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Ost und West · 1903-10-01 · Heft 10 (Oktober 1903) · p. Seite 709 - 710

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 10 (Oktober 1903)
Article
Pro und contra
Date
1903-10-01
Page
Seite 709 - 710 (sequence 4)
Language
German
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Dr. Julius Brutzkus: Pro und Contra. 710 und bequemer. Möglich auch, dass dieses Projekt bloss ein Schachzug in der Herzischen Politik ist, und dazu ein sehr gelungener. Nur die Kurzsichtigkeit der russischen Zionisten war der Grund, weshalb sie gegen die Wahl einer Kommission, die das Land erforschen soll, stimmten. Entweder sie verstehen Herzl nicht, oder schenken ihm kein Vertrauen." —- „Ja, ja! Wir schenken ihm kein Vertrauen?" rief der hartnäckige Afrikagegner aus. „Wir trauen ihm nicht und haben Grund dazu. Er ist ein Judenstaatler, aber kein Zionist Er anerkennt nicht die historischen Ueberlieferungen und die historische Psychologie, er glaubt an die gewaltige Macht der modernen Kultur und Technik und schätzt weder die Geschichte, noch die eigenartige jüdische Kultur und ihre Bedeutung für das Leben des Volkes. Den Zionismus betrachtet Herzl, wie alle westeuropäischen Zionisten, als eine Hilfsaktion für die notleidenden Juden, und nicht als ein inneres Bedürfnis der jüdischen Seele. Er glaubte an Palästina, solange er an seine Diplomatie glaubte, die uns vermittels völkerrechtlicher Uebereinstimmung einen Charter bescheeren sollte. Jetzt hat er in seiner Diplomatie eine Enttäuschung erlitten und ist bereit, Afrika oder ein anderes, beliebiges Territorium anzunehmen. Herzl dachte an eine Kolonisation Palästinas in der Form einer Massenauswanderung des Volkes, jetzt aber ist das unausführbar, und er ist bereit, das Experiment an einem grösseren Lande zu machen. Die Kolonisierung Ost-Afrikas entspricht ganz den Hauptidealen Herzls, und er kann sich mit ruhigem Gewissen damit begnügen. Wir russischen Zionisten aber können das nicht. Wir glauben an die Kraft der historischen zionistischen Traditionen der jüdischen Seele, wir erkennen ihre Notwendigkeit für die weitere Entwickelung des Volkes an, fürchten uns deshalb nicht vor möglichen Hindernissen, glauben nicht an die Diplomatie, sondern an die langsame, unermüdliche Arbeit und sehen als ihr Ziel nicht nur die Gross-, sondern auch die Kleinkolonisation. Aus diesem Grunde betrachten wir das Herzische Projekt als eine Gefahr für den Zionismus. Wir waren sicher, dass man uns durch die Kommission verlocken will, dass für Herzl eine Kolonisation im grossen Massstabe nötig ist, und wenn auch unter den Tropen. Und, merken Sie, wir haben uns nicht geirrt: von der Kommission ist man durch ein geschicktes Manöver zu einer Expedition übergegangen, und bald wird eine Kolonisation angefangen werden. Palästina wird in den Hintergrund treten und die zionistische Bewegung wird sich aus einer Renaissance des jüdischen Volkes in ein kolonisatorisches Unternehmen, auf die Art des Barons Hirsch, verwandeln. Ja, in dieser Beziehung schenken wir Dr. Herzl, dessen Ueberzeugungen verschieden sind von den unseren, kein Vertrauen, und trauen -auch nicht dem Aktionskomitee, das ganz unter seinem Einflüsse steht, und wollen ein für alle Mal diese Frage lösen." — Der entschlossene Redner schien nicht allen aus der Seele zu sprechen. Die gemässigteren Gegner des Projektes, versuchten Herzl, der nicht nur von den Anhängern, sondern auch von den Gegnern geachtet wird, zu verteidigen. Sie wiesen auf seine letzte Rede hin, auf seine Art, sich der Mehrheit zu fügen, auf den grossen Unterschied zwischen den Theorien des „Judenstaat"-Verfassers und den jetzigen Anschauungen Herzls, der gegenwärtig die jüdische Geschichte und Kultur nicht weniger vielleicht als ein beliebiger russischer Zionist versteht. Als Beweis wurden die Resolutionen des letzten Kongresses angeführt in Bezug auf die Bank, den Nationalfonds und die Kommission für Palästina, die eine Aenderung in den Beziehungen des offiziellen Zionismus zu der praktischen Arbeit in Palästina bedeuten. Die Leidenschaften legten sich allmählich, das Gespräch nahm einen weniger schroffen Ton an, dauerte aber noch den ganzen Weg bis Frankfurt fort. Die Afrikaner und ihre Gegner waren bemüht, sich gegenseitig zu überzeugen, aber nicht unzutreffend verglich Jemand die Meinungen verschiedener Menschen mit Nägeln, die desto tiefer sitzen bleiben, je mehr man auf sie hämmert. Der Zug jagte noch immer durch die zaubervollen Landschaften des Schwarzwaldes , die Zionisten aber waren in ihre eigene innere Welt vertieft und rissen sich nicht für eine Minute von ihr los. Ich trat an das Fenster. Die grünen Bergesspitzen lockten in die ferne Höhe, zum blauen Himmel hin, ringsum rauschten die Bäume, und in meinem Innern summte noch immer das laute Gespräch der Zionisten und lullte gleichsam die müden Nerven ein. Es ist noch nicht so schrecklich, dachte ich, dem Zionismus sind noch nicht diese oder jene Resolutionen gefährlich, wenn es noch Leute gibt, die so flammend ihr Volk lieben und an seine Zukunft glauben. — VOR HERMANN STRUCKS HERZL-PORTRAIT. Von Nathan ja Sahuwi. Nachdruck Zwei Stunden hatte ich vor der grossen Radierung gesessen und hatte mit gespannten Sinnen der wundersamen Sprache gelauscht, die aus dem Kunstwerk zu mir herüberbebte. All die Tage nachher begleitete mich das Bild auf meinen Wegen. Mitten im Treiben der Grossstadtstrasse trat es vor mich hin. In der hastenden verboten. Fahrt durch Wiese und Wald blicken mich plötzlich wieder die sinnenden Züge an. Und als ich dann nach Wochen wieder — im Brausen der Kongressstunden — vor dem Kunstwerk stand und alle Wirrnis umher und aller Lärm mir versank in den Weihestunden des Schauens, da war mir, als ob. ich das Bild zum

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