Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1903-11-01 · Heft 11 (November 1903) · p. Seite 729 - 730

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 11 (November 1903)
Article
Betrachtungen zur Ost-Afrika-Frage des sechsten Zionisten-Congresses
Date
1903-11-01
Page
Seite 729 - 730 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2583875-2583904-2583916-2587839--03357-2587885
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

729 Berthold Feiwel: Betrachtungen zur Ost-Afrika-Frage des sechsten Zionisten-Kongresses. 730 licher rechtlicher Charakter, deren praktische Ausbeutungs-Mögljchkeit allerdings noch zur Prüfung zu stellen yvaren. Und zu prüfen war auch noch, welcher Art Juden eventuell das Land, wieviel Menschen und wann es ihnen dienen könne, welche Juden sich mit der Durchführung eines das Land betreffenden Projektes — wenn es überhaupt dazu käme — zu beschäftigen hätten.*) Zu prüfen aber war das Projekt hauptsächlich noch in Bezug auf den Zionismus, — welcher Art die in dieser Hinsicht zu prüfenden Materien waren, das hat ja später die Kongress-Debatte genügend gezeigt. Kurz, wenn sich Dr. Herzl darauf beschränkt hätte, in einer noch völlig unreifen Angelegenheit nur die Fragen zu formulieren, die zu untersuchen waren, hätte er in diesem Stadium die schön durch das Wort „Afrika" Erhitzten zur Ruhe gezwungen, sie hätten dankbar anerkennen müssen, dass er auf dem Wege seiner rastlosen Arbeit eine grosse moralische Stärkung für unsere politischen Aspirationen und sogar eine Aussicht auf Land für mehr oder weniger Juden gefunden habe. Vielleicht sogar — ich sage vielleicht — hätte der Kongress, wenn er ausdrücklich nicht weiter engagiert worden wäref sich entschlossen, die näheren Verhältnisse durch eine Kommission oder eine Expediton prüfen zu lassen, — zu Gunsten von Juden und als freiwilliger Stellvertreter derer, die dann in Aktion treten sollten. Aber Theodor Herzl tat nicht so, und dass er nicht so tat, dass er wieder den Ungeduldigen und Erfolgheischenden opfern zu müssen glaubte, hat jene leidenschaftdurchbebten, schmerzhaften und schmerzlichen Ausbrüche des Kongresses hervorgetrieben, die man ja annähernd kennt. Und in der Folge des Kongresses wurde jener Riss in unsere Reihen gebracht, an dem wir lange und lange werden zu heilen haben, wenn der Afrika-Plan fallen wird, und der unsere Organisation in zwei nach verschiedenen Richtungen strebende Teile zu zerbrechen droht, wenn er aufrecht erhalten wird. Es war eine neue, von Grund aus neue zionistische Politik, die Theodor Herzl verkündete: „Das neue Landgebiet hat nicht den geschichtlichen, poetisch-religiösen und zionistischen Wert, den auch noch die Sinai-Halbinsel besessen hätte, aber ich zweifle nicht, dass der Kongress als Vertreter des jüdischen Volkes auch das neue Anerbieten mit wärmster Dankbarkeit entgegennehmen würde .... Ich glaube, dass der Kongress Mittel finden kann, von dem Anerbieten Gebrauch zu machen .... Zion ist dies freilich nicht und kann es nie werden. Es ist nur eine Kolonisations- Aushilfe, aber wohlgemerkt auf nationaler und staatlicher Grundlage. Das Zeichen zum Aufbruche können und werden wir unseren Massen darauf nicht geben, es ist nur eine Notstandsmassregel, die der jetzigen Ratlosigkeit aller philanthropischen Unternehmungen abhelfen und dem Verluste versprengter Volksteile vorbeugen soll. *) Diese Fragen stehen natürlich noch zur Prüfung, sind aber für die Zionisten durch die prinzipielle Frage, ob sie als Zionisten programmgemäss zur Begründung der Autonomie verpflichtet seien oder nicht, zurückgestellt worden und werden auch in den folgenden Ausführungen nicht untersucht werden. Da — war es möglich? — stand schon vor den Delegierten dieses dunkle und problematische Projekt in feste Beziehung zum Zionismus gebracht und in eine Formel gefasst: „Weber die Kolonie von Ost-Afrika nach Zion". Vor diesen politischen Zionisten, denen die offizielle Presse, obwohl die Unterhandlungen mit Grossbritannien um einige Zeit zurückreichen, nicht einmal die theoretische Möglichkeit gezeigt hatte, ein „Notstandsprojekt" dem palästinensischen Zionismus voranzustellen. Selbstverständlich, dass sofort bei einem Teil der Delegierten der helle Protest dagegen entflammte, charakteristisch aber auch, dass ein anderer Teil — kurz entschlossen — sofort mit leidenschaftlicher Wärme dem neuen Plan zutrat. Bei beiden herrschten aber doch noch Ratlosigkeit und Zweifel über den wirklichen Sinn von Theodor Herzl's Erklärungen. War aber für den Kongress der Vortrag Herzl's nicht klar genug gewesen, so Hess die Interpretation, die Max Nordau am nächsten Tage in einer grossen politischen Rede den kurzen Sätzen Herzl's lieh, an Klarheit und Eindeutigkeit nicht zu wünschen übrig. Das waren scharfumrissene Formulierungen einer neuen zionistischen Politik, die sich auf besondere theoretische Begründungen stützten. Da hiess es u. A.: „Vor dem unverrückbaren Ziel der jüdischen Besiedelung Palästinas darf es nur eine Haltestelle unterwegs und eine provisorische Arbeit geben: Das ist die Errichtung eines Notbaues für die hunderttausend unglücklichen Brüder . . die anders als wir Sässigen nicht warten hönnen . . ., die untergehen würden, wenn wir nicht etwas tun würden, um sie zu retten. Für diese Hunderttausende müssen wir, ehe wir ihnen eine ständige Dauerwohnung anweisen können, gleichsam ein Nachtasyl eröffnen. Als solches Nachtasyl würde ich die Kolonie ansehen, zu der die britische Regierung unter gewissen Bedingungen uns Land zu gewähren bereit ist. ..." Dann resümierte Nordau und fasste die künftige zionistische Politik in die folgende Formel: „Das einzige Arbeitsprogramm des Zionismus muss heissen: Ausbau der inneren Organisation zum Zwecke der Befassung der Mächte mit der J udenfrage und inzwischen Errichtung eines Nachtasyls für unsere Obdachlosen." Wie konnte nach so klaren, fast könnte man sagen, ehernen Worten der Kongress im Zweifel sein, dass ein anderer, völlig neuer Zionismus vor ihn hingestellt wurde? Zu allem Ueberfluss gelangte zur selben Zeit eine noch in London gehaltene Rede Zangwills zur Kenntnis des Kongresses, in der es hiess: „Kischinew ist der Wendepunkt unserer Geschichte. Der Entschluss, nicht länger im Exil leben zu wollen,' ist mit dem Blute der Märtyrer geschrieben und besiegelt Zur Erreichung dieses glücklichen Zieles müssen alle jüdischen Energieen der Welt an einem Orte gesammelt werden, der gleichzeitig eine Zuflucht und ein Platz für die Vorbereitung auf Palästina sein soll, wenn wir nicht mit Palästina beginnen. Die Freunde des Projektes hatten nun ihre Theorie, — die ausgesprochene Notstands¬ und Katastrophen-Theorie — die sie nicht mehr aufgaben. Und auch dessen Gegner sahen klar. Eine

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.