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Ost und West · 1903-11-01 · Heft 11 (November 1903) · p. Seite 769 - 770

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 11 (November 1903)
Article
Kongresstypen
Date
1903-11-01
Page
Seite 769 - 770 (sequence 1)
Language
German
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769 770 KONORESSTYPEN. Von D. F. Es kann, mit der Wirklichkeit verglichen, doch nur stümperhaltes Stückwerk sein, was sich als Schilderung von Einzeitypen des Kongresses gibt. Der ganze Kongress ist ein Gesamttypus von solcher Eigenart und Mannigfaltigkeit, wie ihn nur ein Mikrokosmos des jüdischen Volkes zu bieten vermag! Dieses lebendige, stets wechselnde Bild, das den jüdischen Beschauer ergreift und hinreisst, es lässt sich durch Worte nicht darstellen, und selbst der meisterhafte Pinsel des Malers könnte nur einzelne Momente festhalten. Aber nicht nur die flüchtigen Augenblicke besonderer Prägung sind das Erfassenswerte, nicht nur jene Minuten, in denen der Kampf der Meinungen sich zu dramatischer Steigerung zuspitzt, — was sich dem Herzen und Gedächtnis mit unauslöschlichen Zügen einprägte, war das wogende, warm pulsierende Ganze, dessen einzelne, von einander verschiedene Teile sich in einem Gedanken und einem Gefühle zusammenfanden. Derselbe Grundton der Empfindung, dieselbe Liebe zum angestammten Volke, dasselbe alte Judenweh in jedem Teilnehmer am Kongress, und doch wie abweichend die Ausdrucksmittel! In Gang und Bewegung, in Kleidung, Sprache und Geberde verleugnet kaum Einer das Land seines Aufenthalts und dessen Kultureinflüsse. —Und dieses — mit äusserlichem Massstab gemessen — internationale Völkchen, es schiebt und drängt sich auf den Korridoren und Treppen des Stadtkasinos in Basel, füllt die Säle und Couloirs, debattiert und opponiert. Noch ist der Kongress nicht eröffnet-. Es gilt die Meinungen vorher zu klären, Gegner von Anhängern zu unterscheiden. In unzähligen Gruppen werden Einzelfragen erörtert; schon hier platzen die Gegensätze aufeinander. In sprühender Beredsamkeit vertritt dort ein Mann im Kaftan, lebhaft mit beiden Armen gestikulierend seine Autfassung, wiederholt setzt sein Gegenüber zur Antwort an — aber vergebens, da fasst dieser beide Hände des Sprechers, hält sie fest und — kommt nunmehr auch seinerseits zu Wort. Neben dieser Gruppe ein Kreis von Studenten und Studentinnen aus Russland, die in der Vertreter der Kaukasischen Gebirgs-Juden auf dem VI. Zionisten-Kongress. Nach einer Momentaufnahme in Basel. freien Schweiz ihren Wissensdurst stillen; hier wird schweres Geschütz für die Redeschlacht aufgefahren. Eine Salve von Marx, Lassalle und Spencer wird mit nicht minder grobem Kaliber beantwortet; keine Partei giebt nach, immer neue Waffen werden aus derselben Rüstkammer hervorgeholt, denn sie alle haben bereits manches über die meisten grossen Geister der Sozialwissenschaft gelesen. Unentschieden bleibt daher der Sieg und mit verächtlichem Achselzucken entfernen sich die einzelnen Kämpfer, um sich alsbald in die Debatten verschiedener anderer Gruppen zu stürzen. Die Stimmung ist unterdessen bis zur Siedehitze gediehen. Aus dem bunten Gewühl ragen allenthalben „Misrachisten" mit ihren Käppchen hervor, keine schlagende, aber darum nicht minder streitbare Verbindung. Von dichten Schaaren werden jetzt die Türen zum Kongresssaal umlagert. Alles drängt und schiebt und stösst, jeder will möglichst früh am Platze sein. Wir betreten den Kongresssaal. Ein brausendes Durcheiander von Sprachen und Stimmen; die erwartungsvolle Spannung im Saal teilt sich den Zuschauern auf der Tribüne mit. Auch hier ist man gebannt von der Erwartung, was der nächste Augenblick bringen soll. Das bewegte Meer glättet sich aber allmählich und sinkt zu einem leisen Gemurmel herab, das wie der Wellenschlag aus weiter Ferne klingt. Und nun erscheinen die Männer, welche das Vertrauen der Wähler an die erste Stelle gesetzt hat, das grosse Aktions- Komitee, an seiner Spitze Dr. Theodor Herzl. Ein frenetischer Jubel, ein nicht enden wollendes Händeklatschen und Tücherschwenken! Wie ein Mann steht die Menge von den Sitzen auf, die Massensuggestion reisst jeden Einzelnen mit sich fort, eine heilige Begeisterung durchglüht die Herzen. Wer einzelne der Typen des Kongresses festhalten will, muss, mag er wollen oder nicht, mit dem Führer beginnen. Die geistige Bedeutung Herzls zu schildern, wäre mü<sig, sie ist allbekannt. Man muss ihn jedoch an der Spitze des Kongresses gesehen haben, um einen Begriff davon zu ge-

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