Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 11 (November 1903)
- Article
- Ch. D. Nomberg
- Date
- 1903-11-01
- Page
- Seite 765 - 766 (sequence 2)
- Language
- German
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765 Isidor Eljackoff: Ch. D. Nomberg. 766 sie allmählich dahin, sich von Synagoge, Talmud- und Kabbalastudium loszusagen. Aus den kleineren und grösseren Provinzstädten strömen sie nach Warschau oder Odessa, den einzigen zwei Grosszentren im Bereiche des jüdischen Ansiedelungsrayons. Ich nenne sie die Ghettoausgestossenen, obgleich kein Mensch sie zu Verstössen gedachte. Willig zogen sie in die Verbannung hinaus; eine innere, nicht immer klar bewusste Macht zwang sie, sich von den Lebensformen des Ghettomilieus loszusagen, weitere Rahmen für die Entfaltung ihrer Persönlichkeit zu suchen. Das sind nicht die Abtrünnigen der Aufklärungsepoche, welche in die europäische Kultur mit hoffnungsfreudigem Gemüte hineinmarschierten, von den Eigenen verfolgt und geplagt, von Regierung und westjüdischen Mäcenaten Mendelssohn'scher Richtung begünstigt und verhätschelt. Sie fühlen in sich das tief wurzelnde Judentum und werden schon um keinen Preis der Welt diese Wurzeln zu unterschneiden suchen. Nicht einen Augenblick werden sie den geistigen Zusammenhang mit ihrem Milieu missen wollen. Und all ihr Streben ist bewusst oder unbewusst von dem Wunsche beseelt, eine grosse fremde Kultur mit der eigenen zu einem Ganzen zu verarbeiten. Die jüdische Persönlichkeit windet sich da aus ihrer Volkstümlichkeit heraus. Sie sind die Wenigen, welche in unklarem Tasten dem jüdischen Volkstum zu einer nationalen Kultur verhelfen wollen. Dank ihrer Vergangenheit, die ganz im Zeichen des alten Judentums stand, gelangen sie schon früh zu einer eigenartigen geistigen Entwickelung und seelischen Verfeinerung. Das sind die Mandarine des alten Judentums, welche im reiferen Alter die Anfangsgründe moderner Schulgegenstände ihrem Gehirn einzuprägen sich bemühen. Und sie werfen sich auf diese Schulweisheit mit dem ganzen Eifer eines gereiften Geistes, der in jeder Form seines neubegonnenen Lebens das grosse Ziel hindurchschimmern sieht. Das Ziel aber ist schon grundverschieden von dem des Jüngers der Aufklärungsepoche. Der Weg durch die europäische Bildung führt den modernen Ghettoausgestossenen nicht mehr zu Würden und Aemtern wie ehemals. Es liegt ihm auch nicht mehr daran, sich als Untertan hervorzutun. Nicht das Hineinleben in eine fremde Kultur ist seine Losung, sondern die Urbarmachung seiner Persönlichkeit für weitere jüdisch-nationale Aufgaben. Bald ist er auch in seinen Studien so weit, dass er die ausgedehntesten geistigen Beziehungen gewinnt. Die Parteikämpfe moderner Völker, die sozial-politischen Lehren grosser Meister, die moderne Literatur mit ihrem Realismus, Romantismus und Mysticismus ziehen ihn in ihren Zauberbann. Den ganzen Tag rackert er sich ab mit seinen Schülern, denen er hebräischen Unterricht erteilt, oder mit den Geschäftsbüchern, als Handelsangestellter, mit Korrekturen und Uebersetzungen für jüdische Verleger. Des Nachts aber, wenn er die fünf Treppen seiner engen Kammer erstiegen hat, greift er oft nach einem Kant oder Schopenhauer, noch öfters nach einem Marx oder Engels, vertieft sich manchmal in die Lehren eines Buddha oder eilt mit hastender Nervosität den Geistessprüngen eines Nietzsche nach. Die Sabbathe bringt er im Kreise von Geisteskameraden zu. Man spricht, diskutiert, ereifert sich über alle möglichen Fragen jüdischen und nichtjüdischen Lebens. Die Controversen zwischen einen E. Bernstein und den Altmarxisten, der neuste Artikel Achad-Haams, ein eben erschienenes Buch von Zeromski oder Gorki, — alles dieses wird im Tabaksqualme des engen Raumes leidenschaftlich erörtert, verworfen oder gebilligt..... So verlebt er die ersten Jahre seiner nuova vita, voll von Hoffen und unklaren Idealen, schwärmerisch, optimistisch, arm, sozial und geistig verkannt, zähe und ausdauernd. Später aber kommen die ersten Enttäuschungen. Denn wenn auch seine geistigen Beziehungen die weitesten sind, so bleibt doch sein konkretes Erleben so öde wie vorher. Er fühlt, dass er nie aus dem Kreise des Bücherstaubs hinauskommen kann. Er findet nicht den winzigsten Boden zur Inkarnation seiner inneren Erlebnisse. Seine Persönlichkeit verdorrt, ohne sich irgendwie geben zu können. Er erlebt zuerst die Tragik des jüdischen Individuums, das, mangels eines nationalen Bodens, als Racenmensch nur fortvegetieren kann. So sehen wir ihn immer abgehärmter werden, verträumter. Von Jugend auf waren alle seine Erlebnisse eine lange Kette von Leiden. Ist doch das Vegetieren eines ganzen Volkstums für das feinere Auge ein verworrener Knäuel aller möglichen Lebensqual und Lebensnot. Und mit diesem geschärften Blick für das Leiden im allgemeinen sieht er sich fortan die Dinge an. Seine jahrelangen Studien, die, wenn auch indirekte, Berührung mit der modernen Kultur haben seine Psyche mit einer ganzen Reihe neuer Erscheinungskomplexe bereichert, an denen er früher verständnislos vorbeipassierte. Das Leben und Weben in der Natur — für den Ghettojuden etwas