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Ost und West · 1903-10-01 · Heft 10 (Oktober 1903) · p. Seite 677 - 678

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 10 (Oktober 1903)
Article
Zionismus und Neu-Zionismus
Date
1903-10-01
Page
Seite 677 - 678 (sequence 5)
Language
German
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677 Dr. M. Gaster: Zionismus und Neu-Zionismus. 678 gramm direkt widersprechendes Anerbieten vorzubringen. Man hatte kein Recht, den Delegierten ein Votum abzuringen, unter der Begründung, dass es einfach eine Sache der Höflichkeit wäre, ein solches Anerbieten nicht ohne weiteres abzuweisen. Sie hatten weder das Recht noch das Mandat von Seiten der Zionisten, solche Unterhand- Jungen überhaupt anzuknüpfen und sie in diese peinliche Lage zu versetzen. Nicht nur ist die Zionistische Bewegung durch dieses Anerbieten und durch diese Unterhandlungen, von welchen so viel Aufhebens gemacht wurde, nicht gefördert, sondern sie ist auf unabsehbare Zeit geschädigt worden. Welch' armseliger Ghetto-Geist spiegelt sich dann darin, sich geschmeichelt Zangwili (London). zu fühlen dadurch, dass man Nach einer in Basel gemachten Momentaufnahme. mit einer mächtigen Regierung überhaupt verhandeln kann und welch eine Unkenntnis der englischen Verhältnisse. Den Grund, warum die englische Regierung ein solches Anerbieten gemacht hat, werde ich weiterhin besprechen, ich muss vorerst noch auf die schädlichen Folgen zurückkommen, welche diese unselige Abweichung vom Zionismus mit sich bringen muss. So lange wir zähe am Zionismus und Palästina festgehalten haben, so lange konnten wir hoffen, dass unser Programm von den Mächten gewürdigt — allen Anzeichen nach wird es schon jetzt gewürdigt — und zur geeigneten Zeit von ihnen unterstützt und zur Ausführung gebracht werden würde. Nicht so sehr aus Liebe zu uns, als vielmehr weil dadurch eines der schwierigsten Probleme der orientalischen Frage auf friedliche Weise gelöst würde. In dem Momente aber, wo die Juden sagen, es sei ihnen gleichgiltig, ob Zion oder irgendwo anders, in demselben Augenblicke entschwindet uns Palästina unter der Hand und ein jüdisches „Liberia" im Osten Afrika's wird uns angeboten, genau so, wie es den Negern im Westen Afrika's angeboten wurde. Wenn ein solcher Antrag jüdischen Wohl tätig keitsanstalten gemacht und von ihnen vorgebracht worden wäre, so hätten die Delegierten dieses Kongresses ihn mit Entrüstung von sich gewiesen, umsomehr müssen wir ihn von uns weisen, wenn er gar im Namen und in-Verbindung mit Zionismus gemacht wird. Wir haben es jetzt leider nicht mit rein akademischen Fragen zu tun. Die Frage ist nun einmal praktisch gestellt worden und sie muss beantwortet werden, nicht bloss in ihrem Verhältnis zum Zionismus, sondern im Zusammenhange mit der Frage der Judennot. Es handelt sich zunächst um das Prinzip, ob eine solche Siedelung erfist genommen werden darf, und welche Folgen das Annehmen oder das Ablehnen des Vorschlages nach sich ziehen könnte. Ob überhaupt eine Siedelung in Ost-Afrika möglich ist, ob und in wie weit sie der drängenden Judennot abhelfen würde, muss ich für ein anderes Mal mir vorbehalten ausführlicher zu behandeln. Welche Folgen wird es zunächst für den Zionismus haben? Nehmen es diejenigen, welche die Annahme des Beschlusses am Kongresse urgiert haben, damit ernst, so hört ihre Tätigkeit für die Förderung des rein zionistischen Programms auf. Sie müssen dann mit allem Eifer und mit aller Macht sich ausschliesslich dem Erfolge dieses Unternehmens widmen, und es bleibt ihnen weder Zeit noch Kraft, um noch etwas für Palästina tun zu können. Meinen sie aber, dass mit der Sendung einer Kommission die Sache abgetan sei, dass es bloss als diplomatisches Mittel benutzt werden soll in anderen Kreisen, wie angedeutet wurde, und erwarten sie einen negativen Bericht, dann spielen sie ein sehr gefährliches Spiel und begehen ein grosses Unrecht am jüdischen Volke, dem sie eine schwer zu verwindende Enttäuschung bereiten. Damit ist aber die Sache noch lange nicht fertig, denn an dem guten oder schlechten Berichte dieser Kommission haben sich noch andere Kreise stark interessiert, und es könnte zu den schwersten F.olgen führen. Wir müssen uns nämlich fragen, ob das gross mütige Anerbieten Englands so ganz frei von anderen politischen Motiven ist. Die moderne Realpolitik kennt sehr wenig von Sentimentalität. Ohne auch nur im mindesten die Grossmut der englischen Regierung anzweifeln, oder das hochherzige Anerbieten, für welches wir Juden stets die tiefste Dankbarkeit empfinden müssen, auch nur im entferntesten verkleinern zu wollen, so verhindert uns doch nichts zu erkennen, dass dieselbe kluge Regierung auch einen praktischen

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