Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 11 (November 1903)
- Article
- Betrachtungen zur Ost-Afrika-Frage des sechsten Zionisten-Congresses
- Date
- 1903-11-01
- Page
- Seite 737 - 738 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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737 Berthold Feiwel: Betrachtungen zur Ost-Afrika-Frage des sechsten Zionisten-Kongresses. Tb8 JAFFA. PALÄSTINA. Und noch eins. Ein Redner des Kongresses sagte: ,,Wenn Sie das grossherzige Anerbieten Englands ablehnen, glauben Sie, dass noch jemals eine Regierung der Welt einen Finger erheben würde, ein Volk zu retten, dass sich nicht selbst retten will, dass die Türe zuschlägt, die man ihm öffnet?" Die Mehrheit jubelte stürmisch zu und sah nicht die Schlange hinter der süssen Frucht. Mag man doch antworten: „Werden die Regierungen der Welt so leicht einen Finger erheben für ein Volk, ihm das Heimatland zu eröffnen, wenn es — ungeduldig, „um sich zu retten" — schon ein anderes in Besitz genommen hat? Gar wenn das Volk — die Juden sind und das Heimatland — Palästina? Haben wir wirklich — wir als Zionisten — das Recht zu solch „kluger Selbstrettung?" Wir haben dieses Recht nicht, wie wir nicht das Recht ' auf die anderen Gefährdungen haben. Unser Recht und unsere Pflicht weist uns dahin, wo Zion ist und wo es immer wird sein können. Und nun, nachdem das Prinzipielle vorausgeschickt ist, nur einige Worte in Beziehung auf die besondere „Theorie" des vorliegenden Afrika Projektes, das die Ghetto- und Katastrophen-Politik dem Zionismus zugesellen will und das sie so heftig aufgegriffen haben, indem sie den Palästina- Plan unwillkürlich in die Zukunft schoben, die einen, weil ihre Ungeduld bewusst oder unbewusst den „Erfolg" wollte, die andern, weil sie das Wesen des Zionismus verkannten, die Dritten, weil sie wirklich so vom ,.Politisch-Diplomatischen" oder der Notstands-Vernunft unterjocht waren, dass sie über die zionistischen Bedenken siegten, die vierten, weil sie immer blindlings dem Wort und der Kraft des Führers allein sich anvertrauten, die fünften, weil sie immer nur Land, nicht das Land haben wollten Wir wissen nicht, was es für ein Land ist, sagten sie alle. Und doch, welche Funktionen maassen sie diesem unbekannten Lande schon zu! Es soll die hunderttausende Auswanderer aufnehmen, zu Bürgern und — zu Zionisten erziehen! Die Theorie stand und kehrte immer wieder. Auch ich weiss nichts von dem Lande, ausser dass es nach den englischen Berichten ein gutes und schönes sein soll. Aber soviel kann der Laie voraussagen bei einigem Nachdenken: Es ist in diesem Lande, das zu pacifizieren ist, das erst eröffnet werden soll, selbst erträgliche klimatische Verhältnisse vorausgesetzt, ausgeschlossen, dass im nächsten Jahrzehnt bei günstigen Bedingungen auch nur über die Anfänge einer Kolonisation — und die sind in dem unbekannten Lande zehnfach schwerer — hinauszukommen sein wird. Eine Antwort auf die momentane Auswanderungsfrage! Wenn man in zehn, fünfzehn Jahren — in Deutsch-Afrika ging's auch nicht annähernd so gut — zehntausend Menschen ansiedeln wird, ist's ein gutes Resultat. Indessen gibt's vielleicht eine Million Auswanderer. Und dann das andere: Auswanderer als erste Kolonisten und Staatengründer, als Ackerbauer! Diejenigen, die die Not über die Grenzen treibt, den Händler, den Melamed, den Krämer, den Handwerker! Sie haben's alle auf dem Kongress nachgesprochen, das von den Auswanderern. Hat keiner daran gedacht, dass zur ersten Landbesiedelung willige, sehr tüchtige, sehr aufopferungsfähige Menschen gehören — gerade die, die wir einst in Palästina hatten und hoffentlich haben werden, und nicht die Halb-Desperados der Emigration? Die Emigration unserer Tage sucht ein