Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1903)
- Article
- Zur Geschichte des Positiven und Negativen
- Date
- 1903-12-01
- Page
- Seite 839 - 840 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2583875-2583904-2583917-2587956--03492-2588029- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
839 Achad Haam (U. Ginsberg): Zur Geschichte des Positiven und Negativen. 840 haben. Sie treten daher aus ihrem Versteck hervor und schliessen sich'hilfebringend den Verfolgten an, in dem sie den neuen positiven Inhalt samt all seinenlngredienzien mit überschwenglicher Liebe und Begeisterung, aber ohne Kritik und Ueberlegung annehmen, da ihnen in erster Reihe nicht an diesem Inhalt selbst, sondern an der durch ihn gegebenen Möglichkeit der Negation gelegen ist. Während sie daher das Alte immer kritischer analysieren und selbst seine allergeringsten Gebrechen und Mängel aufspüren, bemühen sie sich in demselben Masse, über die vorhandenen Fehler in dem Neuen hinwegzusehen und sind in seinem Lobe weit massloser, als seine eigenen ersten Anhänger. Denn diesen war das Neue nur ein Teil, eine Vermehrung des Alten, während jene nichts anderes haben und daher in ihm notwendig ein Ganzes sehen müssen. — Die ursprünglichen Anhänger des'Neuen protestieren allerdings zunächst gegen dieses Bündnis, das ihnen die Anhänger des Negativen wider ihren Willen aufgezwungen haben. Allein die Verfolgung seitens der Anhänger des Alten, die sie beide gleichmässig umfasst und sie zum Zusammenhalten in Reih und Glied zwingt, gewöhnt sie allmählich an diese Bundesgenossenschaft, sodass sie zuletzt tatsächlich einen geschlossenen Bund mit einem geschlossenen System bilden, das sich gleichmässig aus positiven und negativen ^Elementen zusammensetzt, nur dass die einen das Positive wegen des Negativen, die anderen das Negative wegen des Positiven acceptieren. Dieser Kampf zieht sich viele Jahre, manchmal sogar viele Generationen hindurch. Meistens neigt sich anfangs der Sieg auf 'die Seite des Neuen. Denn einerseits lässt sich der Geist des Negativen, nachdem er einmal erweckt ist, nur schwer zurückdrängen. Andererseits übertrifft auch die Macht des neuen positiven Inhalts die des alten, da er eine Frucht der Gegenwart ist und daher dieser sich besser anpasst, als das Alte, das einer vergangenen Generation angehört. Aber mit^dem Moment, in dem die Anhänger des Neuen ihres endgiltigen Sieges sicher sind und daher aufhören, all ihre Kräfte im Kampfe gegen das Alte zu konzentrieren, beginnen viele von ihnen, auch das Neue mit demselben kritischen Blick zu mustern, den sie bis jetzt nur für das Alte übrig hatten. Es ist nur natürlich, dass sie nunmehr auch in dem Neuen mancherlei verdorbene Elemente entdecken, deren Beseitigung wünschenswert erscheint. Ja, allmählich finden sich auch unter den bereits beseitigten Elementen des Alten viele, die durchaus gesund -und lebenskräftig waren, aber von der Negation in ihrer unüberlegten Bekämpfung des Alten ohne jegliches Bedürfnis beseitigt wurden. So kommen sie nach und nach zur Ueberzeugung, dass diese Ablösung des Alten durch das Neue noch lange keine Lösung ist, ■dass ihre Lichtseiten durch die Schattenseiten aufgewogen -werden, da die Herzen zu sehr vom Alten entleert wurden, ohne im erforderlichen Masse von dem Neuen .ausgefüllt zu werden. In einer derartigen Lage pflegt die Anhängerschaft des Neuen in eine überreiche Zahl der verschiedenartigsten Sekten und Parteien zu zerfallen. Diejenigen, die in ihrem Innern eine Leere empfinden, sehnen sich nach einem Ideal, suchen nach einem Mittel, um ihr Leben auszufüllen, und indem sie fieberhaft hin und her streifen, entfernen sie sich entweder zu weit nach vorwärts oder wenden sich gar nach rückwärts. Aber in beiden Fällen finden sie nicht die ersehnte Herzensruhe, denn künstliche Ideale können auf die Dauer die natürliche Leere nicht ausfüllen. Viele verzweifeln auch zuletzt, gewöhnen sich allmählich an diese Leere und geben jedes Suchen nach Abhilfe auf. Sobald nun die Anhänger des Alten die im Lager des Neuen herrschende Ratlosigkeit bemerken, gewinnen sie wieder frischen Mut, und ihr Herz wird wieder von der bereits aufgegebenen Hoffnung belebt, dass in kurzem die Welt sich nach rückwärts wenden und nach demselben Punkte zurückkehren wird, auf dem sie einst in der guten alten Zeit gestanden hatte. Doch gewöhnlich sind sie im Irrtum. In den meisten Fällen wird die Gesellschaft durch derartige Schwankungen nach vorwärts oder nach rückwärts weder nach vorwärts noch nach rückwärts gebracht. Sie sind vielmehr nur ein Beweis dafür, dass sie eines dritten gemässigten Systems bedarf, welches, zwischen dem Alten und dem Neuen in der Mitte stehend, die untauglichen Elemente beseitigte, und die tauglichen, aber.unüberlegt beseitigten Elemente wieder aufnähme und, indem es beide in eine einheitliche neue Form, entsprechend dem Zeitgeiste, kleidete, dadurch das Gleichgewicht herstellte zwischen den geistigen Interessen, die noch das Erbe des Alten darstellen, und zwischen denen, die von dem Neuen geschaffen, aber bereits zum unentreissbaren Besitztum der Gemüter geworden sind. Ein derartiges System ergibt sich im Laufe der Zeit von selbst, als Folge jener Schwankungen * nach verschiedenen Seiten. Doch kann sein Entstehen verlangsamt oder beschleunigt werden, je nach der Verkettung der Ursachen und Lebensereignisse. * * * Eine komplizierte Bewegung der genannten Art entstand auch in unserm Volke bereits vor mehr als einem Jahrhundert und ist auch jetzt noch nicht zu Ende. Aber aus ihrem Verlaufe in den letzten Jahren darf man den Schluss ziehen, dass sie von dem richtigen Wege nicht mehr fern ist. N#eh vor der modernen Aufklärungsbewegung unter Mendelssohn gab es unter unseren Stammesgenossen im Westen „gemässigte Anhänger der Negation", die sich aber nicht separierten, weil sie nichts hatten, um ihre Leere auszufüllen. Als jedoch im Herzen einzelner Auserwählter ein neuer positiver Inhalt emporgewachsen war; das Bedürfnis nach bürgerlicher Gleichberechtigung und der Glaube an ihre Erreichbarkeit durch Aneignung der europäischen Kultur, da schlössen sich sofort die Anhänger des Negativen den Vertretern