Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 11 (November 1903)
- Article
- Erew-Jom-Kipur
- Date
- 1903-11-01
- Page
- Seite 781 - 782 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2583875-2583904-2583916-2587856--03411-2587911- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
781 David Pinsky: Erew-Jom-Kipur. 782 Zum morgigen Gerichtstag will er kommen — rein und gerecht. Er weiss j edoch, dass die Arbeiter ihn schon mehr als einmal beim Herrgott verklagt. Darüber will er auch mit ihnen ein Wörtchen reden! Er beweist sich haarscharf, dass er stets im Recht gewesen: die Arbeiter sind einfach Taschendiebe! . . . Diesen Sommer, da fiel's ihnen plötzlich ein, sie taten sich zusammen und stellten die Arbeit ein! Einen ganzen Monat! Skandal! „Streik, Schmeik!" denkt Reb-Elih. „Streik nennen sie noch so etwas! Diebstahl, Raub! Den Bissen aus dem Munde reissen? Aber nicht Streik! Was lür Namen diese Kerle auch nicht ausdenken tun!" Er hatte ihnen einen halben Rubel pro Stück abziehen wollen. Er hatte gewusst, was er tat, er durfte, er musste das tun: „unter der Nase" entstand ihm ein Konkurrent. Dieser Grund ist nicht ganz stichhaltig, er fühlt es nur zu gut. Ausserdem hatte er nicht ganz pünktlich gezahlt, einige Mal die Rechnungen zu verdrehn, zuzustellen, gute Ware als schlechte zu verzeichnen gesucht und überhaupt nicht gezahlt. Aber er hatte es gemusst, Gott ist sein Zeuge — Geschäft! wie sagt man doch? wo's an's Geschäft geht. . . Alle Weit macht es ebenso. . . Aber dieser Streik! dieser Streik! . . Und überhaupt sind es die jungen Arbeiter nicht wert, dass die Erde sie trägt. Gotteslästerer, die wahren Gotteslästerer, nicht ein Funken „Jüdischkeit" ist in ihnen, chuzpedige Lümmel, da gibt es nicht mehr „ älter" — „jünger", alles von sich abgestreift. Das eine Fenster des Kontors führt auf die Strasse, und Reb Elih sieht, am Tor versammeln sich schon die Arbeiter und zeigen mit einer Kopfbewegung nach dem Kontor. Da steht auch der Spassvogel Getzel, ein junger Arbeiter von ungefähr dreiundzwanzig, wie Reb Elih augenrollend und eifrig gestikulierend, wenn er die Arbeiter schimpft. Die jungen Arbeiter um Getzel brechen in ein schallendes Gelächter aus. Reb Elih wendet sich beleidigt vom Fenster ab. „Nun, wird's mal ein Ende nehmen?" wendet er sich ungeduldig an den Buchhalter und den Kassierer. Er will nicht mehr durchs Fenster blicken, noch an die Arbeiter denken. „Taugenichtse", beschliesst er in Gedanken und wirft mit Widerwillen einen Blick auf die Strasse: Getzel steht in der Pose wie Reb Elih, wenn er einem Arbeiter einreden will, dass er mehr Geld genommen hätte. „Kommen sie mal aus den Rechnungen 'raus, in aller Welt?" ruft Reb Elih den Kontoristen zu. „Sitzen da wie in Pech. . ." „Na, lange soll der bei mir schon nicht arbeiten," beschliesst Reb Elih in Gedanken über den Spassvogel. „Auswürfe sind das! Auch nicht ein Ordentlicher unter ihnen!" Es fällt ihm ein, dass derlei Leutchen beim Herrgott nichts gelten, er hat von vorneherein ihre Beschwerden vor dem Allmächtigen nicht zu fürchten. Er nimmt das Psalmbuch vor — jetzt ist er beim Herrgott gut angeschrieben und niemand verdrängt ihn von Sejnem Throne.--- II. Teil. Die Wölfe. Gegen sechzig Arbeiter stehen auf der Strasse neben dem Tor. Sie haben alle ihren Feiertagsstaat angelegt: reine Hemden, Schabbeskleider. Nur die Knaben, die sich zwischen ihnen herumtreiben, tragen zerrissene Kleider und sind fast sämtlich barfuss. Man steht in Gruppen, die Alten unter sich, die Jungen unter sich. Man ist ungeduldig über das lange Wartenmüssen. Die Gespräche wollen sich nicht fortbewegen. Die Knaben spielen Greifen. Und der alte Boruch, der Aelteste unter den Arbeitern, herrscht sie an: „Heut ist nicht die Zeit für Spiele!" Die Kinder brechen das Spiel ab und nach einer Weile balgen sie sich um einen Knopf. Nur um Getzel, den Spassvogel, geht es noch etwas lustig zu. Er sitzt auf ein einem Säulchen am Trottoir, er hebt Steinchen von der Erde und zielt nach den Vögeln, die auf der Strasse herumhüpfen, nach vorübergehenden Mädchen ... Er tut es langsam, ohne rechte Lust, man muss doch auf irgend eine Weise die Zeit totschlagen. Er ist auch auf Reb Elih wütend und macht sich auf diese Weise Luft. Das junge Volk hat seine Freude an Getzels Treiben. Aber die alten Arbeiter, die ans Tor gelehnt stehen, blicken ihn mürrisch an. „Ihm sind alle Zeiten gleich!" brummen die Alten. Das junge Volk hängt an Getzels Lippen: was wird er antworten? Er fühlt auch die Blicke auf sich ruhen, aber er antwortet nichts, obwohl ihm allerlei Antworten durch den Kopf gehen. Er hätte auch beinahe gesagt, ein Mädchen gefalle ihm jederzeit, er sagt es aber nicht. Er ist einfach zu faul dazu. „Wirst kommen, mit mir morgen zusammen fasten?" fragt er ein vorübergehendes Dienstmädchen. „Unverschämt!" sagt sie im Vorübergehen, blickt sich aber um, ob es wohl gelohnt hätte. — „Magst dich lebendig begraben lassen! Kein Tropfen „Jüdischkeit" ist in dir," schimpft der alte Boruch. „Erew-Jom-Kipur oder nicht Erew-Jom-Kipur — ihm ist's ganz gleich." „Reb Elih wird schon für mich beten, er gilt bei Gott schon mehr als ich," antwortet Getzel maulfaul. „Er braucht nur zu Gott kommen . . ."