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Ost und West · 1903-10-01 · Heft 10 (Oktober 1903) · p. Seite 679 - 680

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 10 (Oktober 1903)
Article
Zionismus und Neu-Zionismus
Date
1903-10-01
Page
Seite 679 - 680 (sequence 6)
Language
German
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679 Dr. M. Gaster: Zionismus und Neu-Zionismus. 680 Zweck damit verbindet. Allgemein bekannt ist, dass vor kurzem hier eine „Fremden-Kommission" getagt hat, die zum Erstaunen Aller und wider Erwartung, eine Reihe drastischer Beschlüsse fasste, die ganz dem englischen Geiste der Freiheit zu widersprechen scheinen. Nun kommen der Regierung, die mehr oder minder verpflichtet ist, diese Beschlüsse dem Parlamente zu unterbreiten, die zionistischen Unterhändler wie erwünscht. Die englische Regierung unterhandelt mit jedem, bei welchem sie ihre Rechnung findet; und so tun es alle Regierungen. Hier war ein ausgezeichneter Ausweg, wie man solche Beschränkungen jedenfalls vorlegen und doch seine Sympathie den Verfolgten zeigen konnte. Mit Wahrung der eigenen Interessen im Lande konnte die englische Regierung auch auf hochherzigste Weise den armen Verfolgten helfen. Diesen konnte es ja gleich giltig sein, wo sie eine Unterkunft fanden, solange ihnen nicht eine gesicherte Unterkunft geboten würde. Die Einwanderer aus Russland, Rumänien etc. brauchten dann nicht mehr nach England zu gehen, da man ihnen ein freies Land zum Aufenthalte bot. Auf diese Weise würde dann in legitimer Weise der Strom der Auswanderer zunächst von England abgelenkt, und dann auch von Amerika. Es ist daher begreiflich, dass ein Vertreter des amerikanischen Judentums, der, soweit ich sehen kann, zum ersten Mal den Kongress besucht hat, diesen Vorschlag, den er richtig verstanden hat, auch mit allem Eifer verteidigt. Sind doch die repräsentierenden amerikanischen Juden emsig bestrebt, den Strom der Auswanderer von Amerika fern zu halten und so viel als möglich abzulenken. Sie befürchten sonst eine Störung ihrer eigenen politischen Stellung, das ist aber himmelweit entfernt von Zionismus und birgt eine grosse Gefahr in sich. Die anderen Mächte könnten dann ohne Zweifel von dem grossartigen Anerbieten Englands den ausgiebigsten Gebrauch machen und die Juden, die nicht freiwillig hinauswandern, auf polizeilich-administrativem Wege dorthin exportieren. Sie würden zum mindesten durch gesetzliche Vorschriften verhindert werden, irgendwo anders zu landen, und man würde mit Recht auf Ost- Afrika hinweisen können, als der einzig berechtigte Ort, nach welchem sich, besonders arme, Juden hinbegeben müssten. Gesetzt nun der Fall, dass der Bericht der Kommission ein abfälliger sein wird, und ich habe noch keinen Einzigen hier gesprochen, der die Verhältnisse dort kennt und der nicht einen solchen Bericht erwartet, dann wird der Schaden ein noch viel grösserer sein. Die hochgespannten Erwartungen werden einer bitteren Enttäuschung weichen müssen. Das arme leidende Volk, von einem Extrem ins andere geschleudert, wird an sich selbst schwankend gemacht; verzweifelt durch die doppelte Unmöglichkeit, von den Führern der Zionisten geschaffen ■— weder Palästina noch Ostafrika — wird den Glauben an sich und seine Zukunft verlieren, und das Elend, gross, wie es nun schon ist, wird ihm noch viel grösser erscheinen. Seine Ideale zerbrochen, seine Stützen untergraben, seine Hoffnungen getäuscht! Von den Folgen, welche unsere Feinde davon ziehen werden, spreche ich am liebsten gar nicht. Das Los der Armen wird ein härteres und das der Andern, die sich jetzt in falsche Hoffnungen wiegen wenig, beneidenswert sein. Sogar im Elend gibt es Schattierungen und Abstufungen. Diese sind einige der Gefahren für das gesamte Judentum, welche diese Ueberrumpelung des Kongresses in sich birgt. Es ist daher unsere Pflicht, d. h. all derjenigen, welche auf dem alten Standpunkte des Baseler zionistischen Programmes unverbrüchlich stehen und das Heil unseres Volkes ausschliesslich allein im heiligen Lande sehen, gegen diesen letzten Beschluss zu protestieren. Er steht in direktem Widerspruche mit unseren Prinzipien, er ist eine Verleugnung des Zionismus und ein Bruch mit unserer Vergangenheit und eine Gefährdung unserer Zukunft. Der Beschluss, Zion in Ostafrika zu suchen, ist und kann nicht bindend für uns sein. Wir bleiben nach wie vor treue Anhänger unserer Hoffnungen und Ideale, und streben nach wie vor, unser Heim in Palästina zu errichten, um dort ein neues Leben im Judentum zu beginnen und die geistigen und körperlichen Fesseln zu sprengen, welche unser Volk noch in der Zerstreuung trägt. Das Banner Juda's wollen wir auf die Zinnen Zions pflanzen, einen wahren Sammelpunkt für die Zerstreuten unseres Volkes schaffen, der Judennot ein Ende bereiten und von dort aus der Menschheit die frohe Botschaft senden einer neuen Aera von Freiheit, Gleichheit und Recht.

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