Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 11 (November 1903)
- Article
- Erew-Jom-Kipur
- Date
- 1903-11-01
- Page
- Seite 783 - 784 (sequence 3)
- Language
- German
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783 David Pinsky: Erew-Jom-Kipur. 784 „Nur recht bald!" fällt ein junger Arbeiter im Synagogen-Nigun ein. „Für mich und ganz Israel." „Amen!u fällt ein anderer aus der Jugend singend ein. „Charlatane!" beschliessen unter sich die alten Arbeiten „Erew-Jom-Kipur oder nicht Erew-Jom-Kipur, ihnen ist's alles gleich", brummt Boruch. Er hat eigentlich auch einen Groll auf Reb Elih. Tausenderlei Ungerechtigkeiten, die er von ihm erlitten, die kann er noch immer nicht vergessen. Aber heute ist Erew-Jom-Kipur, und da will er daran nicht denken, noch ein Wort darüber fallen lassen. An diesem Tage soll man seinem Todfeind verzeihen, voll und ganz, da will er wenigstens keinen Fluch über seine Lippen bringen. „Gojim, einfach Gojim sind das! Gott mag mich strafen für solche Worte, aber sie sind nicht wert, dass man sich ihrer erbarmt . . . " „Aber was dauert es nur so lange?" fragte ein alter Arbeiter ungeduldig. „Er zählt seine Sünden," antwortet der Spassvogei gelassen. Und nach einer Weile setzt er hinzu: „Er bereitet uns sicher eine Predigt vor wie im vorigen Jahre: „Nun, Kinderchen, gebe euch Gott ein glückliches Jahr," beginnt er in Reb Elih's Tonfall. „Breche euch Gott die Köpfe . . . wollte sagen die Herzen und habt ein leichtes Fasten . . . solange ihr lebt." Das junge Volk wälzt sich vor Lachen. Die Alten werfen schiefe Blicke. „Erew-Jom-Kipur — nicht Erew-Jom-Kipur, alles gleich! Bist ein Goj, so geh und tauf dich, zum Teufel! . ." schimpft Boruch. „Nach dem Kontor! Nach dem Kontor!" hört man Stimmen aus dem Hofe. Die Arbeiter setzen sich in Bewegung. „Kommt, lasst uns begucken sein koschres Antlitz!" sagt Getzel, sich erhebend. Das junge Volk folgt ihm, ein Lächeln um die Lippen. — — III. Das Reb Elih sitzt auf seinem Platze am Schreibtisch und blickt in die Rechnung. Vor ihm liegt das abgezählte Geld. Heute will er mit eigner Hand auszahlen. Ihm scheint, das bedeutet dem Herrgott eine wohlgefällige Tat ... Er wird heute die Arbeiter so weich wie möglich behandeln, er fühlt eine Wärme seinen ganzen Körper durchrieseln — ihm scheint, er ist ein Gerechter. Er wird immer besser und besser gestimmt. Ja, seine Blicke, die er den Arbeitern hin und wieder zuwirft, werden wohlwollender. Die alten Arbeiter und die Knaben stehen vorne, die jungen hinten. Getzel macht ein ernstes Gesicht, und seine Augen blicken ironisch auf den Herrn. Er kann sich nicht entschliessen, was für eine Stichelei Reb Elih diesmal zu hören bekommen soll. Und das junge Volk blickt Getzel erwartungsvoll in die Augen. . . „Nun, Kinderchen, wendet sich Reb Elih an die Arbeiter, „wollen wir nur abrechnen und uns ein glückliches Jahr wünschen. Ihr braucht doch wohl Geld?" „Na, und ob!" antwortet jemand. „Natürlich, natürlich,0 sagt Reb Elih sehr wohlwollend. „Machen wir diesmal keine Scherereien. Nun, Boruch!" Aus der Gruppe löst sich der alte Boruch und tritt an den Tisch. „Trete vor, Reb Boruch!* stimmt Getzel im Synagogen- Nigun an, wie wenn man jemand zur Thora aufruft. Die Umstehenden pressen die Hand an den Mund und blicken zur Erde. Boruch bekommt das Geld, steckt es in die Tasche und wendet sich zur Tür. Teil. Spiel. „Wünsche ein glückliches. . ." beginnt er. „Warte doch, was rennst weg?" ruft ihn Reb Elih zurück. „Wir wollen uns zuerst mit allen abrechnen und nachher verabschieden, wie sich's gehört. Wir wollen etwas Schnaps nehmen, was läufst weg? — Ejser!" ruft er einen zweiten alten Arbeiter. „Wir sind doch Juden, heute ist Erew-Jom-Kipur. . ." spricht er wie vor sich hin, in die Rechnungen blickend. „Bereitet ein Hochzeitsgeschenk vor!" witzelt Getzel. Reb Elih wirft einen Seitenblick nach Getzel, Er mag sie nicht leiden, die ganze Bande da hinten. Aber heute verbannt er jede Feindseligkeit aus seinem Innern. Niemand will er jetzt etwas nachtragen, und ihm ist, als sähe der liebe Herrgott alles, was in seinem Herzen vorgeht, und er wird immer freudiger und besser gestimmt. „Ich habe Sie bitten wollen, Sie möchten mir etwas mehr Geld geben," beginnt Ejser demütig. „Mehr Geld gibt's heute nicht," antwortet Reb Elih mild und in einem Tone, als könne er sich nicht entschliessen, es herauszusagen. Er besinnt sich aber sofort: eigentlich hätte man es ihm nicht abschlagen dürfen. Nun fällt ihm aber ein, dass er doch Ejser nach den Feiertagen entlassen will und Ejser so wie so, wie's scheint, selbst weg will. Und überhaupt — gibt er Ejser, dann muss er allen geben, dann kommt ein jeder mit so etwas. Diesen Leuten da braucht man ja nur den Weg weisen. . . „Schmerel!" ruft er einen dritten alten Arbeiter. „Sie täten mir einen grossen Gefallen erweisen.2 Ich brauch's so nötig. . ." redet Ejser das Seine. Und Reb Elih witzelt gutherzig: