Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1903-10-01 · Heft 10 (Oktober 1903) · p. Seite 715 - 716

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 10 (Oktober 1903)
Article
Revue der Presse
Date
1903-10-01
Page
Seite 715 - 716 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2583875-2583904-2583915-2587776--03347-2587825
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

715 Dr. Max Jungmann: Revue der Presse. 716 des Aktionskomitees hat eine anerkennenswerte Arbeit geleistet. Während sich aber die „Welt", die zur Kongresszeit täglich erschien, strenger Objektivität befleissigte, haben die ebenfalls zionistischen hebräischen Zeitungen gegenüber den wichtigsten Erörterungen sofort eine entschiedene Stellung eingenommen. Eine ernste Differenz derMeinungen innerhalb der zionistischen Partei und ihrer papierenen Organe entspann sich ja eigentlich nur aus Anlass der bekannten Ostafrika- Frage. Die hebräische Presse hat sich nun fast durchweg gegen den Beschluss der Kongressmehrheit ausgesprochen und will von einer Erwägung des englischen Vorschlags nichts wissen. Sie drückt damit allerdings nicht die sogenannte öffentliche Meinung aus, da ein grosser Teil ihrer Anhänger, besonders die Gruppe der „Misrachim", der Prüfung jenes Projekts die Zustimmung erteilte. Noch weniger deckt sich die Ansicht der Zionisten Deutschlands mit dem Standpunkt, den ihr Parteiorgan, die „jüdische R und schau", vertritt. Die deutsche Landsmannschaft hat nämlich mit einer e i n z ig e n A u s n a h m e die Entsendung einer Forschungsexpedition nach Ostafrika gebilligt; diese Ausnahme bildete der Redakteur der „Rundschau", der zwar einen begeisterten Dankartikel an den König und die Nation der Britten schrieb, bald aber seinen momentanen Enthusiasmus bedauerte und ins Lager der ablehnenden Partei überging. Wenn nun die „Rundschau"- die Haltung der „Jasager'4 bekämpft, wenn sie des Glaubens ist, dass wohl der diplomatische, nicht aber der geographische Weg nach Palästina über Ostafrika führe, so drückt sie lediglich die Ueberzeugung ihres Redakteurs aus. Die deutsche Landsmannschaft hat anders geurteilt, ob richtiger, das wird die Zukunft lehren. Ungetrübte Einigkeit herrscht dagegen im Lager der Zionisten Englands, deren Organ „Jewish World" aus ganzem Herzen der Kolonisierung des von der britischen Regierung angebotenen Landstrichs zustimmt. In ihrer Ausgabe vom 4. September veröffentlicht diese Zeitung auch ein Interview, das ihr Berichterstatter mit dem jüdischen Parlamentsmitgliede Herbert Samuel hatte. Mr. Samuel, der den in Frage kommenden Teil von Ostafrika aus eigener Anschauung kennt, stellt dem Klima und der Fruchtbarkeit des Landes das allergünstigste Zeugnis aus. Diese Auffassung steht allerdings in barschem Widerspruch zu der im „Tag" erschienenen Besprechung des Dr. A. Price. Der Verfasser, der durchaus den Eindruck eines Unparteiischen erweckt, lässt aus seiner Darstellung den Gedanken durchblicken, als wollte die englische Regierung die Juden übers Ohr hauen. Er meint, Ostafrika, hätte die daran geknüpften Erwartungen absolut nicht erfüllt. ^Die erhofften Funde von Edelmetallen blieben aus; Versuche mit Pflanzungen scheiterten, die Eingeborenen zeigten nicht die leiseste Neigung, sich zivilisieren und zur Arbeit schulen zu lassen; die weissen Beamten und Unternehmer endlich starben wie die Fliegen." Auch der von der Ugandabahn vorausgesagte Segen sei ausgeblieben. ,,Minen sind nicht gefunden worden; Pflanzungen