Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1903)
- Article
- Aus dem Geleise
- Date
- 1903-12-01
- Page
- Seite 855 - 856 (sequence 2)
- Language
- German
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855 Bruno Lessing (New York): Aus dem Geleise. 856 „aber nun ist alles vorüber. Schlafe jetzt nur — wir wollen nie darüber reden. Und die gelbe Tapete behalten wir noch ein Jahr." Ein Weilchen starrte Rosenstein schweigend in das Halbdunkel; es schien ihm, als ob unzählige Raketen und Feuerräder vor seinen Augen herumsprühten. Dann kam ihm plätzlich ein schrecklicher Gedanke. „Sieh nach, wieviel Geld in meiner Tasche ist!" sagte er aufgeregt. Die getreue Lebensgefährtin zählte es. „Ein Dollar und vierzig Cents." Rosenstein stiess einen Seufzer der Erleichterung aus. „Dann ist alles in Ordnung. „Ich hatte nur zwei Dollars, als ich fortging." Und beruhigt schlief er ein. Als er am nächsten Morgen seiner Frau gegenüberstand, machte er ihr klar, welch' ernste Lehre er ihr gegeben. „Jetzt kannst du sehen, wohin dein Eigensinn mich zu treiben vermag," sagte er. „Sechzig Cents habe ich vergeudet und dazu einen ganzen Tag Arbeit in meinem Geschäft verloren, nur um Dich davon zu überzeugen, wie töricht es von Dir war, rote Tapeten haben zu wollen." Aber seine Frau hatte kein Wort der Widerrede sondern umarmte ihn und gelobte unter strömenden Tränen, dass sie nie wieder etwas verlangen werde, was Mehrausgaben erforderte. Dann besiegelten sie die Versöhnung mit einem Kusse, und Rosenstein machte sich auf den Weg nach seinem Geschäft, zwar etwas unsicher auf den Beinen und mit einem eigentümlich wirren Gefühl im Kopf, aber dennoch in gehobener Stimmung, dass es ihm gelungen war, einen so vollständigen Sieg über den Eigensinn seiner Gattin davongetragen zu haben. Das Geschäft war geschlossen. Rosenstein starrte auf die Eisenstange vor der Tür und die heruntergelassenen Fensterläden. Der Buchhalter hatte um acht Uhr da zu sein und das Geschäft zu öffnen. Vor ein paar Minuten hatte es neun geschlagen. Wo war der Buchhalter? Und wo die drei Verkäuferinnen? Und der Office-Junge? So rasch er konnte, ging Rosenstein nach der Wohnung des Buchhalters, der, munter pfeifend, gerade dabei, war, Toilette zu machen, und ihn erstaunt anblickte, als er eintrat. „Was soll das heissen?" fuhr Rosenstein ihn an „Warum sind Sie nicht im Geschäft? Und wo haben Sie die Schlüssel?" Halb bestürzt, halb verwundert, schaute der junge Mann ihn an und fragte: „Haben Sie nur Spass gemacht?" „Spass gemacht?" wiederholte Rosenstein wütend. „Ich? Wieso? Warum? Sind Sie verrückt?" „Ja, Sie haben mir doch gestern gesagt, dass wir das Geschäft schliessen und uns nach Kräften amüsieren sollten, und dass wir in einer Woche erst wiederzukommen brauchten." Rosenstein musste sich an die Tür lehnen, um nicht umzufallen. Er versuchte zu sprechen, aber die Kehle war ihm wie zugeschnürt. Endlich brachte er aber mit halber Stimme heraus, indem er mit dem Zeigefinger auf seine Brust deutete: „Ich?" Der Buchhalter nickte. „Und was habe ich ausserdem getan?" fragte Rosenstein zaghaft. „Sie gaben Jedem von uns fünf Dollars und — und forderten uns auf, etwas Lustiges zu singen und — was ist Ihnen, Herr Rosenstein, sind sie krank?" „Gehen Sie!" ächzte Rosenstein. „Holen Sie die Anderen und machen Sie das Geschäft auf! Schnell! Und sagen Sie Allen, dass sie über das, was gestern geschehen ist, nicht sprechen — kein Wort! Sie — Sie —" er ächzte nochmals, „Sie können das Geld behalten. Aber das Geschäft muss aufgemacht werden, und Keiner darf reden." Er wankte auf die Strasse hinaus. Ein Polizist sah, wie er sich an einem Laternenpfahl festhielt. „Sind Sie unwohl, Herr Rosenstein?" fragte der Sicherheitswächter. „Sie sehen sehr blass aus. Soll ich Ihnen etwas zu trinken holen?" Aber Rosenstein wich entsetzt zurück und schrie: „Ich bin kein Trinker!" Dann ging er weiter; in seinem Kopfe summte und brummte es, und ein plötzliches Angstgefühl erfüllte sein Herz. Erst nachdem er während eines langen Spazierganges wieder einigermassen die Herrschaft über sich zurückgewonnen hatte, begab er sich nach seinem Geschäft. Es war offen, und Alles ging seinen gewohnten Gang. Ein Mann, den Rosenstein nicht kannte, wartete auf ihn; als er .den Eintretenden sah, leuchtete sein Gesicht auf. „Guten Morgen!" rief er ihm fröhlich entgegen. „Sie müssen schon entschuldigen, dass ich so früh komme, aber heute ist der Erste, und ich brauch' das Geld nötig." Rosenstein erbleichte. Die Verkäuferinnen zogen sich mit peinlich auffälliger Diskretion in den hinteren Teil des Ladens zurück. Eine Sekunde lang schloss Rosenstein die Augen, und dann fragte er heiser: „Was für Geld?" Der Fremde sah ihn überrascht an und hielt ihm dann eine Karte hin. Erinnern Sie sich hieran nicht mehr?" „Ja, das ist meine Karte," entgegnete Rosenstein, dieselbe anblickend. „Was ist damit?" „Schauen Sie auf die andere Seite. Und als Rosenstein dies tat, starrten ihm die Worte entgegen: „Ich schulde Mr. Casey 36 Dollar. J. Rosenstein." Kein Zweifel, es war seine Handschrift. Und plötzlich stieg eine ferne, traumhafte Erinnerung in ihm auf: er sah sich auf einem Berggipfel stehen, inmitten