Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 11 (November 1903)
- Article
- Betrachtungen zur Ost-Afrika-Frage des sechsten Zionisten-Congresses
- Date
- 1903-11-01
- Page
- Seite 733 - 734 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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733 Berthold Feiwel: Betrachtungen zur Ost-Afrika-Frage des sechsten Zionisten-Kongresses. 734 nicht um das Prinzip des „neuen" Zionismus gegangen. Diese Leute wollen sich oder andere über das Wesentliche hinwegtäuschen, indem sie sich hinter das Formelle verbergen. Wäre es nicht ein lächerlicher oder, wenn man will, betrübender Aufwand von unbeschreiblicher Leidenschaft gewesen, nicht eine Jpere Wortschlacht für oder gegen Afrika, wenn sich nicht in dem Worte „Kommission" das Afrika-Prinzip verdichtet hätte? Wurde doch selbst der Meister des Wortes Nordau, als er die von den Führern prinzipiell eingeleitete Debatte am Schlüsse auf die „Kommission" einschränken wollte, unwillkürlich ein Bekämpfer der Gegner, nicht der Kommission, sondern des Afrikaprojektes und dessen Fürsprecher! Darum war auch die berühmte Abstimmung der 295 gegen 178 im Grossen und Ganzen (obwohl die Delegierten hüben und drüben plötzlich durch eine Art Staatsstreich des .Präsidiums eine „Expedition" statt einer „Kommission" vorgesetzt erhielten) eine solche über das Prinzip, — was freilich nicht hindert, dass sich später ein paar Schwankende hinter die „Expedition" versteckten. Und man muss sagen, dass numerisch das Ost-Afrika-Prinzip auf dem letzten Kongresse gesiegt hat. Was der Abstimmung folgte, wird man ungefähr wissen. Ich möchte an die unvergesslichen Ausbrüche heissesten Schmerzes, von denen die „Nur-Palästinenser" erfasst wurden, nicht rühren. Und nur ein Anderes möchte ich bei dieser leider sehr flüchtigen Kongressskizze berühren. Die Minderheit hat den taktischen Fehler begangen, als sie am nächsten Tage zum Kongresse zurückkehrte, Amendements zu dem Beschlüsse zu beantragen, gegen den sie tags zuvor so leidenschaftlich gestimmt hatte. Sie tat es, um die zionistischen Fonds zu sichern. Aber diese Amendements wurden von vielen als Konzession zum Prinzip angesehen. Man muss demgegenüber feststellen, dass, mit ganz vereinzelten Ausnahmen, die Minderheit von dem Kongresse schied in der festen Ueberzeugung, dass das Afrika-Projekt eine Abweichung vom Baseler Programm darstelle. Und darin konnte sie auch die Zuwendung des Kongresses für eine palästinensische Kommission, die erst diesmal — über „Ost-Afrika" — zustande kam, auch nicht die warme Schlussrede Herzls beruhigen, der das im Eingang begründete neue Prinzip doch wieder aufnahm. Und nun, wo die Expedition auszieht, das dunkle Land zu erforschen, sollen die Zionisten das Volk zur Entscheidung anrufen . . . * * * Wie aber konnte es geschehen, dass diejenigen, die zusammenkamen, um über die Begründung einer Heimstätte in Palästina zu sprechen, sich in ihrer Mehrheit so schnell enthusiasmieren konnten für ein noch in der Luft schwebendes und in jeder Hinsicht noch ungeklärtes Projekt, dass sie so schnell Gefühl und Logik dafür fanden und dass sie es bedenkenlos dem palästinensischen Heimstätten-, dem Baseler Programm zupackten? Kopf der Statue „Schma Israel" von F. Beer. (War im Stadtcasino zu Basel während der Congresstage ausgestellt.) Ja, dass sogar diese Mehrheit wirklich im Ernste der Minderheit aufoktroyieren wollte, „der Zionismus erstrebt eine Heimstätte in Palästina und ein Gemeinwesen in Afrika", sei wirklich das Baseler Programm? Dass sie nicht zunächst daran dachten, ihren alten Zionismus ganz und gar zu sichern, ehe sie noch etwas Neues überhaupt prüften, sondern umgekehrt, ehe sie noch das Neue geprüft hatten, schon unter den Grundpfeilern ihres Zionismus zu graben anfingen? Ich habe nicht umsonst eine Skizzierung der bisherigen Geschichte des politischen Zionismus vorausgeschickt. Ich kann jetzt ganz kurz sein: Es war, weil sie bei aller Hingabe nicht der Entwicklung des Zionismus zu folgen gelernt hatten, weil sie ihr weit voraustrieben, weil „Politik", „Ungeduld" und „Judennot" sie zur „Tat" drängten. Wer waren doch die, die gegen das Projekt gestimmt hatten? Es waren die „Alten" und „Jungen", die fast alle an dem ersten Kongress mitgebaut hatten — im Gegensatz zur Mehrheit Die Alten, die als Zionsfreunde schon vor 20 Jahren in Palästina gearbeitet hatten, die sich, wie schon erwähnt, wieder der Arbeit in Palästina zuzuwenden begannen, als sie der Diplomatie nicht mehr als der schnellsten und alleinigen Kraft trauten, und die „Jungen" (die demokratische Fraktion vor allem), die als Erste in der Organisation ausdrücklich ein nicht auf der Judennot, sondern auf dem positiven jüdischen Lebenswillen aufgebautes Programm entwickelt hatten, das alle Seiten dieses nationalen Lebenswillens erfasste und darum nicht