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Ost und West · 1903-11-01 · Heft 11 (November 1903) · p. Seite 763 - 764

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 11 (November 1903)
Article
Ch. D. Nomberg
Date
1903-11-01
Page
Seite 763 - 764 (sequence 1)
Language
German
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763 764 CH. D. NOMBERG.*) (Ein Dichter der modernen Ghettoausgestossenen.) Von Isidor Eljascholf (Genf). Nachdruck verboten. Nun gilt es wieder einen von den jüngeren ostjüdischen Dichtern dem westeuropäischen Leser vorzuführen. Das ist keine leichte Aufgabe. Ist doch für den Westjuden das kulturell-geistige Leben seines östlichen Bruders ein Buch mit sieben Siegeln. Nimmt er doch das Wenige, das ihm übermittelt wird, wie seltsame Meteoriten auf, wie etwas, dessen Kommen an keine Perioden gebunden ist, von dessen weiterem Zusammhang er noch kaum eine blasse Ahnung hat. Und das Uebermittelte wächst deswegen, als vereinzelt dastehendes Phänomen, über die Grenzen seiner wirklichen Bedeutsamkeit hinaus, bekommt den Charakter einer Kuriosität, wobei die objektive Wertschätzung als Produkt einer tief verzweigten Entwicklung unmöglich zu ihrem Rechte gelangen kann. Die Dichtungen eines Morris Rosenfeld wurden wie zu den Zeiten Herders die Volkslieder eines wildfremden Stammes angestaunt. Man hat viel weniger den innigen Ton des Dichters des Judenelends beachtet, als die überraschende Tatsache, dass das Jargonmilieu sich so etwas, was mit Kunst zusammenhängt, leisten könne. Woher sollten auch die gebildeten westjüdischen Leser wissen, dass Morris Rosenfeld seine markanten und hervorragenden Vorgänger hatte? Jedesmal wenn der Vermittler ostjüdischer Kunst und Dichtung mit seiner Arbeit fertig geworden ist, beschleicht ihn ein Gefühl der tiefsten Beklemmung. Man gibt dem westlichen Bruder einen winzigen Teil, er glaubt aber notgedrungen schon alles bekommen zu haben. Sein Ohr vernimmt ein dumpfes Echo vermittelter Kunst, das er als die naturechten Laute einer grossen lebendigen Wirklichkeit deutet. Der Rahmen des Bildes markiert auch die Grenzen seines Miterlebens. Zu dem Gesagten hat er nichts hinzuzufügen, und das Wort selbst wird nur sinngemäss erfasst. Und wieder, wenn jetzt Ch. D. Nomberg in den Kreis des westjüdischen Lesers eingeführt werden soll, wird dem Kenner ostjüdischen Wesens bange um das Verständnis, das diesem jungen Dichter entgegengebracht werden wird. Gewiss werden die Märchen, Naturstimmungen und die technich fein ausgeführten Novellen den literarisch gebildeten Leser überraschen und fesseln. Wird er aber auch das grosse nationale Elend herausfühlen, das hohläugig aus der Tiefe der schlichten Dichtung hervorlugt? Wird er auch das tragische Schicksal der modernen Ghettopersönlichkeit verspüren? Wird er denn irgendwie merken, dass in der Nomberg'sehen Kirnst ein bedeutender Fortschritt gegenüber seinen klassischen Vorgängern Abramowitsch, Perez und Scholem-Alechem zu verzeichnen sei? Schon die Namen der drei Genannten überraschen ihn durch die Fremdheit ihres Klanges. Er weiss ja nicht, dass die Drei Dichter und Künstler von Kraft und Bedeutung sind, und dass sie seit Langem schon zu den anerkanntesten Interpreten der alten frommen Zeit gehören, in deren Bann noch heute die grossen jüdischen Volksmassen leben und für deren Wesen die Jung-Nationalen das Wort Ghettomilieu gebrauchen. Diese Dichter waren es, die vor uns ein Bild des Lebens und Treibens im Ghetto entrollt haben, ein Bild mit den Hauptmerkmalen: speeifisches ökonomisches Elend, Asketisrnus als Lebensanschauung, Lebensengheit infolge metaphysischer Illusionen, Herdendasein als Produkt einer eigenartigen, bis ins Einzelne durchgearbeiteten patriarchalischen Kultur u. s. w. u. s. w. Und wenn freilich die neuesten Dichter schon ganz andere Töne anschlagen, so ist es doch schon um des schärfer hervortretenden Gegensatzes willen notwendig, die Alten stets im Auge zu behalten. * * * In den Warschauer Strassen wandern seltsame jüdische Gestalten. Von Aussen betrachtet kaum von dem jüdischen arbeitslosen Proletarier zu unterscheiden, sind sie doch oft nicht mehr und nicht weniger als die höchste geistige Blüte der Ghettoausgestosssenen. Aermlich und nicht immer sauber gekleidet, mit bleichem, verhärmtem Gesichte, schlendern sie durch die weiten Strassen, manchmal mit einem Buch unter dem Arm in die Leihbibliothek eilend, öfters aber planlos und verträumt. Ihr Alter: — so zwischen 20 und 30 Jahren. Bildungsdrang, ein mehr oder minder tiefes Streben, sich der modernen Kultur anzuschliessen, brachte *) Als Einleitung rgeschrieben für das demnächst erscheinende Nomberg'sche Buch: Skizzen und Erzählungen, aus dem Hebräischen und Jüdischen übersetzt von I. Eljaschoff und Berthold Feiwel.

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