Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 11 (November 1903)
- Article
- Kongresstypen
- Date
- 1903-11-01
- Page
- Seite 771 - 772 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2583875-2583904-2583916-2587851--03396-2587906- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
771 D. F.: Kongresstypen. m Winnen, wie diese in sich abgeschlossene, harmonische Persönlichkeit auch eine . mächtige ästhetische Wirkung auf die Beschauer ausübt. Jedes Wort.ist wohl überlegt und jede Bewegung gemessen. Eine Handbewegung sagt oft mehr als langatmige Reden anderer. Er kennt die Psyche des Kongresses wie kein anderer; er ist ganz der Situation gewachsen und noch so plötzlich herantretende Anregungen oder Anträge bringen ihn nie vom zielbewussten Wege ab. Klug und geschmeidig, jedem Gerechtigkeit widerfahrend lassend, vor allem denjeniger, die ihn angreifen, ist er der ideale Leiter einer aus so verschiedenartigen Elementen bestehenden Versammlung. Er hatte, was selbst seine Gegner zugeben müssen, während der Debatte Momente, in denen er in der Beherrschung der Situation, in der Abfertigung seiner Widersacher geradezu gross war. Hatte das Ostafrika-Projekt die Gemüter bis in die innersten Tiefen aufgewühlt, und zeigte sich diese Erregung oft demonstrativ, er wankte und wich nicht in Wahrung des parlamentarischen Charakters der Verhandlungen. Und als die Gegnerschaft sich fast zu ostentativer Demonstration zugespitzt hatte, verstand er es wiederum Tags darauf die Versammlung an ihrer empfindlichsten Seite zu fassen, und in seinem Schlusswort gar schlägt er jenen Gmndton an, der die ganze Gemeinschaft beherrscht. In der Sprache der Väter beteuert er seine ungeschwächte zionistische Gesinnung: „Wenn ich dein vergesse, Jerusalem, verdorre meine Rechte." Vergessen ist jeder Kampf, lauter Jubel schallt dem Sprecher entgegen: Trotz Afrika steht wiederum der geistige Vater und Führer der Bewegung vor ihnen, der Führer nach Zion. Wie verschieden der ihm an Rang und Ansehen zunächst stehende MaxNordau. Der greise Bart umrahmt ein jugendirisches Antlitz, aus dem ein Paar feurige Augen hervorleuchten. Die Rede ist blankgeschliffen, scharf pointiert, von geistreichen Wendungen und Anspielungen durchsetzt; man empfindet einen gar eigenartigen prickelnden Reiz, ihm zuzuhören; jede Blosse des Gegners ist schnell erfasst und sicher sitzt jeder Hieb. Und meist hinter ihm stehend Z a n g m i 11 — wohl mit die markanteste Persönlichkeit des Kongresses. Er ist ganz Jude und ganz Engländer. - Ein glatt rasiertes Gesicht, dessen unregelmässige und doch Ktonrabbiner Ingenier Tjomkin (Jelisawetgrad), [(Nach einer Momentaufnahme in Basel.) so ausdrucksvolle Züge sich bleibend dem Ge* dächtnis einprägen. Eine lange Künstlermähne bedeckt das Haupt und die grossen Hände fallen wie schwere Platten aufeinander, wenn er Beifall klatscht. Steigt die Begeisterung, so schwingt -er seinen grossen Panamahut in der Luft. Das Bild wiederholt sich täglich mehrere Mal. Auf der Tribüne am Vorstandstisch ist ein ewiges Kommen und Gehen; immer neue Gestalten tauchen auf, machen leise Mitteilungen oder diskutieren im Flüsterton. Auch hier sitzt Opposition und „Regierungspartei" dicht nebeneinander; die Vertreter der letzteren klatschen als erste . Beifall und nicken zustimmend zu jeder Bemerkung von „oben". Die Opposition macht unterdessen Notizen. Ihr gehört auch, namentlich was Ostafrika betrifft, Dr. S. Lewin an. Eine lange, schwarze Gestalt mit lebhaften Bewegungen und von hinreissender Beredsamkeit. Er spricht in dem Idiom der jüdischen Masse Russiands und handhabt die Sprache mit einer Meisterschaft, die ihresgleichen sucht; und wie er die Worte aus tiefstem Innern schöpft, die Bilder dem Gedanken- und Gefühlskreise seiner Zuhörer entnimmt, dringt jedes seiner Worte ins innerste Herz und bannt die Hörer. Welch Gegensatz zu ihm und etwa Mr. Sulzberger. — Ruhig, gemessen betritt dieser die Tribüne; mit lauter, klarer Stimme verkündet er die Gefahren der Masseneinwanderung in Amerika; er betont scharf die wichtigsten Stellen der Rede, und wie er von seinem Judentum spricht, da erhebt sich die Stimme zum edlen Pathos und er streckt die Rechte nach oben, gleichsam zum Schwur, wenn er die Worte „ich bin ein Jude" zweimal wiederholt. Das Aeussere dieses warm fühlenden Juden stellt aber in Aussehen, Kleidung und Bewegung einen amerikanischen Gentleman von reinstem Wasser dar. Wenn ihn dann etwa Rabbiner Reines ablöst, so scheinen sich zwei Welten zu berühren 1 —- Vor uns steht nunmehr ein echter russischer Raw im Kaftan und Käppchen. Er streichelt den langwallenden graumelierten Bart und beginnt seine Ausführungen mit gesenkter Stimme. Bald aber reisst ihn der Gegenstand fort; ein jugendliches Feuer durchglüht den Greis. Die Hände ballen sich wie zum Kampfe und jede Faser, jeder Nerv weint um Zion und kämpft um seine Wiedererlangung.