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Ost und West · 1903-12-01 · Heft 12 (Dezember 1903) · p. Seite 853 - 854

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 12 (Dezember 1903)
Article
Aus dem Geleise
Date
1903-12-01
Page
Seite 853 - 854 (sequence 1)
Language
German
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853 854 AUS DEM GELEISE. Eine New-Yorker Ghettogeschichte von Bruno Lessing (New-York). Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen von John Weimann. Nachdruck verboten Wehe dem Manne, welcher es versucht, seiner Frau eine Lehre zu geben! Wehe ihm, wenn es fehlschlägt! Wehe ihm, wenn es ihm gelingt! Was Immer das Resultat sein möge, wehe ihm! Frau Rosenstein wollte eines der Zimmer neu tapeziert haben, und zwar rot; Herr Rosenstein aber war der Ansicht, dass die gelbe Tapete, welche die Wände zierte, für mindestens noch ein Jahr gut sei. „Wir haben doch aber in den letzten Jahren etwas Geld zurückgelegt und können uns die kleine Ausgabe ganz gut erlauben", entgegnete sie ihm, „und rote Tapeten sehen so schön aus!" Nebenbei gesagt, war Rosenstein Besitzer eines Dutzends Mietskasernen, hatte keine Kinder, ein einträgliches kleines Modewaren-Geschäft und verbrauchte, da er ein ausgeprägtes Spartalent hatte, nicht mehr als etwa den fünfzigsten Teil seines Einkommens. Ausserdem rauchte er weder, noch hatte er jemals irgend etwas Alkoholhaltiges getrunken. Aber je mehr seine Frau über die rote Tapete sprach, desto eigensinniger wurde er in seinem Widerspruch/ bis er endlich eines Morgens nach einer längeren und sehr lebhaften Auseinandersetzung ganz plötzlich mit verbissener Wut nachgab. „Gut," sagte er, indem er seinen Hut aufsetzte und nach der Tür schritt, „Du sollst Deine rote Tapete haben! Aber von diesem Augenblicke an werde ich ein Trinker!" Frau Rosenstein wurde blass. „Mann!" schrie sie, „Mann!" und rang die Hände. Aber Rosenstein riss, ohne ein weiteres Wort zu erwidern, die Tür auf und warf sie heftig hinter sich ins Schloss. Frau Rosenstein sank halb ohnmächtig auf einen Stuhl. Es war der Stolz - ihres Lebens gewesen, dass ihr Gatte nie in seinem Leben auch nur einen Tropfen geistiger Getränke angerührt hatte, und die Möglichkeit, dass er doch einmal von dem Pfade enthaltsamer Tugend abweichen könnte, schwebte ihr immer vor wie ein dunkles Schreckgespenst. Sie kannte Männer, welche sich und ihre Geschäfte durch Trinken ruiniert hatten. Und wenn sie auch ganz genau wusste, dass ihr Mann sehr genau war, und seine einzige Leidenschaft darin bestand, sein Vermögen zu vermehren, so sagte sie sich doch, dass all* das in dem Moment, in welchem der Dämon der Trunkenheit Herr über ihn werden würde, anders werden müsste. Ein Verschwender würde er werden, alles Ersparte vergeuden; sie würden ihr Heim verlieren, — ja, vielleicht verhungern. Und jetzt stand er im Begriff, den ersten Schritt zu tun. Ihr war zumute, als ob ihr das Herz brechen solle. Ihm nachzulaufen, hatte keinen Zweck, — sie kannte seine Starrköpfigkeit. Und es blieb ihr nichts übrig, als sich in das Unvermeidliche zu fügen. Rosenstein war unterdessen direkt in die nächste Wirtschaft gegangen. Tausendmal hatte er das Lokal auf seinem Wege passiert, ohne je einzukehren, und die Augen des Schankwärters hefteten sich einigermassen erstaunt auf die patriarchalische Gestalt des neuen Kunden, der ihn so verbissen anstarrte. „Geben Sie mir zu trinken!" kommandierte Rosenstein. „Was wünschen Sie?" fragte der Schankwärter. Rosenstein machte ein verblüfftes Gesicht, — von Getränke wusste er garnichts. Aber als er die lange Reihe von Flaschen hinter dem Schanktisch sah, hellten sich seine Mienen auf. „Aus der Flasche da drüben — die dicke, schwarze meine ich." Es war Benediktiner. Der Schankwärter füllte ein kleines Likörgläschen, aber Rosenstein runzelte die Stirn. „Ich will nicht einen Tropfen haben, sondern einen ordentlichen Schluck. Geben Sie mir ein grosses Glass voll!" Ein Schankwärter widerspricht seinen Gästen nicht, so lange sie in der Lage sind, zu bezahlen. Ohne ein Wort zu entgegnen, füllte er ein halbes Schoppenglas mit dem dickflüssigen Likör, und Rosenstein goss das Getränk in einem Zuge hinunter. „Na, aber so 'was!" murmelte der Mann, als Rosenstein, nachdem er bezahlt, stolz hinausging. Ohne ein bestimmtes Ziel, aber in Sehr gehobener Stimmung schritt Rosenstein die Strasse entlang, indem er den ihm Begegnenden, welche ihn alle überaus freundlich anlächelten, vergnügt zunickte. Als er an die nächste Ecke kam, sah er zu seinem Erstaunen, dass sich der Charakter der Strasse über Nacht vollständig geändert hatte. Ein ganzes Regiment Soldaten marschierte ihm entgegen, und jeder einzelne hatte ein volles Glasin der Hand, das er ihm anbot. Als er darauf in Reih und Glied trat und mitmarschierte, standen plötzlich wenigstens hundert Sonnen am Himmel. Dann wurde er in eine Kanone geladen und in die Luft geschossen, — als er wieder zum Bewusstsein kam, sah er die ihm so wohlbekannten Züge seiner Frau vor sich und fühlte auf seinem üeberheissem Haupte die angenehme Kühle nasser Tücher. Es war ungefähr Mitternacht. Rosenstein stöhnte angstvoll. „Was ist geschehen?" fragte er mit matter Stimme. „Du warst ein Trinker," versetzte seine Gattin^

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