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Ost und West · 1903-11-01 · Heft 11 (November 1903) · p. Seite 727 - 728

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 11 (November 1903)
Article
Betrachtungen zur Ost-Afrika-Frage des sechsten Zionisten-Congresses
Date
1903-11-01
Page
Seite 727 - 728 (sequence 4)
Language
German
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727 Berthold Feiwel: Betrachtungen zur Ost-Afrika-Frage des sechsten Zionisten-Kongresses. 728 Arten nationaler Kräfte auslöste. Freilich, in den eigentlichen Kern des Volkes, in die Masse der Juden, war der Zionismus in seiner modernen politischen Form nicht eingedrungen — wie auch sonst keine jüdische Bewegung. Die Masse lag da, während das Ghetto mit furchtbarem Wogenschlag qber sje hinrauschte — eine versunkene Glocke, von der nur manchmal ein dumpfer Klang, einem fast unirdischen Stöhnen gleich, heraufkam . . . Ich muss auch sagen, dass es eine Minderheit im Zionismus gab, besonders unter den Intellektuellen, die, sowenig sie den Wert und die Notwendigkeit diplomatischer Arbeiten je unterschätzte — wofern sie nur im Zeichen der Geduld standen und nicht zu verhängnisvollen Ueberreizuhgen führten — doch nie von der Meinung abzubringen war, dass es dem Sinn der jüdischen Volks-Erhebung zuwiderlief, wenn mit förmlich gewaltsamer Zurückstellung der Volks-Energie und mit Verzicht auf jede Stetigkeit in der Entwicklung das Schicksal der nationalen Befreiungsarbeit auf das glückliche oder unglückliche Unternehmen eines Mannes — und sei es auch des höchstbegabten — und auf die eine Form, deren er sich bediente, gestellt würde. Und sie bauten geduldig Grundlagen, auf die sich die nationale Bewegung stützen könnte, nicht etwa nur für den Fall und für den Zweck, als das auch bei normalen Völkern wankelmütige diplomatische Glück versagen sollte, sondern darum, weil das mühsam aus <len Ghetto- Fesseln sich losringende neue nationale Leben tausend- und tausendfach Stützen forderte. Sie suchten den nationalen Geist zu' verdichten, sie mühten sich, den jungen, kulturellen Regungen zu läuschen und sie festzuhalten, sie strebten darnach, die frischen sozialen Strömungen, die der Volksrenaissance entsprangen, aufzufangen, und sie wollten, nicht mechanisch, sondern im Geiste der Entwicklung, diese Mächte zu einer palästinozentrischen Kraft des Volkes ausreifen lassen als der ureigensten, natürlichen Stärke der Befreiungsbewegung. Und es bedeutete ihnen auch, Stützen bauen, wenn sie das lebendige Ghetto, das gegen die Aufwärtsbewegung kämpfte, zum Teil aber noch im Innern der Bewegung selbst weiter vegetierte, zurückdrängten. ' Die Arbeit, die sie leisteten, war unzureichend. Sie waren zu wenig. Die Mehrheit flutete über sie hinweg, die „Partei" stempelte sie zur „Opposition". Die „Partei" aber war politisch, nur politisch. Das ging sö weit, dass man an Wesentlichstes vergass, dass man nicht einmal das Land, um das es ging, vorbereitete, dass man es nicht erforschte, nicht kulturell zu erschliessen oder in sozialer Hinsicht stärker und fortschrittlicher zu machen sich anschickte, obwohl in den jüdischen Siedelungen im Lande eine Macht von ausserordentlichem Wert lag. (Erst als jenes Misstrauen gegen die Diplomaiie erwachte und damit die Sorge um das Land, begannen einige Oestier diese Arbeit.) Und obwohl sie nurpolitisch waren, vergassen sie auch da an das Eine, darüber nachzudenken, ob es nicht andere politische Wege gebe als den diplomatischen des Führers .... * * * Es war einige Wochen vor dem sechsten Kongresse. Das Unglück stellte wieder einmal die Leidbeladenen des Ghetto vor harte Proben. Von EngLand aus drohte ein gegen arme Juden gerichtetes Einwanderungsverbot und dann kam — Kischinew. Land! Land! schrie es aus all der Not heraus . . . Wenn je eine Gelegenheit war, mit Hinweis auf die Judennot diplomatische Aktionen vorzunehmen, so war es jetzt, wo man etwas Willigkeit bei den Regierungen voraussetzen konnte. Und Theodor Herzl war zur Stelle. Mit einer Schnelligkeit, wie sie nur jüdische Sehnsucht nach Hilfe erzeugen kann, verbreitete sich unter Zionisten und Nicht- Zionisten die Nachricht, dass Dr. Herzl mit England und Aegypten wegen El-Arisch unterhandle. Es war ein Stück Land, das geographisch, wenn auch nicht politisch, zum gegenwärtigen Palästina gehört. Als in früheren Jahren ein Einzelner davon vor dem Kongress sprach, Hessen sie ihn, in fanatischem Zorn, nicht einmal erklären, dass da ein vergessenes Stück Palästina sei — so fest und starr war ihr politisches Dogma auch in Bezug auf den Landumfang Palästinas. Jetzt aber freute man sich aus tiefstem Herzen, da der Führer dahinterstand, der Nachricht, und erwartete, von der guten Vollendung auf dem Kongress zu hören. Es -kam---ander«. Theodor Herzl war von dem Plan infolge von Schwierigkeiten, die in dem Boden lagen, zurückgetreten. Dafür aber brachte er dem Kongress ein anderes Land — ein Gebiet von Britisch-Ost-Afrika. Er übermittelte dem Kongress das Anerbieten der englischen Regierung mit folgenden Worten: „Der Vorschlag bedeutet eine autonome jüdische Ansiedelung in Ostafrika mit jüdischer Verwaltung, jüdischer Lokalregierung und einem jüdischen Oberbeamten an ihrer Spitze, alles natürlich unter britischer oberhoheitlicher Ueberwachung." Wenn doch Herzl bei dieser Mitteilung stehen geblieben wäre! War es nicht selbstverständlich, dass bei diesen Menschen schon die Nebeneinanderstellung von Ost-Afrika und Zion, wo sie noch eben einen palästinensischen Erfolg erwartet hatten, im ersten Augenblicke den leidenschaftlichsten SeeLenkampf heraufbeschwören musste? Aber wenn Herzl nur diese Mitteilung gemacht und vielleicht noch die Einsetzung einer Prüfungs-Kommission für die Angelegenheit vorgeschlagen hätte, ohne der Stellungnahme der Zionisten vorzugreifen, so hätten sich diejenigen, in denen schon das Wort Afrika einen jähen Protest ausgelöst hatte, leichter beruhigt. Sie hätten erkannt, dass der Führer der Zionisten bei dem englischen Vorschlage einer autonomen jüdischen Siedelung etwas direkt Historisch-Wertvolles erzielt habe: die Anerkennung des jüdischen Volkes als eines Volkes mit dem Rechte auf ein eigenes Gemeinwesen. Sie hätten ferner erkannt, dass damit der Führer eine Chance für die Juden vorLege — deren Art und Bedeutung, deren wirk-

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