Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 11 (November 1903)
- Article
- Betrachtungen zur Ost-Afrika-Frage des sechsten Zionisten-Congresses
- Date
- 1903-11-01
- Page
- Seite 735 - 736 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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735 Berthold Feiwel: Betrachtungen zur Ost-Afrika-Frage des sechsten Zionisten-Kongress«**, 736 ein Mittel wie das diplomatische als die ausschlaggebende Macht und nicht eine Seite des jüdischen Lebens wie die Judennot als die treibende Kraft des Zionismus ansehen konnten. Es waren grösstenteils Oestier. Aber nicht nur Oestier und keineswegs alle Oestier. Fast die ganze grosse Gruppe der russischen (nebst den westeuropäischen) Orthodoxen hatten für Ost-Afrika gestimmt. Ihr Zionismus war nie über das Religiöse hinausgekommen, und sie, die doch immer im Stillen auf den „Messias" warten, haben in „Afrika" eine Beruhigung gebunden. Die Auslegung ist nicht von mir, ich will sie hersetzen, um nicht eine solche geben zu müssen, die das „Religiöse" anders streift. Für Ost-Afrika waren auch fast alle West-Europäer und Amerikaner. Für sie ist die im Herzlichen „Judenstaat" zu Grunde gelegte „Judennoth" Basis des Zionismus gewesen und geblieben, sie sind nicht die Volljuden, die das Wiedererstehen des Volkstums miterleben wie die Oestier. Ihre kaum und nicht organisch erweckte Palästina-Liebe hätte erst genährt, gestärkt und sorgsam bewahrt werden müssen. Hütet Euch, die Strassen blosszulegen, ehe die Geister und Herzen freigelegt sind! .... * * * Ob die Expedition ein gutes oder schlechtes Resultat zeitigt, wir müssen heute zur Eventualität des günstigen Ergebnisses Stellung nehmen und demnach dazu, dass der politische Vorschlag der Führer als praktischer vor dem nächsten Kongress stehen wird. Ich will es, kann es hier nur in aller Kürze tun, nachdem ich schon so manches Kritische vorausgeschickt habe. Ich möchte nicht sowohl als Gegner von Afrika sprechen, als vielmehr als Freund Zions: Schämen wir uns nicht, das, was so selbstverständlich scheint, als unsere grösste Weisheit und unsere sittlichste Politik hinzustellen: Der Zionismus erstrebt eine Heimstätte in Palästina. Wiederholen wir es, wiedeholen wir es immerzu! Zur Heimstätten-Gründung in Palästina sind wir berufen. Und es ist eine grosse, eine ungeheure Aufgabe unserer, vielleicht noch mehrerer Generationen. Der Zionismus ist keineNotstandsbewegung, wenn er auch Notstände löst. Er ist die Krone einer historischen Entwicklung, die nicht im Ghetto ansetzt, sondern in Palästina. Art und Geist, Sitte Religion und Sprache, eine Fülle geheimnisreicher, aber lebendiger Kräfte hat das Volk aus seinem Lande mitgenommen auf die Wanderung, und durch ein wunderbares Schicksal erwachen jetzt alle Kräfte und Eigenheiten des Volkes, die so oft in seiner Golus-Geschichte zu messianisch-palästinensischen Erhebungen drängten, von Neuem zu einer kraftvollen Bewegung, die nach Erez Israel strebt. Der grösste und tiefste Sinn des Zionismus liegt darin, dass er den nie ganz unterbrochenen Zusammenhang zwischen Land und Volk wieder herstellen will, damit aus dieser natürlichen Vereinigung jene soziale und kulturelle Sendung fortgesetzt werde, die das alte Israel aufgenommen hat. Unsere Geschichte, unsere nie aufgegebenen Ansprüche auf Palästina und unser Wille und unsere Kraft zur Erhaltung unserer Eigenart geben uns ein historisches und sittliches Recht auf Palästina, das wir jeden Augenblick erheben sollen. Das sind unsere Leitsätze. Und wir dürfen, solange wir Zionisten sind und bleiben wollen, von ihnen nicht abgehen, nicht nach rechts und nicht nach links. Es kann noch Bewegungen geben,Hilfsaktionen, Kolonisationen u. s. w. zugunsten armer Juden oder reicher, der Zionismus aber ist nur der Führer des jüdischen Volkes, das den Weg nach Zion gehen will. Und nun gebt dem Zionismus eine jüdische Autonomie, einen „Judenstaat" vor Palästina: In dem Augenblicke, wo der Zionismus sich zum Vollstrecker der andern Landnahme macht, nimmt er Attribute auf, die geradezu ein Widerspruch zu seiner Art und seinem Wesen sind. Er wird hier der Träger einer Ghetto- und Katastrophen- Politik, während er dort der Träger einer historischen Entwicklung ist. Er gibt hier Land ohne Wahl, während dort das Land die stärkste Macht ist. Und er nimmt stillschweigend von einem andern Lande Besitz, während er das Recht auf sein Land proklamieren müsste, das er jetzt gefährdet. Und dann die Menschen, die zu solchem Zionismus gehen: Hier die, die ein jüdisch-soziales Rettungswerk vollziehen wollen, assimilatorische, philantropische Juden auch, vielleicht ga-r solche, die nur die „Millionen unglücklicher" Brüder vom eigenen Strand fernhalten wollen, dort die Alten, die von der historisch-nationalen Idee, von der ausschliesslichen Zionsliebe erfüllt sind. Merkt man, wie die Kräfte durcheinander spielen, sich bedrohend oder aufhebend? Dass mit dem „Afrikanismus" der Zionismus zu einer ganz anderen jüdischen Bewegung werden muss, zu einer solchen, die wir nie wollten, gegen deren unvermeidliche neue Attribute wir bisher im hefttgsten Kampfe lagen, liegen mussten? Wenn das Mutterland da wäre, ja wenn wenigstens unsere Organisation riesenstark, die palästinozentrische Kraft unzerbrechlich wäre! Im ersten Falle wäre eine Kolonie - Gründung eine gute Möglichkeit, im zweiten ein gewagtes Experiment. Aber so — wir sind noch lange nicht stark, nicht geduldig, nicht reif genug für unsere Sendung und wollen uns beladen mit einer zweiten, für die wir überhaupt unvorbereitet sind, zu der wir nicht berufen sind? Und auch das: Wir tragen vom Augenblick der Landnahme die doppelte Verantwortung. Wenn unser Werk in fremdem Land zerschellt, — vielleicht darum, weil es nicht Zion ist, vielleicht darum, weil anderswo der Grund und der Trieb zur Gemeinschaftsbildung für die Gemeinschaftsentwöhnten zu schwach ist - dürfen, sollen wir unser Werk mit zerschellen lassen, für den Zionisten das Einzige, das Geheiligte?