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Ost und West · 1903-11-01 · Heft 11 (November 1903) · p. Seite 767 - 768

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 11 (November 1903)
Article
Ch. D. Nomberg
Date
1903-11-01
Page
Seite 767 - 768 (sequence 3)
Language
German
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767 Isidor Eljackoff: Gh. D. Nomberg. 768 nie zum Bewusstsein Kommendes — tritt als lautsprechendes und vieldeutiges Symbol auf. Er sucht und findet dort die Mächte seiner jüdischen Psyche. Er bevorzugt Formen und Farben, welche harmonisch mit seinem gequälten Wesen zusammenklingen. Sonnverbrannte Täler, umrahmt von erdgrauen Sträuchern, lebensarme Bäume mit dürren Zweigen, die einsame Tanne im sandigen Tal, höher als der grosse Wald, aber verlassen und gedrückt wenn die Nacht sie überfällt —, das sind die Lieblingsbilder für seine eigene wirre, gedrückte Stimmung. Aehnlich Bialik könnte er ausrufen: Nicht so wie ein fliehend Vöglein jubelnd ausspannt seine Schwingen . . Nicht so wie ein Löwe ausbricht, zerrend bis die Ketten springen . . Wie ein Hund vor seinem Peiniger, flieh ich heut aus meinen Wänden Hin aufs Feld..... Sein für menschliche Qual einseitig geschärftes Auge macht ihm das Miterleben fremder Leiden zu einer Lebensnotwendigkeit. Er sieht sich gezwungen, wenigstens diese einzige bei ihm voll zur Geltung kommende Funktion allerwegen auszuüben. Manchmal bäumt sich seine junge Seele auf gegen dieses Danaidengeschenk. Sein gequältes Herz sehnt sich nach Ruhe. In solchen Augenblicken erlebt er die gehässigsten Gefühle gegen das Opfer, dem er selbst zum Opfer fällt. Er, der den feinsten Spürsinn für fremdes Weh besitzt, erlebt manchmal die wahnsinnigsten Aufwallungen eines Henkergemütes. # *- -* Das ist in knappen Zügen der Untergrund, aus dem die meisten Dichtungen eines Nomberg entquellen. („Die Bettgenossen", „Flügelmann„Sie und ich", „Auf dem Lande", „Briefe" u. a. m.) Die Lebensnot der jüdischen Persönlichkeit, die zwischen eigenem Volkstum und fremden Kulturen ewig herumpendeln muss, ist die Grundlage, worauf sich jetzt alle neuere Kunst im ostjüdischen Milieu aufbaut. Wer das nicht herausspürt, wird nie die Werke unserer Neueren nachleben können. Wie die Novellen eines Turgenjeff anekdotenhaft zu wirken anfangen, sobald man aufhört, hinter der klaren, ein wenig breitgetretenen Erzählungstonart das russische Leibeigenschaftsystem hindurchschimmern zu sehen, so ergeht es mit den Werken eines Feierberg, Berdyczewski und Nomberg. Wer aus diesen Novellen nicht den Kampf der jüdischen Individualität für ihre Lebensmöglichkeit herausklingen hört, wird sie nie voll und ganz geniessen können. * -x- * Ch. D. Nomberg ist nicht ohne Vorgänger und Kunstgenossen — wir sagten das schon —, doch soll man sie nicht nur in der Jargonliteratur suchen. Diedrei bedeutendsten, Abramovitsch, Perez und Scholem- Alechem, bilden eine fest abgeschlossene Gruppe für sich. Alle drei, wenn auch bei weitem die Neueren an Talent überragend, gehörender Aulklärungsepoche an. Für diese hat sich noch die jüdische Individualität vom Volkstum nicht losgetrennt. Für Perez z.B. ist die jüdische Persönlichkeit in der Vergangenheit, im Chassidismus zu suchen. Dieses Dreigestirn, wenn auch künstlerisch immer die Trias der Bedeutendsten, hat nicht den tiefen Ernst der modernen, ich möchte sagen, pränationalen Juden. Das jüdische Elend haben sie viel äusserlicher aufgefasst, das moderne nationale Problem hat >nie ihre Kunst zu vertiefen vermocht. Ch. D. Nomberg schliesst sich mit seiner Kunst dem jung verblichenen Feierberg und den noch in vollem Schaffen begriffenenM.I. Berdyczewski und Bialik an/) Aehnlich den meisten ostjüdischen Kollegen der Feder ist er gleich bedeutend als hebräischer wie als Jargonschriftsteller. Jedoch in der Jargonliteratur gehört er nach D. Pinski zu den Ersten, bei denen die Volkstumspsychologie von der individuellen verdrängt wurde. * -* * ,,Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust", klagte einst der grosse Renaissancemensch Johannes Heinrich Faust. Ganz eigenartig aber ist die Quall der Persönlichkeit, bei der eine winzige Seele nur um einen Thorax kämpft. Ist es nicht ein Archäopterixdasein, dieses ewige Herumpendeln zwischen Volkstum und fremden Kulturen? Ist es nicht ein Leiden sonderbarer Art, sich stets als Mischexistenz zu fühlen? Noch viel schlimmer aber ergeht es der schöpferischen Persönlichkeit, dem Achäopterix dem Künstler. Solche tragische Gestalten stellen eben die meisten unserer begabtesten jungen jüdischen Künstler dar. Es ist ein Klagen um die eigene Undifferenziertheit, das Ringen einer Misehexistenz nach Reinheit und Einheit der Art. Aus diesen Qualen heraus erblüht jetzt dem Ostjuden eine Kunst und eine Literatur, ersteht ihm eine Schaar von Künstlern und Dichtern, und ein Buch eines dieser Schaffenden legen wir heute — nicht ohne Zagen — in die Hände des westlichen Bruders. *) Alle Drei dichteten fast ausschliesslich in hebräischer Sprache.

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