Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1903)
- Article
- Zur Geschichte des Positiven und Negativen
- Date
- 1903-12-01
- Page
- Seite 841 - 842 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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841 Achad Haam (U. Ginsberg): Zur Geschichte des Positiven und Negativen. 842 •des neuen Positiven an, — die am Anfang vielleicht in .der Tat bloss Anhänger des „Wahren, Guten und ^Schönen* waren und nicht ahnen konnten, dass man -einst die Negation auf ihr Conto setzen und sie seit der -deutschen Bibelübersetzung datieren wird, — und bildeten so zusammen einen Bund, der ohne Erbarmen mit ■einem Freuden- und Siegesgeschrei die Bollwerke der jüdischen Nation zerstörte. Als sie jedoch siegten oder „gesiegt zu haben glaubten, stellten sich auch ihnen Kritiker entgegen, die an ihrem positiven Ideal, aber noch mehr ari ihrer Negation Mängel entdeckten. Denn die Zerstörung hatte sich nicht blos auf die veralteten •Glaubensanschauungen und Zeremonieen beschränkt, sondern hatte sogar den Daseinskern des Volkes und 43eine Einheit angegriffen. Die Kritiker begannen daher im Innern eine Leere zu empfinden und suchten nach .Mitteln, sie auszufüllen. Sie glaubten sie auch zu finden: die Einen in den prunkvollen Tempeln mit ihren nichtssagenden Predigten, die Anderen, und zwar die Besseren von ihnen, in jener neuen Kreatur, die sie ins Leben riefen und, entsprechend ihrer grossen Bestimmung, mit •einem grossen Namen schmückten: nämlich die Wissenschaft des Judentums. In den Werken, die dieser Wissenschaft gewidmet -sind, stossen wir häufig auf eine sehr eigentümliche Erscheinung. Die Einleitung ist voll von tiefen Betrachtungen und warmen Empfindungen zu dem jüdischen Tolke und seiner Litteratur, während das Werk selbst — die Wissenschaft, der zu Ehren die Einleitung geschrieben wurde — lediglich aus kleinlichen Detailuntersuchungen über allerlei Commentatoren, Punktatoren und alten Liturgieen besteht, die ganz gut ungeschaffen bleiben könnten, ohne dass die Weltgeschichte sie im geringsten vermissen würde. Hier zeigt sich ganz krass, wie tief die Sehnsucht dieser Gelehrten nach irgend einem positiven nationalen Inhalt ist, der ihre Liebe zum jüdischen Volke legalisierte und ihnen die Möglichkeit gewährte, sich seinen geistigen Aufgaben zu widmen. Aber sie fanden zu ihrem Unglück keinen, und so mussten sie sich an Grabsteinen und Liturgieen genügen lassen. Andere, die suchten und nicht fanden, wandten sich nach „rückwärts" ins Lager des Alten. Andere wieder blieben bei ihrer Leere oder fielen unwiederbringlich ab. Diese Bewegungen wiederholten sich nachher mit geringen Aenderungen auch in den Ländern des Ostens. Aber was die Gelehrten dort suchten, aber nicht fanden, schufen hier die Ereignisse von selbst: ein „gemässigtes System", das zwischen dem Alten und dem Neuen das Gleichgewicht herzustellen vermag, „indem es beide in eine einheitliche neue Form kleidet". Wir betrachten diese einfache natürliche „Form", die ohne jede Klügelei jedem verständlich ist, und wundern uns nur, dass sie so lange ausbleiben konnte. Haben wir es nötig, sie beim Namen zu nennen oder mit dem Finger nach Osten zu zeigen, nach dem Lande unserer Väter? DIE JUDEN IN DEM WERKE „DIE OESTERREICHICH-UNGARISCHE MONARCHIE IN WORT UND BILD". Von Bar-Ami. Vor kurzem wurde in Wien ein monumentales Werk von zwanzig Bänden zum (Abschluss gebracht, das den Titel „Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild" führt und eine erschöpfende Beschreibung aller Länder und Völker des Donau-Kaisertums enthält. Die besten Gelehrten, Schriftsteller und Künstler jedes einzelnen Kronlandes lieferten die historischen, geographischen, ethnographischen, literahistorischen und illustrativen Darstellungen ihrer engern Heimat. Da •die Redaktion, an deren Spitze ursprünglich der feinsinnige und hochgebildete Kronprinz Rudolf :stand, über die besten Kräfte und reichlichsten Mittel verfügte, so dürfte das Werk heute als die beste •Quelle zur Kenntnis Oesterreich-Ungarns angesehen -werden. Um so verwunderlicher war es mir, als ich in mehreren Bänden vergebens nach einer eingehenderen Schilderung der Juden suchte, deren Nachdruck verboten, die österreichisch-ungarische Monarchie ja an die zwei Millionen zählt. Abgesehen von einigen trocknen statistischen Daten, fand ich keine lebendigere Spur von der Existenz der Juden. Endlich, als ich zu dem Bande „Galizien" kam, wurde meine Neugierde befriedigt. Ich fand dort einen Aufsatz, „Die Juden" überschrieben. Auf den ersten Blick war ich enttäuscht, denn der Artikel fasste im ganzen etwa 19 Seiten von dem halben Umfange des Formates dieser Zeitschrift und verschwand förmlich in dem stattlichen Band, wo allein die Schilderungen der Hochzeitsbräuche der nichtjüdischen Bevölkerung mehr Raum einnahmen. Was konnte ein so dürftiger Artikel bieten? Nur ein Meister ersten Ranges konnte es wagen, in so engem Rahmen eine nur halbwegs gewissenhafte Beschreibung der jüdischen Bevölkerung vom historischen, kulturellen und ethnographischen