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Ost und West · 1903-11-01 · Heft 11 (November 1903) · p. Seite 743 - 744

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 11 (November 1903)
Article
Die ostafrikanische Frage
Date
1903-11-01
Page
Seite 743 - 744 (sequence 1)
Language
German
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743 744 DIE OSTAFRIKA] Von F abiu Kongresse, und seien es auch die hervorragendsten, geraten in unserer schnelllebigen Zeit leicht in Vergessenheit, wenn sie nicht einen Markstein in der Geschichte eines Volkes oder einer Bewegung darstellen. Der Kulturhistoriker der Zukunft wird wohl den ersten und den sechsten Zionistenkongress als die bedeutendsten betrachten. Den Ersten, weil er die Morgenröte der jüdischen Renaissance bezeichnet, weil an ihm sich die neu erwachte jüdische Volksseele kundgab. Den Sechsten, weil an ihm die ganze Kraft des jüdisch-nationalen Lebens zum Ausbruch kam und wie ein prächtiges Gewitter erschütternd und reinigend wirkte. „Ostafrika!" Dieses eine Wort rief wie ein Sturm alle Leidenschaften und nationalen Kräfte wach. Alle Differenzen und Meinungsverschiedenheiten schwanden vor der Macht dieses gewaltigen Konfliktes, und der Kongress erhielt mit einem Schlage eine neue Gestalt. Dieses Wort teilte den Kongress in zwei Lager: die Einen jubelten, die Anderen weinten. Und doch waren beide Gruppen Söhne eines Volkes, ja Angehörige einer Partei. Einer Partei, aber — zweier Weltanschauungen. Darin liegt die Erklärung. Man wird diese beiden Parteien als Ost und West oder als Jung und Alt charakterisieren dürfen. Man wird dabei freilich nicht so genau an die Landes- und Altersgrenze denken müssen, sondern an das Temperament, an das psychische Milieu, an die Art der Entladung des inneren Lebens. In der Hauptsache sind die Freunde des neuen Planes, die westeuropäischen Zionisten, die Klugen, Politischen. Die schärfsten Gegner sind die Osteuropäer, die Naiven, Jungen, Heissblütigen. Die „Misrachim" freilich haben für Ostafrika gestimmt, aber man tut ihnen wohl kaum unrecht, wenn man annimmt, dass sie nicht mit ganzem Herzen bei der Sache waren. Sie denken sich eben schon heute als die berufenen Stützer des Thrones und glauben, stets mit der zionistischen Regierung gehen zu müssen. Man darf auch nicht vergessen, dass bei diesen Leuten das Nationale erst sekundär aus der Religion fliesst. Wer den Traum geträumt hat, dass der Zionismus die Gegensätze zwischen Ost und West verwischen wird, der konnte sich auf dem sechsten Kongress davon überzeugen, dass es eben nur ein schöner Traum war. Die Gegensätze traten innerhalb des Zionismus noch schärfer hervor. Das ist begreiflich, weil hier beide Gruppen zum ersten Male an die Lösung einer gemeinsamen grossen Aufgabe herantraten. In der Erfassung des Problems und in dem Versuche der Lösung mussten die inneren Differenzen schärfer denn je zum Ausdruck kommen. In den hochdramatischen, stürmischen Stunden des sechsten Kongresses hat es sich gezeigt, wie wenig die lauwarmen westeuropäischen Zionisten die reinen Gemütsmenschen des Ostens verstehen, wie wenig TISCHE FRAGE. i Schach sie den heiligen Schmerz Jener begreifen. Man glaubt fast, die beiden Gruppen leben in zwei Welten, die von einander durch eine tiefe Kluft getrennt sind. Hier hilft keine Ueberkleistemng, eine innere Verschmelzung muss vor sich gehen. Das aber ist ein langsames Werk der Kultur, das nicht durch Programme erreicht werden kann. Der Zionismus könnte wohl diese grosse, gewaltige Aufgabe lösen, wenn er eine harmonische nationale Weltanschauung und keine Partei wäre. Heute liegen die Dinge leider so, dass der westeuropäische Zionismus grundverschieden von dem des Ostens ist. Der Westeuropäer hat erst durch den Antisemitismus den Weg zum Semitismus gefunden. Der Osteuropäer hat diesen Pfad nie verlassen, der Zionismus hat nur das unbewusst in ihm Wirkende zum klarenBewusstsein gebracht. Der Westeuropäer ist entrüstet über die Ungerechtigkeit, die ihm und seiner Gesamtheit widerfährt, und flüchtet sich in eine neue Welt, die ihm noch fremd ist, um hier Ruhe zu haben. Der Osteuropäer braucht keinen Antisemitismus zum Wecker und Wächter. Er sehnt sich mit ganzem Herzen nach der Entfaltung der jüdischen Individualität, er will dem Typus Jude zu Leben und Kraft verhelfen. Der Westeuropäer ist Europäer und Deutscher und daneben noch auch Zionist, der Osteuropäer ist Alles in Einem, er vermag die Elemente gar nicht mehr von einander zu trennen. Der westeuropäische Jude muss sich zum Nationalen hinaufringen. Der russische Jude hat stets im nationalen Element gesteckt. Er hat das Nationale bald geträumt, bald gelebt, bald hat er bei jedem Strahl der Hoffnung gejauchzt, bald bitter verzagt, aber — er war stets ein ganzer Jude, in Gegenwart und Zukunft. Der westeuropäische Jude erwärmt sich für den Zionismus, der Osteuropäer glüht darin. Dem Westeuropäer ist der Zionismus eine Idee, eine grosse Idee, für die er gern wirkt; dem Osteuropäer ist sie ein Stück Leben, ein Element, welches unlöslich mit ihm verschmolzen ist. Es ist begreiflich, dass bei dem ersten Versuch, die zionistische Theorie ins Wirkliche zu übertragen, diese inneren Gegensätze zum Vorschein kommen mussten. Ostafrika war das Schiboleth, an dem man erkannte, ob der Zionismus eine nationale Weltanschauung oder nur eine politischphilanthropische Idee ist. Welch ein .Ausbruch intensiven Schmerzes auf der einen Seite! und welch eine kalte, nüchterne Erwägung und Paktierung auf der andern Seite! Hier waltete das urwüchsige Temperament, dort die Berechnung, die Reflexion, die Diplomatie. Der westeuropäische Zionist sucht Brot für den leidenden Bruder des Ostens und Betätigung lür sich selbst. Beides dünkt er sich in der Lösung der leidigen „Judenfrage", und diese Lösung dünkt ihm leicht in Ostafrika. Der russische Zionist weiss von keiner Judenfrage, von keinen experimentierenden Lösungen, er weiss nur von

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