Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1903-12-01 · Heft 12 (Dezember 1903) · p. Seite 847 - 848

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 12 (Dezember 1903)
Article
Die Juden in dem Werke "Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild"
Date
1903-12-01
Page
Seite 847 - 848 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2583875-2583904-2583917-2587958--03500-2588033
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

847 Die Juden in dem Werke „Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild". 848 traurige Tatsache, die wir hier beleuchten. Ein Gefühl tiefster Beschämung überkommt uns, wenn wir mitten unter den ausgezeichneten und gediegenen Arbeiten polnischer und ruthenischer Gelehrten, die diesen Band füllen, plötzlich auf dieses jammervolle Machwerk stossen, das den Juden gewidmet ist. Dort behandeln hervorragende Fachmänner eingehend und liebevoll, mit vollendeter Sachkenntnis alle Lebenserscheinungen ihres Volkes und bieten ein klares, anschauliches Bild seiner Geschichte, seines sozialen und geistigen Lebens, seiner künstlerischen, literarischen und musikalischen Schöpfungen. In der Abhandlung über die Juden findest du keine Spur von alldem, aus ihr würde kein Mensch erfahren, dass unter den galizischen Juden einmal die hebräische Literatur blühte, dass unter ihnen heisse und tiefgreifende geistige Kämpfe tobten, dass aus ihnen einige der allerersten Schöpfer der modernen jüdischen Wissenschaft hervorgegangen sind, dass sie eine Reihe bedeutender Künstler, Schriftsteller und Volksdichter hervorgebracht haben. Zum Ersatz für diesen Mangel macht uns der Verfasser mit hochwichtigen Tatsachen vertraut, wie z. B., dass, als die jüdischen Kaufleute Galiziens in früheren Zeiten sich auf die 'Reise begaben, „die Hausfrauen für haltbaren Mundvorrat sorgten, das mitzuführende Bettzeug mit frischen Ueberzügen versahen und die freilich sehr primitive Garderobe ergänzten". Mehr kann man nicht verlangen. Er scheint freilich etwas davon gehört zu haben, dass dort einmal Männer „schrittweise das Werk der Reform begannen", allein er weiss nicht einmal die Namen dieser Männer richtig zu schreiben. „Perls und Rappaport" sollen nach seiner Behauptung unter anderen „mit dem Lehrbuch in der Hand auf den Plan getreten sein!" Das Volkstum der anderen Stämme, wie es sich im Volkslied, in der Volkssage, im Sprichwort, in der Melodie und im Tanze äussert, ist hier genau untersucht und glänzend geschildert, — unser Verfasser dagegen scheint keine Ahnung zu haben, dass *es dergleichen Dinge bei den Juden überhaupt gibt, Ija er scheint gar nicht zu wissen, dass etwas, welches Volkskunde genannt wird, existiert. [Er will, wie er sagt, nur „den bigotten Durchschnittsmenschen" schildern und bietet uns eine Reihe unwahrer Behauptungen, im besten Falle schlecht und falsch beobachteter Tatsachen, die er Jauch dort, wo sie nicht direkt der Wahrheit widersprechen, zu allermeist nicht verstanden hat, deren tSinn und organischer Zusammenhang ihm unklar geblieben ist, einige unbedeutende, aus trüber Quelle geschöpfte, angeblich historische Nachrichten, einige banale, kein essentielles Merkmal enthaltende Züge, alles zusammen Übergossen mit einer Sauce schaler und leerer Phrasen über Fortschritt, Aufklärung, Zeitgeist, und dergleichen. Er hat keine Ahnung davon, dass Sitten, Bräuche, Volksglauben unschätzbare Dokumente der Völkerpsychologie bilden, die der Forscher — wie es die polnischen und ruthenischen Kollegen des Verfassers getan — zu erforschen, zu beschreiben und genetisch zu verstehen bestrebt sein rriuss, anstatt, wie e r es tut, mit der Ueberlegenheit des beschränkten Bildungsphilisters über „Aberglauben, Finsternis und Bigotterie" und über „die tiefen Nebel, die in den Niederungen der jüdischen Bevölkerung lagern", zu jammern. Man denke sich einen Weinreisenden, den sein Geschäft zufällig nach Japan führt, der dort, mit der ganzen Verständnislosigkeit des halbgebildeten Banausen, von der Höhe des Kaffeehaustisches dem fremdartigen Volkstreiben zusieht und dann „zur Feder greift", um die unverstandenen, zusammenhanglosen Bilder, die in seinem ungeschulten Hirn halten geblieben, in einem Provinzblättchen zum Ergötzen der Honoratioren von Krähwinkel beschreibt, ~ man denke sich das Werk, das solcher Arbeit seinen Ursprung verdankt, und man wird einen Begriff von dem Aufsatz haben, der in dem Werke „Die österreichischungarische Monarchie in Wort und Bild" die Juden schildert. Ah, beinahe hätte ich's vergessen! Der Verfasser dieses Aufsatzes, der in Wien lebt, heisst Leo Herzberg-Frärdd und soll dem Vernehmen nach ein Jude sein.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.