Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 11 (November 1903)
- Article
- Die ostafrikanische Frage
- Date
- 1903-11-01
- Page
- Seite 745 - 746 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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745 Fabius Schach: Die ostafrikanische Frage. 746 &m°-sk! :3 t ' <■ M^:p*i~>'^-^f $i<&*^l^ PALÄSTINA. einem unglücklichen Volke, und er sucht in erster Reihe eine Heimat für seine Seele, eine Wurzel für sein Volkstum. Diese aber hängen für ihn mit seinem Herzen, mit seinem Sehnen und Fühlen zusammen. Sie sind ihm ein Stück lebendiger Geschichte, die nur schlummerte, aber innerlich nie unterbrochen wurde. Er kann sie daher nur in Palästina, auf dem Boden seiner Väter, in der Stätte seiner grossen tragischen Geschichte suchen und finden. Er hat ja sein eigentliches Seelenleben nur in Vergangenheit und Zukunft gelebt, und beide sind nicht loszulösen von der Scholle des heiligen Landes. Daher dünkt ihn schon die blosse Erwähnung eines anderen Landes Verrat, Frevel. Die Mächtigen im Zionismus sind ausschliesslich Westeuropäer. Daher nur konnte diese ostafrikanische Idee entstehen. Ein rein russisches Aktionskomitee könnte nie im Traume an so etwas denken. Und der. russische Zionist mit seinem unverfälschten Instinkt hat hier offenbar das Richtige getroffen. Grosse Bewegungen werden nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen gemacht. Der schlichte Mann ist dem Geiste der Geschichte viel näher als der Diplomat. Ostafrika ist nicht nur keine zionistische Idee, sondern ein zionistisches Unglück, eine Sache, die den ganzen Zionismus entwurzeln kann. Das empfindet der feurige russische Zionist, daher sträubt er sich mit aller Gewalt dagegen. Was ist eine künstlich konstruierte Nationalität, ein Vaterland der Wahl? das sind Dinge, die in der Luft hängen. Wehe dem Volke, dessen Wurzeln nicht tiel mit dem Boden verwachsen sind! Es wird nie zu Hause sein und wird nie eine ge sunde Kultur erzeugen. Es war kein Akt der Willkür, dass ein Volksstamm sich gerade dieses und nicht jenes Land erkor. Er hat es nicht mit der Vernunft, sondern mit dem Instinkt gesucht, und er hat herausgefunden, was in ihm Verwandtes mit diesem Lande lebt. Sonst wäre es unbegreiflich, warum sich manche Völker die unfruchtbarsten, strategisch gefährlichsten Landstriche zum Wohnsitz aussuchten. Denken wir uns die ostafrikanische Idee verwirklicht, denken wir uns, dass dort im Laufe von zehn Jahren eine Million Juden eine erträgliche Existenz findet. So kann dieses Land, mag es noch so gross und glücklich sein, nur eine Kolonie, nie ein Judenland, nie das Ziel nationaler Sehnsucht werden. Eine gekaufte Ahnengallerie, ein künstlich zugestutzter Nationalstaat, das sind komische Dinge, ohne Poesie und Kraft. Das Schlimmste aber besteht darin, dass sich schon in diesem Suchen unsere innere Haltlosigkeit zeigt. Mit der Gründung dieses Staates als zionistisches Gemeinwesen wird unwillkürlich unsere Kraft, die wir für das einzige Ziel unbedingt brauchen, nach Ostafrika gelenkt. Es wird in uns ein Dualismus erzeugt, und bald wird das zionistische Ideal ganz verblasst sein. Wir können, wir dürfen nicht mehr Halbe sein, wir können uns nicht teilen und zerbröckeln. Man leistet im schweren Kampfe ums Dasein als Individuum und als Volk nur etwas, wenn man ein Ganzes ist. Das war ja das Unglück der westeuropäischen Juden, dass sie einen Dualismus in sich trugen und mit ihrer Seele feilschten und paktierten. Sie redeten sich anfangs ein, halbe Juden und ganze Westeuropäer zu sein, bald aber ward ihr ganzes Judentum zu einem blassen, sentimentalen Ding, das man mit dem undefinierbaren Worte „Pietät * bezeichnete. Sollen wir dieses noch ein-