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Ost und West · 1903-10-01 · Heft 10 (Oktober 1903) · p. Seite 717 - 718

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 10 (Oktober 1903)
Article
Revue der Presse
Date
1903-10-01
Page
Seite 717 - 718 (sequence 3)
Language
German
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717 Dr. Max Jungmann: Revue der Presse. 718 charakterisieren. Was mich so sehr erbittert, das ist die Beleidigung, die man dem Judentum zufügt, indem man dieses Genre von Zeitungen als „Judenpresse" bezeichnet. Mit Recht schreibt daher der „Jeschurun" des Rabbiners Dr. Königsberger-Pieschen: „Ein Jude, der noch den Wert des unerschrockenen Eintretens für die Wahrheit, den Wert des Männerstolzes zu schätzen weiss, sollte auch den Anschein vermeiden, als vertrete diese Presse seine Gesinnung." Uebrigens fand sich sofort ein orthodoxes holländisches Blatt, das „Nieuw'Israelietische Weekblad," das beim „Berliner Tageblatt" in die Schule ging und einen Riesenartikel unter der Firma „Bankrot van het Zionisme" in die Welt schrie. Dieser Bankrott besteht angeblich darin, dass Herzl Palästina aufgegeben habe und ein Afrikander geworden sei» Die freisinnigen Zeitungen der Provinz, die auch in anderer Hinsicht ihre hauptstädtischen Schwestern überragen, haben die Bedeutung der Baseler Verhandlungen doch etwas besser zu würdigen verstanden. Ich erwähne nur die „Frankfurter Zeitung,'4 die während des Kongresses täglich ausführliche Berichte und Telegramme veröffentlichte und schliesslich auch in einem Leitartikel ihre Stellungnahme definierte. Sie kommt nach einer Anerkennung des ehrlichen Strebens der Zionisten schliesslich zu einem ablehnenden Resultat, weil die Bewegung die Absonderung der Juden von den Nichtjuden befördere. „Damit arbeitet der Zionismus direkt dem Rassen-Antisemitismus in die Hände, weil er, von ganz ähnlichen Voraussetzungen ausgehend, die jüdischen Mitbürger zu Fremdlingen in ihrem Wohnlande stempeln und so eine ganze kultureile Entwicklung rückgängig machen möchte. Ihn zu bekämpfen ist daher eine einfache Kulttiraufgabe." Die Wiener „Freisinnige Zeitung," die sich ebenfalls sehr eingehend mit dem Kongress beschäftigte, ist allerdings anderer Ansicht. Das Blatt schreibt: „Da die Erlangung einer Heimstätte die Lösung eines bedeutenden Teils der Judenfrage darstellt, so verdienen die diesbezüglichen Bestrebungen nicht nur die Förderung aller Juden, sondern auch aller wahrhaft freisinnigen Kulturmenschen ohne Unterschied der Nationalität, Konfession und des Standes." Das Wohlwollen, das dieses Blatt dem zionistischen Streben entgegenbringt, hat einen gefühlvollen Ausdruck gefunden iii dem mit viel Wärme geschriebenen Feuilleton „Wenn die Toten erwachen", eine Arbeit, die auch für den rein belletristischen Geschmack eine Delikatesse ist. Sucht man aber den Grund für die freundliche Gesinnung der „Freisinnigen Zeitung" — der österreichischen —, so findet man ihn in den Worten, die ihren Kongressartikel einleiten: „Vor einigen Tagen wurde der VI. Zionistenkongress in Basel geschlossen. Es obliegt uns daher die publizistische Pflicht, als einem {Sprachrohre aller Unterdrückten, einen kurzen Rückblick auf denselben zu werfen." Der Berliner „Vorwärts", der angeblich ähnliche Tendenzen hat, war weniger gerecht. Er hat den Kongress samt dem ganzen Zionismus in einer Briefkastennotiz aus der Welt geschafft. Dass die sozialdemokratische Zeitung den Kongress verhöhnte, weil er jüdisch war, nicht etwa weil er nationale Absichten verfocht, geht daraus hervor, dass der „Vorwärts" ja sonst nationale Strömungen — zumal die polnischen — sehr wohl begreift. So heisst es in demselben Blatte am Schlüsse eines Artikels vom 8. September: Herr Dr. Herz mag sein strebendes Assessorenköpfchen noch so sehr anstrengen, er wird kein Mittel finden, wie man soziale und nationale Volksströmungen in der Paragraphenschlinge erwürgen kann." Selbst die Unabhängigkeitsbestrebungen der Polen werden von den Sozialisten gut geheissen, obwohl hier ein Erfolg doch sicher weniger wahrscheinlich ist als im Streben der Zionisten. Auf dem Parteitage in Dresden sagte der Delegierte Hänisch unter dem Beifall seiner Zuhörer: „Wir dürfen unter unseren polnischen Genossen keinen Zweifel darüber aufkommen lassen, dass wir die polnischen Bestrebungen nach Unabhängigkeit für ebenso gerechtfertigt halten, wie die jedes anderen Volkes." Nur des jüdischen nicht, hätte er hinzufügen sollen. Die jüdische Presse in Deutschland zerfällt nach ihrer politisch - religiösen Färbung in tiefschwarze, schwarze, graue und schwarz-weiss-rote Blätter. Ein weisser Rabe unter den dunkelen Vögeln ist der „Generalanzeiger für die gesamten Interessen des Judentums." Es ist eine unparteiische Zeitung, die das Verdienst hat, über den Kongress ausführlich und sachgemäss berichtet und dadurch der grossen Menge ihrer nichtzionistischen Leser ein getreues Bild von dem gegeben zu haben, was der Zionismus will und tut. Das Blatt brachte ferner einige Artikel, die sich mit den im Kongress verhandelten Fragen eingehend beschäftigten, und ergänzte seine reichhaltigen Berichte durch eine Anzahl interessanter „Pressstimmen". Besonders bemerkenswert erschien mir des Blattes Entrüstung gegen, das unqualifizierbare Verhalten des „Berliner Tageblatts". Ich meine, wenn der nichtzionistische „Generalanzeiger" für die Gehässigkeit des freisinnigen Organs nur Worte tiefster Empörung findet, so fwird man begreifen, dass die Zionisten nicht gerade bei Knigge anfragen, wie sie jener Gesellschaft entgegentreten sollen. Die Allgemeine Zeitung des Judentums legitimiert sich in ihrem dem 6. Kongress gewidmeten Artikel dadurch, dass sie nicht weniger als fünfmal das ebenso originelle wie geistreiche Bonmot Utopie in verschiedenen Varianten gebraucht. Sie hat entdeckt, dass sich der Zionismus zu häuten beginne, und hält es nunmehr für möglich, dass sich die „Majorität des Judentums" mit dem Zionismus verständigt. Die eigenartigste Leistung des Kongressartikels der „Allg. Zeitung" steckt aber in dem Satze: „Wir für unseren Teil haben ja niemals zu denen gehört welche diese Bewegung unbedingt verurteilt haben; wir haben vielmehr stets anerkannt, dass sie einen guten Kern in sich berge. Wir werden auch nicht vergessen dass der Zionismus für die Erweckung jüdischen Selbstbewusstseins innerhalb der Jugend, namentlich der studierenden in Deutschland, Oesterreich und Russland sehr viel geleistet hat." Nicht viel anders als die „Allg. Zeitung des Judentums" behandelt das Hamburger „Israelitische Familienblatt" den Kongress. Dieses frohlockt natürlich auch über die zionistische Häutung, die wie eine endemische Krankheit unter den jüdischen Zeitungen wütet, und hebt hervor, dass der 6. Kongress zum ersten

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