Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1903)
- Article
- Die Juden in dem Werke "Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild"
- Date
- 1903-12-01
- Page
- Seite 845 - 846 (sequence 3)
- Language
- German
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Die Juden in dem Werke „Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild". 846 sonst würde er wissen, dasg keine Sprache der Welt eine „regelmässige Formenbildung", aber auch keine eine „willkürliche -Syntax" hat; aber speziell den „Jargon" fand er offenbar nicht würdig genug, um; ihm eine tiefere Aufmerksamkeit zu widmen, sonst würde er wissen, dass bei der Fortbildung des „Jargons" dieselben strengen phonetischen und sprachpsychologischen Gesetze gewaltet haben, wie bei der Entstehung jeder menschlichen Sprache, aber es würde ihm auch das grosse Geheimnis offenbar worden sein, dass jene rätselhafte, „dem Jargon eigene, von rechts nach links gehende Schrift" nichts anderes, als das — hebräische Alphabet ist. Was ist ein Rabbiner? Der gelehrte Herr Verfasser spricht darüber lang und breit, aber wir erfahren nur, dass „der Rabbinerposten ein Adelsbrief" ist und dass „häufig wohlhabende Juden mit talmudischen Kenntnissen unentgeltlich den. Posten eines Rabbiners bekleiden, um ihre Kinder besser versorgen zukönne n". Andere Motive will der Herr Verfasser nicht gelten lassen. Demnach bliebe es ein unaufgeklärtes Rätsel, weshalb Männer, die keine Kinder zu versorgen hatten, wie etwa R. Josef Saul Nathansohn, der letzte grosse Rabbiner von Lemberg, diese Bürde auf ihre Schultern nahmen. „An der Seite des Rabbiners steht in hervorragender Stellung ein Adlatus, der Religionsweiser1), ein Mann von vielem talmudischen Wissen. Theolog und Jurist zugleich. Er muss alle Bestimmungen, Entscheidungen und Judikate, welche in den hundertundzwei Traktaten der Mischna und Gemara, sowie im Gesetzeskompendium Schulchen Aruch enthalten sind, — genau kennen". Fürwahr, ein stilistisch wie inhaltlich köstlicher Satz; jedes Wort darin ist Goldes wert. Ueber Wesen und Geschichte des Chassidismus besitzen wir schon eine ganze Literatur. Männer wie Mieses, Gottlober, Graetz, Dubnow, David und Abraham Kahana, Schechter u. a. haben in gelehrten Büchern und Abhandlungen sich bemüht, diese merkwürdige, hochwichtige und äusserst komplizierte Erscheinung zu ergründen. Sie waren alle Toren! Unser Herr Verfasser weiss es besser, er tut den Chassidismus mit zwei Worten ab. Und mit was tür Worten! Die Chassidim sind „Exaltados, die wie die Derwische in Verzückung geraten, beim Gebete die Glieder verrenken und zwischen Fasten und Büssungen verwelken". Und ferner: „Die Gläubigen, die zu x) Der gelehrte Herr Verfasser meint offenbar den „Dajjan*. den Wunderrabbis halten, gehören zumeist zu der Sekte (sie!) der Chassidisten; fanatisch und wild wie die Derwische, tanzen, springen und schreien sie beim Beten ebenso und sind nicht minder intolerant; sie beten mehr und fasten mehr als vorgeschrieben ist." Nun wissen wir's ganz genau! Wahrlich, wäre nicht der — Respekt, den die gründliche Gelehrsamkeit des Verfassers uns abnötigt, wir wären geneigt, diese seine Ausführungen als einen argen wissenschaftlichen Frevel zu bezeichnen, für den ein Schuljunge z. B„ eine Tracht Prügel verdienen würde! Aus der Schilderung jüdischer Sitten und Bräuche will ich wenigstens folgendes Exempel hierhersetzen: „Ein wahrer Hexensabbath ist nun in diesen sonst so stillen Räumen los; man schreit, flucht, zankt, singt, lacht, trinkt; Fuhrleute und Musikanten, bis zum Excess betrunken, erhöhen noch den betäubenden Lärm, den erst der Beginn der feierlichen Handlung zum Schweigen bringen kann". Was ist das? Du errätst es nicht. Das ist ein — jüdisches Hochzeitsfest! Angesichts dieser hervorragenden Leistungen wird man wohl mit dem Verfasser wegen ein paar kleiner Versehen nicht allzustrenge rechten. So versichert er uns, die Tracht der polnischen Juden stamme aus dem 14. Jahrhundert, während jeder, der etwas Polnisch kann, wissen müsste, dass das Hauptstück der jüd.-poln. Oberkleidung, die „Bekesche", ursprünglich ein ungarisches Gewand, gegen das Ende I des 16. Jahrhunderts in Polen eingeführt wurde, und zwar durch Bekesche, einen Freund und Kampfgenossen König Stefan Bathory's. (Bekesche starb 1580 und wurde bei Wilna auf einem Hügel bestattet, der bis heute seinen Namen führt). ,,Der schwarzseidene Talar, den man im Sommer bei feierlichen Anlässen über den Kleidern trägt", wird gewöhnlich „razywölka" gegenannt (wovon unser gelehrter Herr Verfasser nichts gehört hat), das Wort ist verdorben von „radziwillka", und bezeichnet das Obergewand der Offiziere, die im 17. Jahrhundert die Truppen der Fürsten Radziwill befehligten. Ebenso wenig wird man es ihm verübeln, dass er uns versichert, der Unterricht der Schulkinder in der Bibel beginne mit dem Verse „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde". E r hat offenbar nie „Chumesch zu lernen" begonnen, und konnte daher nicht wissen, dass dies stets mit dem ersten. Verse des dritten (und nicht des ersten) Buches Mosis geschieht, der lautet: „Und es rief Gott zu Mose". Doch Spass beiseite. Es ist eine unendlich