Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1903)
- Article
- Pro und contra
- Date
- 1903-10-01
- Page
- Seite 707 - 708 (sequence 3)
- Language
- German
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707 Dr. Julius Brutzkus: Pro und Contra. 708 suchen, werden Herzl nur dankbar sein, dass er ein neues Land für sie entdeckt hat. Die Juden können nach Ostafrika, Amerika oder Argentinien gehen, ohne dass ihre zionistischen Ueberzeugungen darunter zu leiden hätten." — „A, a! Sie sind also auch Afrikaner!" riefen einige Delegierte aus. „Warum stimmten Sie gegen das Projekt? Ist es denn wirklich Herzl bereits gelungen, auch Sie zu bekehren?" — „Nein, meine Herren, ich bleibe wie vorher ein Gegner des Projektes. Ich glaube überhaupt, dass aus ihm nichts werden wird, und wir bringen uns selbst durch phantastische Unternehmungen in Misskredit. Bisher ist es den Europäern nicht gelungen, tropische Länder zu bewohnen. Wenn aber auch, trotz Erwartung, die Kolonisation auf den höher liegenden Ortschaften des zentralen Afrikas gelingen wird, so haben wir nichts dabei gewonnen. Die agrarische Kolonisation kann sich überhaupt nicht rasch vollziehen, besonders in einem neuen, unerforschten Lande. Eine Massenkolonisation führt immer zu Massenkatastrophen. Man wird gezwungen sein, wieder mit derselben Kleinkolonisation zu beginnen, die nicht nur in Afrika, sondern auch in Palästina und seinen Nachbarländern möglich ist. Im besten Falle wird in Ostafrika nur ein kleiner Teil von Emigranten ein Asyl finden. Die Volksnot wird auf diese Weise so wenig beseitigt, wie durch Argentinien." Das von dem gemässigten Delegierten gemachte Zugeständnis stimmte die Afrikaanhänger mutvoller. Bisher, unter dem Eindrucke der temperamentvollen Reden der Gegner, die hier in der Mehrheit waren, fühlten sie sich so schuldig, als ob sie ein Verbrechen gegen ihre Ueberzeugungen und gegen das Vertrauen ihrer Wähler begangen hätten. Ein älterer Herr, der bisher geschwiegen hatte, begann das Herzl'sche Projekt zu verteidigen. — „Wie kann man Argentinien mit einer autonomen jüdischen Provinz in Afrika vergleichen. Dort gehen die Juden in die einheimische Bevölkerung auf, eignen sich allmählich eine fremde Kultur an und assimilieren sich. In der zukünftigen jüdischen Autonomie wird, gerade umgekehrt, der erste Versuch einer Konzentration des jüdischen Volkes nach zweitausendjähriger Zerstreuung gemacht werden; hier werden sich die Vertreter der jüdischen Nationalität frei entwickeln können, geistig und physisch, und werden ihre eigene Kultur schaffen. Zion kann durch die Uebersiedelung _ nach dieser autonomen jüdischen Provinz nur gewinnen, bei einer Auswanderung aber nach anderen Ländern kolossal viel verlieren. Die jüdische Kultur wird einen grossen Aufschwung erfahren, wird sich frei entwickeln können, aus dem Zustande der Stagnation erwachen und wird sich als vollständig vorbereitet zum Momente der Auferstehung in Zion erweisen." Der Anhänger der jüdischen Kultur setzte mit grosser Begeisterung seine Beweise auseinander, die Gegner aber stimmten nicht zu und bestariden darauf, dass die jüdische Kultur nur ein natürliches Zentrum — Zion haben könne. Dem Afrikaner kam ein Journalist aus Deutschland zu Hilfe. Zunächst sprach er seine Verwunderung über das Verhalten der meisten russischen Delegierten dieser Frage gegenüber aus. — „Einerseits bestehen die Russen seit fünf Jahren auf der Einführung eines Gegenwartsprogramms, das den dringenden Bedürfnissen der gegenwärtigen elenden Lage entsprechen soll, andererseits aber sagen sie sich in der Mehrheit von einer solchen grossen Hilfsaktion los, wie die Uebersiedelung von einigen Hunderttausenden nach einem freien Land, das ihnen ganz zur Verfügung gestellt wird. Sonst heben sie immer die Existenz einer besonderen jüdischen Kultur hervor; jetzt aber wollen sie nicht eine so günstige Gelegenheit, sie im Leben zu verwirklichen, ergreifen: Also, meine Herren Zionisten, ich verstehe Sie nicht und nehme an, dass Sie Herzl nicht verstehen. Er gelobte ja direkt: Im eshkacheich Jeruscholajim, tischkach jemini, und denkt nicht im geringsten sich von Zion loszusagen. Eine Autonomie Afrika gibt den Juden bloss eine feste Position, wird ihnen eine politische Bedeutung verleihen und Stimmrecht in den völkerrechtlichen Beziehungen eintragen. Wahrlich, auch jetzt schenkt man schon in der politischen Welt dem Zionismus Aufmerksamkeit und erkennt unseren Kongress an; die gegenwärtige Position ist aber noch sehr unsicher und problematisch. Ostafrika gibt uns einen Halt in den diplomatischen und politischen Handlungen, hier wird ein Vorposten, eine günstige Position geschaffen, um Palästina auf friedlichem Wege zu erobern." — „Niemals!" protestierten die Neinsager. „Das ist nicht richtig. Die Position kann nur in den Nachbarländern geschaffen werden, in El-Arisch, auf Cypern u. s. w.; Ostafrika ist aber zu weit von Palästina entfernt. Für seine Kolonisation werden wir unsere ganze Kraft vergeuden und Palästina verlieren, das jetzt sehr rasch kultiviert wird und in die Reihe der zivilisierten Länder eintritt." Der Deutsche wollte das nicht zugeben. — „Was den Verbrauch der Volkskräfte betrifft, so darf man hier nicht so urteilen, wie in Bezug auf ein einzelnes Individuum. Bei einem Volke sind die Kräfte grenzenlos; es wird auch jetzt viel Kraft umsonst und sogar zum Nachteil der jüdischen Nation verbraucht, und das kann auf die Kolonisation Ostafrikas verwendet werden, wenn wir auch niemals nach Zion gehen sollten. Bereits jetzt interessieren sich viele Juden — Nichtzionisten — für das Projekt, viele jüdische Institute werden auch dazu Mittel hergeben. Unsere zionistischen Kräfte und Mittel werden sich dadurch nicht verringern. Gesetzt sö£ar, dass das Kolonisationsprojekt sich als unrealisierbär erweisen wird, so gewinnen wir auch von unseren Unterhandlungen und Beziehungen zur englischen Regierung. Unsere Lage der Türkei gegenüber wird dadurch besser