tropischer Gewächse gedeihen nicht." Ausserdem, meint Dr. Price, sei im Berichte der Regierung ausdrücklich erwähnt worden, dass keine Aussicht auf den Bau anderer Nutzgewächse als der Kartoffel vorhanden wäre. Der sehr lesenswerte Artikel schliesst mit der Warnung: „Man kann nur hoffen, dass die Leiter der Zionisten sich das ernstlich vor Augen halten und danach ihr Handeln einrichten; sonst laden sie eine sehr böse Verantwortung auf sich." Uebrigens ist die Ostafrika-Frage garnicht so aktuell, wie sie zu sein scheint Die Expedition ist ja nun eine beschlossene Sache. Wird die Erforschnng des Landes ergeben, dass es für die erwogene Kolonisierung ungeeignet ist, so erledigt sich die Angelegenheit von selbst. Ergibt sie das Gegenteil, dann kommt es nicht nur auf den Willen der Juden an, sondern in erster Reihe auf den der englischen Nation. Die Stimmung des englischen Volkes und seiner parlamentarischen Vertreter ist bis zu dieser Stunde durchaus unbekannt, und in den massgebenden Zeitungen differieren die Ansichten gar sehr. Wenn auch die Times'den Plan zu begünstigen scheint, so gibt es doch — abgesehen von der antisemitischen Daily Mail — eine Reihe von Blättern, die die „Zuvorkommenheit" der englischen Regierung scharf verurteilen. Der „Daily Graphic" hält die Besiedelung des fraglichen Gebietes mit Juden, von denen ja nur ein geringer Teil dort Unterkunft finden könnte, keineswegs für eine Lösung der Judenfrage. Vor allen Dingen aber wendet er sich gegen die Gewährung einer Autonomie. „In Britisch-Ostafrika," schreibt er, „gibt es schon indische und italienische Kolonien, ohne dass diese etwa auto nome Privilegien verlangten. Warum also sollten sie polnischen Juden gegeben werden? Die Folge davon würde nur sein, den fremdländischen Charakter der Kolonie zu fördern, und das ist gewiss nicht wünschenswert." Dass die englischen Blätter je nach ihrer Schattierung für oder gegen den Zionismus Stellung nehmen' da wo er ihre eigene Interessensphäre zu streifen scheint, wird man leicht verstehen. Im Übrigen hat die englische Presse in diesem Jahre, wie auch früher immer, dem Kongress die Aufmerksamkeit geschenkt, die ihm gebührt, und ihn in würdiger, häufig wohlwollender, mindestens aber vorurteilsloser Weise behandelt. Dadurch unterscheidet sie sich vorteilhaft von der deutschen Tagespresse Es erscheint fast unglaublich, dass der von Juden so viel gelesene „Berl. Lokal an zeiger" des Basler Kongresses mit keinem Worte gedachte. Auch Eugen Richters „Freisinnige Zeitung" hielt es nicht für nötig, eine Bewegung zu beachten, die ja nichts geringeres bedeutet als den Kampf des Idealismus gegen das Philistertum, den Kampf eines geknechteten Volkes um Leben und Freiheit. Dass aber zum Verständnis eines echten Freiheitskrieges der einseitige freisinnige Dünkel nicht ausreicht, bewies die „Berliner Zeitung," die den Kongress mit einem faulen Witz abfertigte, und die „ Vossische Zeitung," die ihn behandelte wie etwa einen gleichgiltigen archäologischen Fund. Und nun gar erst das „Berliner Tageblatt!" Diese Zeitung, die ohne jüdische Leser und Inserenten nicht existieren könnte, hat den Kongress völlig übersehen. Nur über die Verhandlungen mit der britischen Regierung und über den Brief des Ministers v. Plehwe äusserte sie sich in wenigen Zeilen, die aber genügten, um vom „Bankerott des politischen Zionismus" zu sprechen und die ganze Bewegung als eine Utopie und sogar einen Unfug zu

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.