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Ost und West · 1903-10-01 · Heft 10 (Oktober 1903) · p. Seite 675 - 676

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 10 (Oktober 1903)
Article
Zionismus und Neu-Zionismus
Date
1903-10-01
Page
Seite 675 - 676 (sequence 4)
Language
German
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675 Dr. M. Gaster: Zionismus und Neu-Zionismus. 676 ersten Liebe wieder zurück, und die Staätler haben sich wie der Ertrinkende an ein scharfes Schwert geklammert, ohne zu bedenken, dass sie sich die Hände dadurch zerschneiden ' werden. An Ausflüchten und Erklärungen fehlte es nicht,'sie waren so zahlreich wie Brombeeren, aber der ariti1 zionistische Charakter des neuen Vorschlages konnte nicht ganz weggeleugnet werden. Es verlohnt sich kaum der Mühe, all die Argumente hier zu widerlegen, die in der Hitze des Gefechtes und seitdem vorgebracht wurden, um jedenfalls Etwas für den Zionismus zu retten. Mit der „Vorbereittingsetappe" habe ich mich schon vorher abgefunden. Der Verfasser des geflügelten Wortes von den „Luftmenschen" kann, da die Juden doch nicht in der Luft schweben, es mit dem „Nachtlager" nicht ernst gemeint haben. Vom rein zionistischen Standpunkte aus leben wir ja stets im „Nachtlager", ungewiss des nächsten Morgens. Nicht umsonst spricht die jüdische Literatur vom „finsteren Goluss", von der Nachtherberge unserer Leiden und Demütigungen. Hinaus in das sonnenbeschienene Land, wo das ewige Licht der Freiheit und Begeisterung strahlt, das ist das Motto und die Triebkraft des Zionismus. Neue Experimente in der Schaffung von Nachtlagern können und dürfen wir nicht mehr unternehmen. Sojlen wir wieder unseren Enthusiasmus, unsere Arbeitskraft, unsere Hingebung in einen Boden säen, wo der Keim gleich erstickt wird? Wo schon jetzt, noch bevor der Versuch der Niederlassung gemacht worden ist, feindliche Stimmen laut werden, die uns das Recht dazu absprechen und noch ehe ein Jude den Boden betreten hat, ihn als „unerwünscht" von sich weisen! Ein anderer Einwand ist, dass man denn doch endlich der „Zerstreuung" unseres Volkes Einhalt gebieten müsste. Welche Unkenntnis der Geschichte unseres Volkes sich darin zeigt! Seit zweitausend Jahren lebt unser Volk in der „Zerstreuung", in der „Diaspora", die schon die Apostel kennen, und wir sind doch jetzt nicht viel schlechter darar# als wir z. B. vor fünfhundert Jahren zur Zeit der Auswanderung aus Spanien waren. Haben wir denn schon ganz den Glauben an die Unverwüstlichkeit unseres Volkes und an der Liebe unseres Gottes zu seinem auserwählten Volke verloren? Eine Siedelung in Afrika, weit entfernt davon, die Zerstreuten zu sammeln, wird nur die Zerstreuung noch vermehren und der wirklichen Sammlung in Zion allem Anscheine nach unter jetziger Richtung ein Ende bereiten. Wie auch das Wagnis ausfallen möge, so stehen, wir jedenfalls vor einer schwerwiegenden und folgenreichen Tatsache, die den Erfolg der zionistischen Tätigkeit sehr gefährden kann. Der jähe Sprung von Palästina nach Ostafrika scheint in erster Reihe all denjenigen Recht zu geben, die bisher die Erreichung des ursprünglichen Zieles, d.h. ein Heim in Palästina zu errichten, als' eine Utopie bezeichneten, als ein Unternehmen, welches an unüberwindlichen Schwierigkeiten zerschellen müsste. Wenn nun diejenigen, welche mit der politischen Führung des Zionismus betraut sind, das Unternehmen aufgeben und zwar kaum nach fünf Jahren, so müssen sie sich von der Unmöglichkeit der Durchführung überzeugt haben; sonst hätten sie gewiss nicht so leicht damit gebrochen, und einen Ausweg in Ostafrika gesucht. Noch viel mehr ist der Eindruck zu bedauern, den diese Schwenkung auf die Mächte und die bibelgläubige Christenheit machen muss, und, wie ich aus persönlicher Erfahrung weiss, auch gemacht hat. Wir laufen grosse Gefahr, alles das zu verscherzen, was wir bisher in der öffentlichen Meinung gewonnen haben, Die Sympathien des Kaisers, die wohlwollende Neutralität des Sultans und die versprochene Unterstützung der russischen Regierung, die alle nur von Palästina wissen, und nur dann helfen wollen, wenn wir unser Augenmerk unverrückt darauf halten. Der Gedanke, die Juden wieder in Palästina zu sehen, hat auch die bibelgläubigen Christen der Welt uns zu Freunden gemacht, und ohne die Unterstützung all dieser Faktoren ist es wahrlich nicht leicht einzusehen, wie wir sonst unser Ziel erreichen werden. Ein hervorragender christlicher Freund äusserte sich dahin, dass da die Juden nun ein gottgefälliges Werk tun wollten, so musste Satan unbedingt das WTerk zu zerstören versuchen, und so hat er, wie in alter Zeit, einen bösen Geist ausgesendet, um die Leiter irre zu führen. Und sie sind irre geführt worden. Eine Schaukel-Politik darf für den Zionismus nicht existieren, und eine Alternative durfte unter keinen Umständen einem zionistischen Kongress vorgelegt werden. Wenn die Leiter sich berechtigt gefühlt haben, ein ähnliches Anerbieten von Seiten des Sultans ohne weiteres abzulehnen, ohne irgend jemand zu fragen, ohne einem. Kongresse das Anerbieten zu unterbreiten, einzig und allein weil sie geglaubt haben, dass es nicht dem Baseler Programme entspreche, so hatten sie noch weniger Recht, ein grundverschiedenes, dem Baseler Pro-

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