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Ost und West · 1903-11-01 · Heft 11 (November 1903) · p. Seite 747 - 748

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 11 (November 1903)
Article
Die ostafrikanische Frage
Date
1903-11-01
Page
Seite 747 - 748 (sequence 3)
Language
German
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747 Fabius Schach: Die ostafrikanische Frage. 748 mal wiederholen? Ist die jüdische Volksseele dazu erwacht, um bald zu ermüden und in ein nüchternes Philisterium zu münden? Man täusche sich nicht darüber. Niemand kann zwei Idealen mit gleicher Intensivität sich hingeben. Wer für Ostafrika warm eintritt, wer es zu einem nationalen Ziel macht, dem bleibt nicht viel übrig für Zion. Freilich werden die Führer des Zionismus nicht müde, mit aller Kraft zu beteuern, dass sie ihrer alten Liebe zu Zion treu bleiben Aber das erinnert beinahe an den Mann, der seine Braut verlässt, um eine Andere zu heiraten und ihr beim Abschied versichert, sie werde stets seine wahre Liebe bleiben. Die alte Liebe bleibt dann natürlich rein platonisch. Ostafrika zum Judenstaat zu machen und dem zionistischen Ideal treu zu bleiben, das geht über unsere Kreft. Adoptiveltern ersetzen zwar nie die natürlichen, aber sie vernichten langsam die Liebe zu den natürlichen Eltern. Mir fehlt die Scheu vor der Heiligkeit des Programms. Programme sind der Idee wegen da und nicht umgekehrt. Das beste Programm wird stets dasjenige sein, welches mit der Idee wächst. Allein etwas ist im zionistischen Programm ewig: Zion und das jüdische Volk. Wenn man aber das zionistische Programm als Granit bezeichnet, und dann den Zweig, auf dem der ganze Zionismus ruht, absägt, — so zeugt das von keiner Konsequenz. Konsequenz ist allerdings ein Wort, das im diplomatischen Lexikon keinen Platz hat. Der Zionismus befindet sich jetzt in einer Krise, und ich fürchte, von Ostafrika droht ihm die grösste Gefahr, gerade weil die Sache verlockend ist und den Schein eines nationalen Ideales trägt. Fort damit! das ist nichts für Zionisten. Das kann nur zu einer Ablenkung vom Hauptziel, zu einer weitern Verflachung und Verwässerung der Bewegung führen. Wir brauchen unsere ganze Kraft und unsere ganze Begeisterung für das eine alte, ewig neue Ideal, und dürfen uns keine neuen Aufgaben aufbürden. Ohne Zion kein Zionismus! Aber der Weg! Der Weg nach Zion führt nicht über Ostatrika, er führt direkt, wenn auch langsam: vom Kleinen zum Grossen, von der Kolonie zum Staat. Aber die Kolonisierung Palästinas ist nicht möglich! Warum nicht? Haben wir denn in den letzten Jahren ernste Versuche gemacht? Nicht einmal die zum Ackerbau erzogenen Arbeiter in Palästina vermochte der Zionismus zu halten. Er hatte — o diese Schmach! — als diese tapfern Pioniere tränenden Auges die Scholle ihrer Väter verlassen mussten, nur Seufzer und nicht Hilfe für sie. Ich glaube, dass der türkische Sultan uns eine zielbevvusste organisierte Kolonisation in Palästina nicht verweigern wird. Die Kleinkolonisation ist durch das neugeprägte Wort »Infiltration" zum horror. geworden. Man kann aber auch in kleinen Dingen zielbewusst und politisch sein. Schliesslich setzt sich ja jedes grosse Werk aus kleinen Teilen zusammen. Die Geschichte baut langsam, sie macht keine Sprünge. Etappen wollt ihr haben? Nun wohl, baut, baut langsam, aber mit Bedacht! Wartet auf die geschichtliche Entwicklung, aber pfuscht ihr nicht ins Handwerk! Baut, und jede Kolonie wird euch eine Etappe, jeder jüdische Bauer in Palästina ein Pionier sein! Die kleinste Kolonie in Palästina ist mehr wert für die jüdisch - nationale Zukunft als ein ganzer Judenstaat in Ostafrika. Der Fehler ist nicht erst heute gemacht worden. Er fliesst aus dem ganzen System. Man hat von vornherein die zionistische Politik mehr auf diplomatische Wunderwerke als auf Selbsthilfe zugeschnitten. Man wollte einen „Charter" erlangen, und als das nicht ging, da wollte man mit Gewalt andere „Erfolge" haben. Das ist die psychologische Erklärung, wie dieser ostafrikanische Plan entstanden ist. Erfolge? Jede Vertiefung der Idee ist ein Erfolg, jede gesunde Organisation, jedes Werk der Erziehung für die Zukunft ist ein Gewinn. Wir Juden sind und bleiben ein Volk von Extremen. Zuerst hegte man im zionistischen Lager die überspanntesten Hoffnungen und glaubte, die Erlösung stehe vor der Tür. Dann, als etwas schief ging, kam ein plötzliches Verzagen, und man griff zu narkotischen Mitteln, um die Gemüter zu beruhigen. Beides ist grundfalsch und eines reifen Volkes unwürdig. Jeder Reifdenkende wusste, dass der als Endziel erstrebte Judenstaat nicht in fünf und nicht in zehn Jahren zu erlangen ist, dass dies ein Werk ist, welches organisch aus dem Volke und seiner Verschmelzung mit dem Boden herauswachsen muss. Wo liegt also ein Grund vor, beim ersten Hindernis zu verzagen? Wir haben lange und in viel schwereren Zeiten gewartet, wir können, wenn es sein muss, noch einige Dezennien warten. Was bedeutet eine so kurze Spanne Zeit in der Geschichte? Aber abwarten heisst nicht die Hände .in den Schoss legen, sondern bauen, Stein für Stein bauen. Es ist viel leichter, im Freien zu kampieren, wenn man sein schönes Heim erstehen und von Tag zu Tag gedeihen sieht. * * * Soll also aus Ostafrika garnichts für die Judenheit werden? Wohl, wenn das Land sich als für Kolonisation geeignet erweist, dann soll der Plan zur Wirklichkeit und zum Segen für einen Teil des jüdischen Proletariats werden. Aber — als Werk der Gesamtheit und nicht des Zionismus. Die Auswahl der Imigrationsgebiete ist für uns Juden nicht so gross, dass wir dieses grossherzige Anerbieten Englands zurückweisen dürften. Wir brauchen auch Kolonien ausserhalb Palästinas, denn nie wird das Land Israel ausreichen, alle Kinder Israels aufzunehmen. Also, das Projekt soll ernstlich erwogen werden, und jeder Jude soll seine Hand zur Verwirklichung dieses Werkes bieten. Aber nie darf diese Frage mit dem Zionismus verquickt werden, nie darf sich ein Zio-

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