Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1903)
- Article
- Die Juden in Schweden
- Date
- 1903-12-01
- Page
- Seite 819 - 820 (sequence 3)
- Language
- German
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819 Robert Jaife: Die Juden in Schweden. 820 19. Dezember 1806 und 31. August 1815 wurde den Juden verboten, nach Schweden zu kommen, ohne besondere königliche Erlaubnis. Am 31. September 1838 wurde ihnen auch noch gestattet, sich in Karlskrona niederzulassen. Aber die Beschränkung des Wohnrechtes der Juden wurde überhaupt aufgehoben durch königliche Verordnung vom 9. November 1854. Die in Schweden geborenen Juden erhielten das Recht, sich in jeder beliebigen schwedischen Stadt niederzulassen. 1860 erhielten die Juden, die schwedische Mitbürger waren, das Recht, sich überall in Schweden, auch auf dem Lande, niederzulassen, und das Recht, festes Eigentum zu besitzen, 1863 das Recht, in gewissen Zweigen des Staatsdienstes als Beamte angestellt zu werden. 1865 das Recht, an den Reichstagswahlen teilzunehmen, das aktive Wahlrecht. Am 16. Februar 1870 erhielten sie durch Reichstagsbeschluss (in der ersten Kammer mit 98 Stimmen gegen 18 und in der zweiten Kammer mit 116 gegen 58 Stimmen) die völlige Gleichstellung. Sie sind ebenfalls nur von der Möglichkeit ausgeschlossen, Staatsminister zu werden, wie übrigens auch Katholiken und etwa Baptisten, weil die Staatsminister durchaus der Landeskirche angehören müssen. So vollendete sich ein vollkommenes, glückliches Verhältnis zwischen den Juden und ihren schwedischen Mitbürgern. Es giebt in Schweden keinen Antisemitismus im politischen oder gesellschaftlichen Leben. Die Juden gehören keiner besonderen Partei an. Sie haben es auch nicht nötig, sich an eine besondere Partei anzuklammern. Es giebt Juden ebenso zahlreich unter» den Konservativen als unter den Liberalen. Selbst die Politiker des faterländska förbandet (Vaterländischer Verband) die etwa den französischen oder ungarischen Nationalisten oder den deutschenresp. österreichischen Alldeutschen entsprechen, würden es nicht begreifen können, wie man antisemitische Gesinnungen haben kann. Juden finden wir in allen Staatsstellungen, auch im Offizierkorps. Die Gleichstellung ist völlig durchgeführt und steht nicht blos auf dem Papier. Dafür sind die schwedischen Juden auch ganz zu Schweden geworden. Bis ins Innerste ihres Herzens haben sie sich dem schwedischem Volke amalgamiert, und von ihnen könnte man wahrlich nicht behaupten, dass sie ein Element der nationalen Dekomposition seien. Vor etwa 15—20 Jahren kamen auch noch russische und polnische Einwanderer hinzu. Sie selber wüsten sich so wenig zu assimilieren, dass die alten schwedischen Juden mit den Namen auf ski oder itz noch heute ein fürchterliches Schwedisch sprechen. Die eigentlichen schwedischen Juden sprechen mit ihnen lieber deutsch, weil sie ihr Schwedisch einfach nicht verstehen, und wenn diese alten russischen oder polnischen Schweden ein grosses Geschäft besitzen, so könnensie es nur dadurch aufrecht erhalten, dass sie ein ausgebreitetes schwedisches Personal zur Bedienung ihrer Kundschaft haben. Aber ihre Nachkommen begannen sich bald auf die Basis der alten, respektablen, schwedischen Juden zu stellen. Die Einwanderung ist überdies sehr gering. Denn die jüdischen Gemeinden ge-, währen den Russen und Polen keine Unterstützung zur Niederlassung, sondern sie geben ihnen gerade noch Geld, damit sie wieder weiter wandern. Dazu kommt noch dies: bis zum Jahre 1899 war in Schweden noch ein Gesetz in Kraft, nach dem die jüdischen Gemeinden verpflichtet waren, die jüdischen Armen, die sich in ihnen niederliessen, eigens zu unterstützen. Aber vor kurzem ist dies Gesetz aufgehoben worden, und die jüdischen Armen gemessen keine anderen Unterstützungsansprüche als die christlichen. Diese schwedischen Juden haben sich auch immer bemüht, auf allen Gebieten des Lebens zur -öffentlichen Wohlfahrt beizutragen. Sie haben an dem ökonomischen Leben Schwedens einen wesentlichen Anteil; die Skandinaviska Creditactiebolaget ist von Juden begründet, und auch die Stockholmer Handelsbank wird von Juden geleitet. Sie haben vielfach, z. B. in Norköping, Fabriken gegründet, und allenthalben sind sie angesehen als redliche, rechtschaffene Kaufleute. In den Wissenschaften hat es jetzt Professor Karl Warburg zu besonderem Ansehen gebracht. Er ist ein Literaturhistoriker, etwas wie ein ins Schwedische übersetzter Erich Schmidt. Zudem ist er Vorsitzender des schwedischen Schriftstellerverbandes und Bibliothekar der Nobelstiftung. Ein zweiter Litteraturhistoriker jüdischer Abstammung ist der Stockholmer Oskar Levertin. Dieser ist zugleich ein ungewöhnlich feiner Poet, von Storm'scher Feinheit, und man erwartet vielleicht nicht zuviel, wenn man meint, dass er bald neben den gerade jetzt unverhältnismässig zahlreichen schwedischen Poeten wie Geyerstamm, Verner von Heidenstamm nnd der Selma Lagerlöf, einen europäischen Ruf erlangen werde. Ueber ihn werde ich in diesen Blättern vielleicht noch einmal ausführlicher referieren können. Unter diesen Umständen hat auch der