftrugen, den Schrank zu öftnen, worauf ich Ihnen dann sagte, ich wüsste die Kombination nicht?" In lähmendem Schrecken starrte Rosenstein ihn an. Es wurde ihm zu enge in dem Raum, er trat vor die Tür, um tief Atem zu holen, weil ihm zumute war, als ob er ersticken müsste. Direkt vor seinem Geschäft stand auf der Strasse ein Pferd, ein Schimmel, und neben demselben ein schäbig aussehender Bursche, welcher das Tier am Halfter hielt und Rosenstein erwartungsvoll anblickte. „Guten Morgen, Boss," rief er ihm entgegen. Rosenstein warf ihm einen wütenden Blick zu. „Machen Sie, dass Sie fortkommen! Ich erlaube nicht, dass Pferde vor meinem Geschäfte stehen. Bringen Sie das Tier irgendwo anders hin!" „Wohin Sie wollen, Boss," versetzte der Mann, indem er höflich die Mütze abnahm. „Aber Sie haben'« noch nicht bezahlt." Rosenstein hatte die Empfindung, als ob sich ihm das .Herz im Leibe umdrehte. Eine ungeheure Bitterkeit erfüllte ihn, als er entschlossen auf den Mann zutrat. „Habe ich das Pferd gekauft?" fragte er grimmig. „Aber gewiss!" sagte der Andere, „für Ihr Milchgeschäft" „Ich habe gar kein Milchgeschäft," versetzte Rosenstein. Der Mann zwinkerte mit den Augen. „Als ob ich das nicht weiss!" rief er. „Aber haben Sie nicht gesagt, Sie würden eines anfangen? So weiss wie Milch wäre das Pferd, haben Sie gesagt und ich musste's Ihnen verkaufen, damit Sie 'n Milchgeschäft aufmachen könnten. Und dann musste ich's aus dem Wagen nehmen und die Strasse auf- und abführen und alle Jungens d'rauf reiten lassen. Na, stimmt das?" Rosenstein schwankte in sein Geschäftslokal zurück, legte seinen Arm um den Büchhalter und sagte mit erlöschender Stimme: „Schaffen Sie den Menschen fort, um Gottes willen, schaffen Sie ihn fort: Geben Sie ihm Geld — so wenig wie [möglich, aber schaffen Sie ihn fort! Ich werde auch Ihr Salär erhöhen — später. Heute bin ich krank. Ich kann nicht im Geschäft bleiben — ich muss nach Hause gehen." Er wandte sich nach der Hintertür, blieb aber noch einmal stehen und fügte hinzu: Unter keinen Umständen nehmen Sie das Pferd!" Dann ging er nach Hause. Frau Rosenstein sass strickend und freudeglänzenden Angesichts auf den Türstufen. Als sie ihren Gatten sah, eilte sie ihm entgegen. „Du bester Mann, Du liebster, grossmüthigster Mann!" rief sie, und die hellen Thränen standen ihr in den Augen. „Mich erst für meinen Eigensinn zu strafen und mir dann die allergrösste Freude zu bereiten, indem Du mir den grössten Herzenswunsch erfüllst. Aber es ist zu viel, ich verdiene das ja garnicht! Ein Zimmer wäre wirklich genug gewesen!" Das Herz stand ihm still. Aus dem Hause drang ein sonderbares Geräusch, — als ob lange Streifen Papier zerrissen würden. „Was — was ist?" fragte er schwach. Seine Frau lächelte selig. „Die Tapezierer sind bereits an der Arbeit," entgegnete sie. „Sie sagten, Du hättest angeordnet, die ganze Arbeit müsste an einem Tage fertig sein, und da haben sie zwanzig Mann geschickt." Rosenstein sank schwerfällig auf die Stufen nieder. Sprechen konnte er nicht mehr, — nicht einmal denken. In seinem Kopfe wirbelte und brauste es, und er hatte das Gefühl, dass er wahnsinnig werden müsste. Jetzt eilte ein geschäftig aussehender junger Mann mit einer TapetenroUe in der Hand die Vortreppe hinunter und zog den Hut, als er den Hausherrn sah. „Guten Morgen!" riet er munter — dieses „Guten Morgen!" begann Rosenstein nachgerade wie ein Messerstich durch den Leib zu gehen — „ich hab's fertig gebracht. Im Anfang hielt ich es selber nicht für möglich, aber ich mach's! Ich sage Ihnen, Sie finden in der ganzen Stadt keinen zweiten Tapezierer, welcher solch' grosses Stück Arbeit in so kurzer Zeit fertig bringt. Jedes Zimmer im ganzen Hause! Und dazu noch rote Tapeten, die so behutsam angefasst werden müssen! Aber bis heute Abend ist Alles in bester Ordnung!" Man sah ihm an, wie stolz er auf seine Leistung war, als er elastischen Schrittes die Strasse hinuntereilte. Rosenstein blickte ihm halb betäubt nach. Dann wandte er sich wieder um und seufzte. „Liebster," begann Frau Rosenstein nach einer langen Pause, „jetzt musst Du mir noch Eins versprechen, um mich ganz und gar glücklich zu machen." Rosenstein schwieg. Er hatte die dunkle Empfindung, dass dieses Versprechen ebenfalls die Folge von irgendwelchen, ihm bis jetzt noch nicht enthüllten Ereignissen des gestrigen Tages sein werde.