Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 11 (November 1903)
- Article
- Betrachtungen zur Ost-Afrika-Frage des sechsten Zionisten-Congresses
- Date
- 1903-11-01
- Page
- Seite 739 - 740 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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739 Berthold Feiwel: Betrachtungen zur Ost-Afrika-Frage des sechsten Zionisten-Kongresses. 740 anderes Ziel: Sie will sofort, sofort in ein ökonomisch und industriell vorgeschrittenes Milieu kommen, sie will sofort Arbeit und Erwerb. Es ist eine andere Frage, eine schwere jüdische Frage, aber das Problem ist nicht die Unterlage für das erste Stadium einer Staatengründüng, weil es auf die Lösung heute bestehen muss, nicht in zehn, zwanzig Jahren. Und was ist's dann mit den Bürgern, die für Zion in Afrika erzogen werden sollen? Es will mir scheinen, wir haben's leichter mit solcher Erziehung, wenn wir sie in den nächsten Jahren vornehmen wollen. Wir haben Zehntausende von Juden in Palästina, die wir für Zion erziehen sollen und können — es sei denn wirklich, dass man die Aussichten auf Palästina in ganz ferne Zeiten legen will und auch die Arbeiten. Wahrhaftig, wenn schon die Notstands-Theorie angewendet werden soll, so war sie nicht gut angewendet, wenn man sich auf die Auswanderer berief. Die reinen „Judenstaatler" allerdings haben stärkere Theorien für Afrika gefunden. Denn sie denken nicht mehr an Zion .... * Die nur-palästinensischen Zionisten müssen sich sehr rüsten, wenn das Ost-Afrika-Projekt vor den nächsten Kongress kommen sollte. Man hat das „Volks-Urteil" angerufen! Das Volk des Ghetto wird schreien, wenn es von Land hört: Nehmt es! Nehmt es! Schon ist ihm Uganda — so nennt es das Gebiet Ost-Afrikas — eine so grosse Hoffnung geworden, dass es bitter enttäuscht sein wird, wenn die Zionisten es ihm nicht geben. Schon rüsten sich sogar Leute, die an ein Wunderland glauben mögen, zur Reise dahin. Ünd man muss wohl zusehen, dass man ein paar unvorsichtige „Goldsucher des Ghetto" zurückhält. Aber deswegen ist es Volk des Ghetto und Volk der Not. Wir aber sind des werdenden Volkes Wegweiser. Wir sind die Löser gerade der Instinkte des Volkes, gegen die die Ghetto-Instinkte in stetem Kampfe liegen. Wir wissen, dass wir diese Instinkte hüten, sorgsam hüten müssen, wenn sie die nationale Entwickelung vorwärtsbringen sollen. Das ist noch alles zart und schwach, und leicht wird es im Augenblick erstickt, wenn Ihr eine starke Versuchung an sie herantreten lasset. Und was ist diesen heimatlosen Sklaven grössere Versuchung als Land, Land sofort? Aber wir begehen ein Unrecht, wenn wir solches Urteil unserer EntSchliessung zu Grunde legen. Es ist kein freies, und uns wird die Verantwortung treffen, in einem historischen Augenblick uns dem Ghetto gebeugt zu haben und nicht den Erkenntnissen, die wir aus dem Volke geholt haben, da, wo es frei in seiner stolzen Vergangenheit und in seinen Zukunftshoffnungen lebt. Wie immer, die nur für Zion sind, müssen sich sehr rüsten und fest zusammenschliessen. Denn das reine Zions-Ideal ist nicht nur vom Osten, noch mehr vom Westen bedroht, wo auch unverfälschte „Judenstaatler" — und es gibt ihrer nicht wenig — an den Flügel der Philanthropen sich anschmiegen. * * * Nach dem Kongresse las ich in einem grossen Blatte: „Die Gegner des Zionismus sprechen von einem Bankerott, den die Bewegung auf dem letzten Kongresse erlebt hat. Gerade das Gegenteil ist wahr. Der Zionismus hat sich nunmehr von seinen utopistischen palästinensischen Plänen weg einer praktischen Arbeit in Britisch-Ost-Afrika zugewendet ..." Als ich das Blatt noch nicht zu Ende gelesen hatte, trat ein früherer Gegner des Zionismus auf mich zu und sagte: „Seit Ihr Zionisten Euch auf Ost-Afrika verlegt habt, bin ich auch Zionist." Da fühlte ich, was uns der letzte Kongress genommen und was er uns gebracht hat. Berlin, im September. F. BEER. KONGRESS-MEDAILLE.