Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1903)
- Article
- Das Gebiet des projektierten Judenstaates in Ostafrika
- Date
- 1903-10-01
- Page
- Seite 691 - 692 (sequence 6)
- Language
- German
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691 Kurt Toeppen: Das Gebiet des projektierten Judenstaates in Ostafrika. 692 folger Khalifa, dem letzten selbständigen Sultan von Zanzibar, zu einer Verständigung. Vor wenigen Jahren vereinigten sich beide Linien nochmals zum Kampf gegen England, welches die Küste vom Sultan von Zanzibar gepachtet hatte und in seinem Namen verwaltete. Der Kampf dauerte nicht sehr lange, Salim bin Chamis starb, sein Sohn Raschid stand schon immer auf Seiten der Engländer, und Mbaruk floh auf deutsches Gebiet, wurde dort mit seinen Getreuen entwaffnet und erhielt in der Nähe von Dar-es-Salaam ein Stück Land zur Ansiedlung. Die Engländer sind in ihrem Teil von Ostafrika, welches uns wegen der in Aussicht genommenen Ansiedlung ganz besonders interessiert, ausserordentlich tätig gewesen. Sie haben nicht von der Hand in den Mund gearbeitet, sondern die Sache mit weitem Blick und der ihnen eigenen Energie und Zähigkeit angefasst. — Das Angebot an die Zionisten ist auch eine Rechnung mit der ferneren Zukunft. Wenn wir die Zionisten aufnehmen, wird sich Mr. Chamberlain gedacht haben, ziehen wir eine fleissige, ruhige und vor allen Dingen sesshafte Bevölkerung ins Land, das sind keine Plantagen-Leute und keine Kaufleute, welche kommen, das Land und die Einwohner auszusaugen, sondern solche, die selbst produzieren und das spärlich bewohnte Land von Leikipia, von Kikuju oder Mau bevölkern; ich sage „spärlich bevölkert" im Vergleich mit europäischen Verhältnissen, denn für afrikanische Gegenden ist z. B. Kikuju sehr gut bevölkert. Im benachbarten Deutsch-Ostafrika wäre eine Besiedlung des gesunden Hochlandes, als dessen bester Teil Uhehe genannt wird, unmöglich, denn es fehlen die Verkehrswege, vor allen Dingen die Eisenbahn. Ich habe schon einmal in der Kolonialzeitung dargetan, dass eine Ansiedlung in Uhehe nicht ratsam ist, und zwar vor allen Dingen aus dem Grunde, dass bei einer Reise dorthin zu Fuss mit einer Karawane durch die ungesunden Küstenstrecken schon das Wohlsein des Ansiedlers durch Fieberkeime untergraben werden könnte, und dass er für den Absatz seiner Produkte häufig ungesunde Gegenden aufsuchen müsste, was die Gefahr einer Infektion immer von neuem heraufbeschwort. Zweitens, wo soll der Ansiedler mit seinen Produkten hin? Soll er Weizen oder Mais in Trägerlasten packen und nach Dares-Salaam senden? Das würde teures Brot werden. Wie ganz anders liegen die Verhältnisse im Zukunftslande der Zionisten! England hat mit einem Aufwand von weit über hundert Millionen Mark einen fast 1000 Kilometer langen Verkehrsweg geschaffen, der in Afrika nicht seinesgleichen hat. Eine Eisenbahn, die alle Hindernisse, welche sich früher vor den mutigen Erforschern des Massai-Landes und der Nyanza-Länder wie Berge türmten, im Fluge überwindet. Wenn man bequem in die Ecke des Coupees gelehnt, eine Zigarette rauchend, in der Hand den Feldstecher, am Naivvascha-See vorbeisaust, dann muss man wrohl unwillkürlich an unseren tapferen Pionier Dr. Fischer denken, der damals — es sind genau 20 Jahre — nicht weiter als bis zu diesem See vordringen konnte. Ich sehe ihn noch, als er nach Zanzibar kam und mit mir neue Pläne zu einer zweiten Reise schmiedete, diese führte ihn jedoch auf südlicher Route über Irangi nach dem Nyanza. Thomson, der zur selben Zeit dort war — wir trafen uns zufällig in Aden auf dem Dampfer Oriental, der uns am 26. Januar 1883 nach Zanzibar brachte Thomson, sage ich, war erfolgreicher mit seiner Expedition - und hat uns zuerst ins Leben des damals so gefürchteten Massai-Volkes eingeführt; allerdings reiste Thomson nicht selbständig, sondern musste sich einer arabischen Karawane anschliessen und war von diesen Leuten, welche „time is money" nicht einmal vom Hörensagen kennen, vollkommen abhängig. Man kann es ihm ordentlich nachfühlen, wie es in ihm kochte, als er einen ganzen Monet — den Ramasan oder Fastenmonat — an der Schwelle des Massai-Landes warten musste, denn der strenggläubige Muhamedaner fastet im Ramasan, d. h. er nimmt von etwa 4 Uhr morgens bis zum Sonnenuntergang keinerlei Nahrung zu sich, trinkt kein Wasser, raucht nicht, kaut seinen geliebten Betel nicht, ja er darf nicht einmal seinen eigenen Speichel verschlucken. Es liegt auf der Hand, dass bei solchem Leben kein Reisen möglich ist. Wie die Massai damals gefürchtet waren und den Karawanen gegenüber stets als Herren auftraten, kann man aus jeder Zeile des Thomsonschen Reisewerks herauslesen; nicht nur, dass überall auf die unverschämteste Weise Wegzölle und Geschenke erpresst wurden, stand das Leben des Reisenden in steter Gefahr, selbst bei den geringfügigsten Anlässen. So hielten die Massai als gefürchtete Viehräuber auch alle ihre Nachbarn stets in Angst, das Wort „Massai" genügte, die Einwohnerschaft ganzer Dörfer in den Busch zu jagen. Jetzt ist das anders geworden, der erste gewaltige Schlag, den die Massai erhielten, war die Rinderpest im Jahre 1890, welche den Viehstand dieses Nomadenvolkes fast ganz vernichtete und es an den Rand des Verderbens brachte, denn bekanntlich lebt der Massai nur von. Fleisch und Milch; Pflanzennahrung essen nur die Kinder und die alten Leute. — Die Massai verhungerten also buchstäblich, denn selbst wenn sie sich zur Pflanzenkost bekehren wollten, hatten sie nichts, womit sie solche kaufen konnten. Dann kam die Bahn und damit der europäische Einfluss so zu sagen aus erster Hand, und heutzutage sind die Massai geschätzte Bundesgenossen der Engländer gegen solche Stämme, welche nicht Frieden halten wollen. Ausserdem ist von den englischen Beamten festgestellt worden, dass die Massai-Weiber ein ausgesprochenes Interesse für die indischen Arbeiter und Soldaten haben und gern mit diesen in wilder Ehe leben, während die Männer mit den Frauen benachbarter Bantu-Stämme Verbindungen eingehen. Das sind alles Anzeichen für Neigung der Massai, das Nomadenleben aufzugeben und